Mehr Sahne!

Punk ist nicht so meins. Ob Feine Sahne Fischfilet ins Bauhaus Dessau passt – eine andere Frage. Dass sie ausgeladen werden, ist weit mehr als ärgerlich: es ist gefährlich. Weil wir uns den Boden unserer Freiheit einmal mehr unter den Füßen wegziehen. Ein kluger Kommentar dazu von Jens Balzer auf ZeitOnline. Hier der, wie mir scheint, entscheidende Punkt:

„So wie die Neuen Rechten die Politik ästhetisieren und mit kalkulierten Mehrdeutigkeiten durchsetzen – so wollen sie umgekehrt der Kunst jedes Recht auf Nicht-so-gemeint-sein entziehen. Es gehört zum Wesenskern dieser politischen Ideologie, dass sie die Hoheit über die Ambivalenzproduktion absolut für sich allein beansprucht. Ästhetische Gegenstände kommen in diesem Weltbild nur noch als Medium zur Verbreitung eindeutiger politischer Botschaften vor.“

Kunst muss mehr bleiben, als eine vermutete Gesinnung, eine verdächtige Botschaft, eine eindeutige Handlungsanweisung. Kunst ist immer auch ein „Narr“, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, und als solcher Schutz vor jedem und allem verdient. Denn es gibt nicht nur eine Wahrheit, und vor allem längst nicht nur die, die „common sense“ ist.

 

 

 

Stay Curious

Seit Tagen schon nehme ich mir vor, abends einmal alles aufzuschreiben, was ich am Tag gemacht habe. Jeden Abend kapituliere ich vor der Aufgabe, weil klar ist, dass ich mindestens eine Stunde brauchen würde, wenn nicht mehr, um auch nur eine ungefähre Stichpunktliste hinzubekommen. Und es ist stets zu spät, um damit noch anzufangen. Aber die Idee hat was, zumal ich, wenn ich den Tag rekapituliere, echt erstaunt bin, dass das erst eben war, in der Erinnerung scheint sich schnell alles in „immer schon“ zu verwandeln (vielleicht, weil viele Alltagsdinge sehr ähnlich sind). Immerhin ein Detail gibt es noch: Diese reizende Taube mit Mickey-Mouse Ohren habe ich heute fotografiert.

Herbstlicht

Dass Melancholie in den Herbstmonaten liegt, ist eine Binsenweisheit. Und wie alle möglichen Weisheiten, entdecke ich sie ganz regelmäßig wieder… In diesem Jahr allerdings erscheint mir die Melancholie besonders stark. Ob es mit dem Licht zu tun hat? Mir ist, als würde ununterbrochen Schönheit über alles um mich herum ausgegossen. Selbst der zarte Mond, der die täglich wachsende Dunkelheit einläutet, sieht mir schöner aus als sonst. Und je leuchtender und schöner, desto zerbrechlicher und vergänglicher erscheint mir alles. Heute dachte ich sogar, es wäre ein perfekter Tag zum Sterben.

Großstadtwildnis

So ein schönes Gebüsch! Steht ganz bei mir in der Nähe. Und sieht aus, als wäre es sehr weit weg zu Hause. In menschenleerer Gegend. Vielleicht sogar mit ein paar Kojoten als Untermieter (Kängurus?). Jahrelang bin ich dran vorbeigelaufen. Ohne einen Blick. Was passiert, wenn wir etwas – nicht – sehen? Ganze Kapitel bleiben ungeschrieben. Umgekehrt: was musste ich alles schon gesehen haben, um Dich zu erkennen?

Süchtig nach Himmel

je älter ich werde, desto mehr liebe ich das, was ich vom Himmel sehen kann. Himmel, da gucke ich doch gleich mal nach, weil ja, nachts denkt man doch glatt schon ins All zu schauen, aber tags ists gerade mal die blaue Halbkugel über einem (und einer meiner). Aufenthalt Gottes bietet das Wörterbuch an, und ich denke, ja, wenn schon, dann dort. Im Türkischen ist der Blauäugige der Himmelsmann. Den Schuh ziehe ich mir jetzt einfach mal an, auch wenn er nicht ganz passt. Tatsächlich aber sehe ich in den blauen Augen des Gegenübers stets das Licht des Himmels. Luz. Licht. Mein Herz.

