Tag der deutschen Einheit

Nein. Nicht abschaffen! Wie Jana Hensel vorschlägt. Wir sind mit dem Thema noch längst nicht durch. Und obwohl auch mir die ewig gleichen Wessi-Ossi-Vergleiche auf den Senkel gehen: Ich weiß nach wie vor zu wenig zum Beispiel über meine Generation, die in der DDR aufgewachsen ist. Das heißt über die Menschen, die damals noch im Studium steckten, oder ihr Studium gerade abgeschlossen hatten, um festzustellen dass es (meist) nichts mehr Wert war. Deren Weltsicht zerbrach oder sich in eine Richtung hin verzerrte, die sie so nicht hatten kommen sehen. In einem ze.tt-Artikel von heute schreibt Seyda Kurt, wie nah eigentlich die Erfahrungen von Migrant/innen und Ostdeutsche im „wiedervereinigten Westen“ sind und waren. Und dann aber doch: Hoch die Tassen! Es kann nur besser werden. Obwohl mir selbst mulmig ist: Für heute liegen gleich mehrere Aufrufe zu Nazi-Gegendemos in meinem E-Mail-Fach. Andererseits: Nationale Feiertage wollen nicht nur, dass wir uns selbstgewiss auf die Schulter klopfen. Auch für eine geglückte Geschichte muss immer wieder etwas getan werden. Allen einen schönen 3. Oktober!

Do you read me?

Die Art Week in Berlin geht heute in die letzte Runde, und obwohl bestes Wetter ist: Hingehen! Nicht dass ich denke, die Kunst sei dieses Jahr unbedingt besser als sonst. Aber das tolle, kühle und strahlende Wetter regt an, mein Kopf jedenfalls war frei und mein Blick frisch. Und was es nicht alles zu sehen gibt!

Tatsächlich habe ich zwei Künstler für mich entdeckt, ich werde hier später noch darüber berichten. Gleichzeitig war es ein vergnüglicher Rundgang, weil viele der Besucher/innen so schön angezogen waren (mir gefällt das), weil Schulklassen durch die Messe oben im Tempelhofer Flughafen (von dort ist auch das Foto) rumwuselten, und mit großer Selbstverständlichkeit Galerist/innen mit ihren noch (!) ungelenken Fragen bombardierten – sie gucken so unverstellt und sagen gleich, was sie denken, hach.

Ja, davon sich drei Scheiben abschneiden, und dann mal unbefangen loslaufen. Was gefällt mir? Und warum? Vergleichen. Schauen, was meine Kollegin sich anschaut, was sie fotografiert. Sich notiert. Mit meinen Highlights vergleichen. Am Ende ist so ein Messerundgang ja auch eine Tour durch eine Art vielstimmigen Chor von Angeboten. „Do you read me?“ scheinen einem die Kunstwerke zuzurufen – siehst du, hörst du mich? Verstehst du, was ich meine?

Doch, ja, und immer wieder: Kunst hält den Blick frisch. Was für ein Unterschied von vorher und nachher. Ich meine, Ich habe die Welt nach dem Rundgang wieder mit anderen Augen gesehen – und wurde nicht nur mit dem „ozeanischen Himmel“ vom letzten Eintrag belohnt.

 

Das Foto zeigt einen Blick durch die Messehalle, von der Berliner Galerie Guido Baudach über die ebenfalls in Berlin ansässigen Galerie neugerriemenschneider rüber zum Leipziger „Kleindienst“. Das strahlende Wetter kam aus Berlin.

 

„Blond Poison“ in der Brotfabrik

Mutti, Vati, Pünktchen (wahlweise Prinzessin) – es ist eine kleine, behütete Welt in die für die Familie Goldschlag die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten mit voller Wucht einschlägt. Der Vater, Journalist und Komponist, glaubt sich nicht in Gefahr. Man hört abends „Lieder“ (vornehmlich die von Schubert), lebt als „Deutsche jüdischer Herkunft“ ein gutes Leben. Mutti und Pünktchen sind blond, was ihnen mehr als einmal in den folgenden Jahren das Leben rettet. Sie verachten Juden um sich herum, ihre Kultur ist die des Berliner Westens jener Zeit.

