Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Untertauchen

Nein, verschwinden will ich eigentlich nicht, aber manchmal einfach unter die Oberfläche sinken. Keine Wellen machen, sanft nach unten gleiten, die Augen offen, die Sinne wach, aber alle Kommunikationskanäle gekappt (wenn möglich auch die zum eigenen Hirn). – Vielleicht, so dachte ich heute, ist eine solche Form des Verlorengehens auch eine Art Schutz vor Alzheimer? […]

Café d’oro

Wer in eine Großstadt zieht, mag Friedhöfe schon früh als ruhige Inseln im Alltagsrummel entdecken. Wer älter wird, kommt vielleicht öfter vorbei, um mehr und mehr eigene Tote zu besuchen. So geht es mir mittlerweile. Wenn es schön ist, mache ich mich auf den Weg, komme an, stehe vor dem Grab und, ja eigentlich – eigentlich […]

Kanzlerkohl

Die beiden schienen verwachsen: Das Amt und der Mann. Meine ganze Jugend war Kohl-Ära, vielleicht ein Grund, weshalb ich mich als junge Frau nicht für Politik erwärmen konnte – nicht meine Welt! Und wie naiv! Viel später lernte ich Menschen in meinem Alter kennen, die einen ganz anderen Schluss gezogen hatten: Jetzt erst recht! Seit […]

Wahrheit

Als ich jünger war, habe ich überall nach der Wahrheit gesucht. Dass ich sie nicht finden konnte, hat mich oft zur Verzweiflung getrieben. Bis ich begriff, dass es die Wahrheit so nicht gibt. Es gibt Fakten und es gibt Wahrheiten (beide im Plural) – Fake News sind übrigens in dem Sinn keine Fakten, sondern wissentlich […]

Wellenbewegung

Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben. Auch mein Vater macht sich langsam auf den Weg. Er ist 88. Ziemlich fit. Aber der Tod meiner Mutter hat ihn doch gezeichnet. Sein Elan lässt deutlich nach. Er weiß nicht mehr, warum er etwas heute tun soll, wenn er es doch auch morgen tun könnte. Und dann – […]

Eigenverantwortung

Ein großes Wort für eine kleine Sache. Für deren Verständnis ich aber Jahrzehnte gebraucht habe: 1. Wenn ich es nicht mache, macht es niemand. 2. Die Schuldfrage ist aus meinem Denken zu streichen. Für die erste Einsicht gab es gestern eine überraschende Bestätigung. Der Eames-Stuhl, den ich mir vor lauter Ferienbegeisterung bestellt habe, kam. Ich […]

Virtueller Flugraum

Berlin und seine Flughäfen… Doch, ich bin für den Weiterbetrieb von Tegel, einfach, weil dieser Großstadt-Flughafen so übersichtlich ist. Aber am besten gefällt mir Tempelhof. Welche Stadt leistet sich schon einen stillgelegten Flughafen im Zentrum (wo auch immer das in Berlin so ist) und in ganzer Pracht. Aus der Abfertigungshalle kann man nur noch Traumreisen […]

Sieht so der Montag aus?

Jedenfalls guckt der genauso unerbittlich über die Horizontkante wie sich das Aufwachen heute anfühlte. Ich will an den Strand, Stöckchen suchen. Geschenkt. Das kann ich in Berlin knicken, obwohl es im Herbst manchmal schönes Treibholz im Wannsee gibt. Vier Arbeiten sind ganz dringend, der Rest türmt sich weiter hinten auf dem Regal. Ich müsste irgendwie […]

Pioniere

Selten hat man so viele erste Male, wie auf Reisen. Oder besser: Erste Blicke. Erst jetzt habe ich verstanden, warum Reisende so oft den Wunsch haben, auf eigenen – und nicht den ausgetretenen – Pfaden zu wandeln (oder wohl eher: zu wandern). Es ist aufregend. Man kann sich wie der erste Mensch fühlen. Da stört […]

Gefahren des Kaffeegenusses

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Morgens um fünf ging der Tag los. Und als erstes ging die Kaffeemaschine an den Start. Meine Eltern konnten schon früh beide auch abends noch ein Tässchen vertragen. Als ich ins Kaffeealter kam, war das für mich ein großes Rätsel. Mittlerweile tue ich es ihnen nach. Klar, der Kaffee zu […]