Marguerite Duras und Simone de Beauvoir

Alter und Sexualität. Im Grunde sind es diese beiden Themen, die mich bei diesen beiden Schriftstellerinnen fesseln. Die Frage, wie wir Identität herstellen und leben. Warum das Geschlecht nach wie vor eine wesentliche Rolle spielt oder wie und warum wir gerade an dem Punkt auf Polarität bestehen. Scham und Schamlosigkeit sind bei beiden Frauen ein zentrales Thema. Anpassung, Exhibitionismus, Scheitern, sich aussetzen, sich zurücknehmen. In den Texten, aber auch in ihren eigenen Lebensgeschichten. Lust und Einsamkeit. Die Verlorenheit jedes einzelnen Menschen, die bei Marguerite Duras immer wieder im Bild des Ozeans aufleuchtet. Schön und gefährlich zugleich. Modern sind beide, ihre Blicke unverstellt und kühl. Es geht darum, Neuland zu betreten. Auf dem wir heute, wenn wir ehrlich sind, immer noch unterwegs sind. Aber es berührt mich, wie wenig Material zur Verfügung stand und wie Simone de Beauvoir daraus ihre Schlüsse zieht, hier zum Beispiel:

„Die Ansicht, dass bei Frauen der Geschlechtstrieb sehr lange anhält, wird durch die Beobachtungen an lesbischen Frauen bestätigt. Manche behalten über ihr 80. Lebensjahr hinaus erotische Aktivitäten bei. Das beweist, das sie noch sexuellen Begehrens fähig sind, auch wenn sie in den Augen der Männer schon lange nicht mehr begehrenswert sind.“

Und ach, liebe Simone, alte Männer sind je nachdem auch nicht mehr so die Kracher…

Vorbereitet sein

Noch für meine Eltern war der Herbst nicht nur diese schöne goldene Zeit mit Drachensteigen, Kartoffelfeuer und Kastaniensammeln. Obwohl, doch, die Kastanien waren Teil ihres Programms, aber natürlich ging es um Esskastanien. Mein Opa soll morgens schon um Vier aufgestanden sein, um vor der Arbeit in den Park zu gehen, wo es Esskastanien gab. Mit Sack und einem Stock, in der Hoffnung, der Erste zu sein. Nö. Der Stock kam nicht zum Verprügeln der anderen Suchenden mit, sondern um nach den Kastanien zu werfen. Im Dunkeln. Da waren im Keller schon die Äpfel auf jede freie Fläche gelegt, damit sie bis weit in den Winter ohne zu schimmeln durchhalten würden. Eingeweckte Pfirsiche gab es auch. Aber nur wenige Gläser. Ich kann mich auch noch erinnern, dass die Mutter eines Freundes die Spätsommerabende damit verbrachte, Gurken einzulegen.

Mein Leben hat sich von dem jahreszeitlichen Rhythmus völlig entkoppelt. Allein schon, weil ich weder Keller noch Abstellkammer habe. Vorräte horte ich höchstens noch für meine Büroarbeit in Form von Papier, Druckerpatronen, Stiften und Ersatzkabel.

Vorbereitet sein. Das war früher offensichtlich Teil eines Lebens. Heute sind zumindest die praktischen Bedürfnisse ad hoc zu erfüllen. Und wer zu spät kauft oder eine Reise bucht, hat höchstens mit höheren Preisen zu tun, nur weniges lässt sich nicht doch noch irgendwie besorgen. Warum ich überhaupt darauf komme? Einwecken, backen, dörren sind Küchentechniken, die wir gerne wieder aufnehmen. Weil es schmeckt, vielleicht weil es uns an unsere Kindheit erinnert. Weil wir etwas eigenes gegen die vorproduzierten Nahrungsmittel setzen wollen. Im Grunde braucht es dafür jedoch Zeit, die wir meist nicht mehr haben. Es ist altmodisch. Und wie meine Wohnung zeigt, eigentlich nicht vorgesehen. Lachen wir nicht sogar manchmal über Leute mit Hamster- oder Eichhörnchenmentalität?