Der Sturz für Pünktchen, die mit Vornahmen Stella hieß, und zu einer bildschönen Frau heranwuchs, war enorm. Sie, das deutsche Mädchen, war Jüdin. Wahrscheinlich lag schon hier der Grund ihrer Verwandlung in eine eiskalte Menschenjägerin, die in den 1940er Jahren Jüdinnen und Juden an die Gestapo verriet und dafür ihr eigenes Leben retten konnte.

Nein, es ist keineswegs nur ein historisches Stück, das wir mit „Blond Poison“ noch bis zum 3. Oktober in der Berliner Brotfabrik zu sehen bekommen. Es trifft einen empfindlichen Nerv unserer Zeit, unseren Umgang mit Migranten, mit Ethnien, mit Identitäten, mit nationalen Vorstellungen. Oder eben gerade unseren Nicht-Umgang damit, weil die Fragen komplex sind, und wir uns wie Vati Gerhard Goldschlag vielleicht – oder zumindest gelegentlich – zu sicher auf der richtigen Seite fühlen.

Hätte es für Stella Auswege gegeben, wo sie längst keine mehr sah? War es eine Charakterfrage, weshalb sie „böse“ wurde? Und war das wiederum der Grund, weshalb sie sich (erst) im Alter das Leben nahm? Wie lange dauert es, bis Verfolgung und Todesangst einen Menschen korrumpieren? Gehen die Gefühle, geht die Liebe verloren in dieser Zeit? Wie kann man mit einer solchen Erfahrung weiterleben? Und wozu?

Das intensive Ein-Personen-Stück der britisch-südafrikanischen Autorin Gail Louw basiert auf der wahren Geschichte der Stella Goldschlag. Unter der Regie des Briten Robert Chevara kommt es – in englischer Sprache – zum ersten Mal (wenn ich das richtig verstanden habe) in Deutschland auf die Bühne. Die neuseeländische Schauspielerin Dulcie Smart spielt Stella in einem flackernden Vor und Zurück zwischen den Zeiten, zwischen Erinnerung und Verdrängung, Wahrheit und Selbstbetrug. Für mich die verwirrendste Erfahrung von gestern Abend, als ich das Stück gesehen habe: Ich konnte Dulcie, die ich persönlich kenne, zeitweise nicht wiedererkennen. Nicht, dass sie auf der Bühne besonders geschminkt gewesen wäre (wenn natürlich auch etwas mehr als im privaten Leben). Ich schaute sie an, und dachte: „ich kenne sie, ich kenne sie! Aber ich erkenne sie nicht wieder.“ Zum Glück ist mir das nur als Zuschauerin vor der Bühne passiert. Wie erschreckend muss ein solcher Moment im „wirklichen“ Leben sein!

bis zum 3. Oktober, Tickets unter http://www.brotfabrik-berlin.de

 

Zurück zur Natur?

Wir Menschen in den Großstädten stehen am bisherigen Ende einer Entwicklung, die Fortschritt heißt, und die uns weiter und weiter in Richtung Zivilisation hat gehen lassen. Vielleicht ist das Bild, das Chamisso im Peter Schlemihl verwendet, nämlich den Verkauf des Schattens, dafür eine gute Illustration. Wir haben auf Vernunft und Rationalität gesetzt, wir haben unsere Vergangenheit, unser Un- und Unterbewusstes, kurz, unsere Schatten nun, nicht verkauft, sondern aufs Spiel gesetzt oder entsorgt.

Aber auch wenn ein Schatten ein dunkles und luftiges Ding ist, hält es uns auf seine Schattenart am Boden fest. Wer einen Schatten wirft, ist da. Zumindest für die kurze Zeit eines Lebens. Dumm nur, dass lange Zeit Schatten als schmutzig galten, als überflüssig. Ohne Schatten ist man nicht mehr von dieser Welt. Und das ist auf dieser Welt tatsächlich ein Handicap.

