Familie

Habe ich lange unterschätzt. Vielleicht weil ich zu diesen Arbeiter-Familien-Kindern gehöre, die raus wollten. Abitur machen, und dann ganz weit weg. Denn das gehört zu den Dingen, die Familien ungern tolerieren: Dass jemand ausbricht. Wohin auch immer.

Als „schwarzes Schaf“ lebt es sich besser ohne Herde. Dachte ich zumindest lange Zeit. Die Krankheit meiner Mutter hat mich zurück zur Familie gebracht, zwangsläufig, und ebenso ungewollt (wahrscheinlich von allen Seiten). Das war mein Glück, auch wenn das fast zynisch klingt. Ich habe eine Tante samt angeheirateten Onkel überhaupt erst kennengelernt, ich habe den Kontakt zu meiner Cousine, die, als ich noch zu Hause lebte, eine enge Freundin war, wieder aufgenommen, meinen Vater überhaupt erst wieder zur Kenntnis genommen. Das war mühsam. Und am Anfang eher „Arbeit“ als alles andere. Aber ich hatte hier die Gelegenheit, mich selbst noch einmal anders zu sehen. Zu begreifen, dass das, wo ich herkam, eben nicht nur Mist war oder ein Gefängnis. Welche Mechanismen griffen, und dass die Grausamkeiten, so sehr sie in der Verantwortung der einzelnen Personen stehen, aus anderen Kanälen kamen, als aus purem Sadismus, wie mir lange schien.

Mit diesem Familien-Gefühl habe ich auch meine Freundschaften noch einmal anders begriffen. In dem Sinn, dass ich meine Freund/innen wirklich brauche. Dass sie nicht nur schmückendes Beiwerk sind für ein gelungenes Leben. Sie machen erst die Atmosphäre, die ich brauche, um ich zu sein. Alleine ist das niemals möglich, auch wenn im Alleinsein viel Gutes liegt und eben auch der Raum, sich selbst und seine Gedanken erst mal zu entfalten. Froh, das habe ich gemerkt, bin ich nur in Bezügen zu anderen Menschen. Menschlichkeit ist vermutlich auch etwas, was genau (und nur) hier entsteht. Vielleicht liegt auch hier eine der größten Herausforderungen für Alleinlebende: eine Familie zu halten (und wenn es die „gewählte Familie“ des Freundeskreises ist), statt sich als autark zu verstehen. Und damit meine ich längst nicht nur ein dickes Adressbuch. Oder viele Leute, mit denen man was in der Freizeit unternehmen kann.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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