Es gibt im Neuen Testament die Geschichte von den törichten und den klugen Jungfrauen. Im Grunde hat sie mich immer sehr erschreckt, weil töricht gar nicht mal dumm war, sondern eher im „Hier und Jetzt“, wie es neudeutsch gerne heißt. Während die klugen vorhergesehen hatten, dass nach einem Tag auch eine Nacht kommt, und es sinnvoll ist, das Öl für die Lämpchen für die Dunkelheit aufzubewahren. Eine ähnliche Geschichte gab es für Kinder. Wo die Tiere den Sommer genießen, und nur die, die Vorräte gesammelt haben, während die anderen spielten, über den Winter kommen würden. Mir haben beide Geschichten nie so besonders gut gefallen. Ich hatte immer das Gefühl, dass hier die „Streber“ belohnt würden. Dennoch frage ich mich, ob etwas dran ist, am vorbereitet sein. Ob dieses, scheinbar im Überfluss selbst überflüssig gewordenes Denken und Handeln etwas sein könnte, was wir uns besser wieder draufpacken würden. Und wenn ja, wie? Habt Ihr darüber schon nachgedacht?

P.S. Mir ist mein Eintrag von Gestern versehentlich verloren gegangen. Sorry für die, die schon einen Kommentar geschickt hatten.

 

 

 

 

 

Familie

Habe ich lange unterschätzt. Vielleicht weil ich zu diesen Arbeiter-Familien-Kindern gehöre, die raus wollten. Abitur machen, und dann ganz weit weg. Denn das gehört zu den Dingen, die Familien ungern tolerieren: Dass jemand ausbricht. Wohin auch immer.

Als „schwarzes Schaf“ lebt es sich besser ohne Herde. Dachte ich zumindest lange Zeit. Die Krankheit meiner Mutter hat mich zurück zur Familie gebracht, zwangsläufig, und ebenso ungewollt (wahrscheinlich von allen Seiten). Das war mein Glück, auch wenn das fast zynisch klingt. Ich habe eine Tante samt angeheirateten Onkel überhaupt erst kennengelernt, ich habe den Kontakt zu meiner Cousine, die, als ich noch zu Hause lebte, eine enge Freundin war, wieder aufgenommen, meinen Vater überhaupt erst wieder zur Kenntnis genommen. Das war mühsam. Und am Anfang eher „Arbeit“ als alles andere. Aber ich hatte hier die Gelegenheit, mich selbst noch einmal anders zu sehen. Zu begreifen, dass das, wo ich herkam, eben nicht nur Mist war oder ein Gefängnis. Welche Mechanismen griffen, und dass die Grausamkeiten, so sehr sie in der Verantwortung der einzelnen Personen stehen, aus anderen Kanälen kamen, als aus purem Sadismus, wie mir lange schien.

Mit diesem Familien-Gefühl habe ich auch meine Freundschaften noch einmal anders begriffen. In dem Sinn, dass ich meine Freund/innen wirklich brauche. Dass sie nicht nur schmückendes Beiwerk sind für ein gelungenes Leben. Sie machen erst die Atmosphäre, die ich brauche, um ich zu sein. Alleine ist das niemals möglich, auch wenn im Alleinsein viel Gutes liegt und eben auch der Raum, sich selbst und seine Gedanken erst mal zu entfalten. Froh, das habe ich gemerkt, bin ich nur in Bezügen zu anderen Menschen. Menschlichkeit ist vermutlich auch etwas, was genau (und nur) hier entsteht. Vielleicht liegt auch hier eine der größten Herausforderungen für Alleinlebende: eine Familie zu halten (und wenn es die „gewählte Familie“ des Freundeskreises ist), statt sich als autark zu verstehen. Und damit meine ich längst nicht nur ein dickes Adressbuch. Oder viele Leute, mit denen man was in der Freizeit unternehmen kann.