Worauf ich hinauswill? Es gibt immer wieder Menschen, die vermeintlich rückständig leben, oft despektierlich „Einheimische“ genannt, oder „Ureinwohner“, die ihre Schatten ins 21. Jahrhundert gerettet haben. So verkürzt geschrieben, klingt das auch schon wieder falsch und vor allem etwas „von oben herab“. Dennoch habe ich den Eindruck, dass wir in den hoch zivilisierten Ländern unsere Hoffnung auf andere Lebensentwürfe setzen sollten. Um unsere eigenen Schatten wieder zurück zu gewinnen.

Das wird aber nicht durch ein wie auch immer geartetes „zurück“ gelingen. Sondern durch Schritte nach vorn. Ich denke, eine Verwandlung ins Neue mit unseren alten Schatten wäre eine Option. Wie wenn wir uns etwas zurückgewinnen um damit in die Zukunft zu starten. Alles ein bisschen verwirrend? Ich hatte gestern die Gelegenheit, eine kleine, feine Ausstellung des australischen Künstlers Christian Thompson zu sehen, sie läuft noch bis Ende des Monats in der Berliner Dependance der Michael Reid Galerie. Videos sowie andere Arbeiten (Performance, Fotografie) von Christian Thompson sind überdies zahlreich im Netz zu finden. Tatsächlich – und auch wenn es pathetisch klingt oder ist – hier sehe ich Hoffnung.

Den Drachen satteln

Heute ist nicht nur Montag. Heute habe ich einen Berg zu besteigen. Die wachsen gelegentlich auch aus dem Kreuzberger Alltag heraus und wollen bezwungen werden. Aloa! sagt meine Freundin Antje dann gern. Und: Euch allen einen guten Start in die neue Woche!

Darauf muss man erst mal kommen:

Orkan Handel.

Da sehen sie beim Geoengineering schon alt aus. Ich meine: Gibt’s alles schon. Gestern war in Berlin so eine Panik vor dem Wettereinbruch, dass es gegen 19:00 keine Taxen mehr gab – dabei regnete es nicht mal…

Ansonsten: Das Foto als Erinnerung an den gigantischen Sommer. Willkommen Herbst!

 

 

Werden, wer man ist

Es mag altmodisch klingen, was eine alte Dame zu sagen hat, es mag sich unseren Vorstellungen von Autonomie und Ego entgegenstellen oder – schlimmer noch – moralisch klingen. Aber was Ágnes Heller sagt, speist sich nicht nur aus einem langen Leben. Sie ist Philosophin und politisch wach, sie musste mehrfach vor unerträglichen Umständen in Europa (und schließlich aus Europa) fliehen, und legt ihre Aufmerksamkeit mittlerweile auf die Gefühle, denen sie eine größere Macht zuschreibt als dem Intellekt (wenn ich das in dem anderthalbstündigen Podiumsgespräch – aber hallo! Die Frau ist 90 – richtig verstanden habe).

„Werden, wer man ist“, für Heller die kurze und bündige Beschreibung von menschlichem Glück. Und dann sagt sie etwas vermeintlich simples, nämlich dass wir uns bei schwierigen Entscheidungen mit guten Freunden beraten sollen. Nicht weil sie das besser wissen. Sondern? Menschen brauchen Menschen. Und wer sich aus dieser Notwendigkeit ausklinkt, aus manchmal noch so verständlichen Gründen, droht sich in eine Unmenschlichkeit zu verabschieden. ACHTUNG! Das ist gerade sehr vereinfacht geschrieben. Doch weil wir uns selbst in vielen Punkten unsichtbar bleiben, ist es wichtig, raus zu gehen, Gedanken zu vergleichen und auf den Prüfstand zu stellen. Sonst bleibe ich in mir selbst eingeschlossen. Philosophie ist nichts anderes als Diskussion. Warum sollten wir nicht alle ein bisschen mehr Philosoph/innen werden?