Man mag es kaum glauben. Aber Begegnung scheint dem Bezirk wichtig. Wir sprechen von Kreuzberg, damit kein Missverständnis aufkommt. Die Bergmannstraße ist eng. Jahrzehntelang lag sie im Schatten der Mauer. Selten, dass Autos vorbeikamen, Lieferfahrzeuge schon, Anwohner. Ansonsten führte es hier nicht mehr weit. Dass der Bergmannkiez nach dem Fall der Mauer zu einem Trendbezirk wurde, hat viel mit alter Bausubstanz und der günstigen Lage zu tun. Der Platz wird seitdem knapper, mehr Menschen tummeln sich, auf der kleinen Straße ist vor allem zu Stoßzeiten die Hölle los. Eine Idee sollte her (mehr Begegnung!). Seit 2009 gibt es eine kontrovers geführte Diskussion, und herausgekommen sind solche spielplatzartigen Konstrukte (im Fachsprech auch „Parklets“ genannt), die in eher kurzen Abständen zwischen den Parkplätzen aus dem Bürgersteig auf die Fahrbahn ragen. Herausgekommen – allerdings nur probehalber. Weil den Verantwortlichen vielleicht selbst klar wurde, dass das nicht funktioniert. Ca. 800.000 € sind bereits ausgegeben. Und jetzt? Ich frage mich, wie die Planung so an der Realität vorbei gehen konnte. Wo ist die an sich gute Idee, eine zu voll gewordene Einkaufsstraße zu beruhigen, schief abgebogen (vielleicht wirklich bei dem Anspruch, hier sollten Leute noch ausdrücklich zum begegnen animiert werden)?. Wahrscheinlich lässt sich das nur verfolgen, wenn man selbst an der Diskussion teilnimmt. Das werde ich ab Sommer auch machen, wenn Die Testphase vorzeitig beendet wird und die Karten (hoffentlich) noch einmal neu gemischt werden.
Jahrestage
Übernächste Woche ist es drei Jahre her, dass meine Mutter gestorben ist. Bislang hatte ich immer ihren Geburtstag als Anlass genommen, nach Hause ins Rheinland zu fahren. Dieses Mal habe ich mich für diesen Tag entschieden, und merke, dass es einen Unterschied macht.
Das Leben vom Tod her betrachten, einen Menschen von seinem Ende her sehen, ist eine Perspektive, die mehr zu bieten hat, als Trauer. Im Verlust zum Beispiel habe ich oft erst positive Dinge gesehen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Bei meiner Mutter ist es zum Beispiel immer wieder die Alzheimer-Erkrankung, die mir nicht nur meine Mutter im Alter wieder näher gebracht hat, sondern die mich auch einiges über „das Leben“ gelehrt hat.
Eine merkwürdige Koinzidenz ist mir heute klar geworden: Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, werden rastlos. Sie sind oft desorientiert, wissen nicht, wo sie sich aufhalten, oder wie sie in die augenblickliche Situation gekommen sind. Das hat oft zur Folge, dass sie immer weiter wollen. Schnell weg, irgendwo hin, vielleicht, um nicht auf Rätsel zu stoßen, wer die Leute jetzt schon wieder sind, die da rumsitzen oder stehen, um keine Fragen beantworten zu müssen, oder um in der Bewegung das (gute) Gefühl haben, noch alles zu kontrollieren, die Welt zu beherrschen (oder zumindest, in ihr zu Hause zu sein). Die Rastlosigkeit ist hier ein deutliches Zeichen für das Wegbrechen des Kerns. Des Verlustes des eigenen Selbst.
Die Parallele, die mir plötzlich vor Augen stand: Dass ich Menschen, die immerzu keine Zeit haben, mehr und mehr meide. Natürlich haben diese Menschen oft andere Gründe. Aber an der Oberfläche sieht es gleich aus: Sie haben für mich keinen sichtbaren Kern mehr. Vielleicht wollen sie nicht, dass ich mehr von ihnen sehe (oder im Moment nicht mehr von ihnen sehe). Vielleicht rennen sie gerade vor sich selbst davon. Vielleicht wollen Sie sich einfach nur ein bisschen wichtig tun (ist voll o.k.) oder mir zu verstehen geben, dass ich eine lahme Ente bin (ja, auch o.k.). Aber der Verlust von Substanz, zumindest für mich als Gegenüber, ist gleich – und für mich gleich unangenehm.
Allerdings, wo „Gesunde“ hetzen, weil sie sich (vielleicht) nicht zeigen – oder zu lange aufhalten – wollen, sind Alzheimer-Betroffene am Ende natürlich die ehrlicheren Häute. Sie laufen nicht vor mir weg. Sondern (verständlicherweise) vor der Krankheit. Und dann gibt es – zumindest bei meiner Mutter war das so – noch eine überraschende Erkenntnis: Auch wenn Alzheimer-Betroffene am Ende alles verloren haben – sie behalten trotz allem ein rudimentäres, unverkennbares Selbst. Vielleicht ist es das, was wir uns unter dem Abstraktum „die Würde des Menschen“ vorstellen können. Und die ist, bei allem Schrecken dieser Krankheit tatsächlich nicht antastbar.
Alltag ist ein Straßentier
Wie oft wohl bin ich in meinem Leben schon einkaufen gegangen? Einkaufen von Lebensmitteln + Putzzeug, um genauer zu sein. Diese Art von Alltagstätigkeit ist für mich nicht die Schlimmste: Immerhin kommt man mal raus und wenns gut läuft, ist auch irgendeine Belohnung drin (am Wochenende aber eher mal eine Schlange…).
Wenn es geht, erledige ich den Einkauf unterwegs, das heißt, wenn ich eh draußen bin, also auf dem Weg zum oder vom Büro zum Beispiel. Meine kleine Wohnung hat auch eine kleine Küche und keinen Keller, so dass ich nicht gut horten kann. Frisch kaufen heißt da die Devise und so bin ich fast jeden (aber auf jeden Fall jeden zweiten) Tag unterwegs zum Markt oder Supermarkt (Fachgeschäfte sind eher die Ausnahme, also kein Einkaufsalltag, sondern, wenn man will der Einkaufsfeiertag).
Mit vollem Rucksack und Tüten in den Händen läuft es sich natürlich anders durch die Stadt als ohne. Meist kann ich nicht mal meine Kamera zücken, oder aber ich muss die Tüten abstellen, wie bei diesem Foto. Wer in einem der angesagtesten Viertel der Stadt lebt, kann da schon mal ins Stöhnen kommen. Wir haben normal breite Bürger/innensteige, aber sehr viel – sagen wir – Personenaufkommen, so dass der Heimweg mit dem Tütenberg oft eine Art Slalom ohne Abfahrt ist: also mühsam. In der Bergmannstraße haben wir zur Zeit auch noch Begegnungsinseln, was genauso schlimm ist, wie das Wort selbst.
Und der März kann besonders nervig sein. In meiner Erinnerung sind alle Märze grau. Auch wenn das sicher eine falsche – oder zumindest extrem verzerrte – Erinnerung ist. Überall singen sich die Vögelchen eins, was schön ist, aber dazu ist die städtische Restnatur sowas von deprimierend zurück, dass die kleinen grünen Punkte an den Ästen eher zeigen, wie trist es ist, als wie üppig das alles noch werden kann (der März braucht also in der Hinsicht immer eine Menge Fantasie).
Der März wird also mal sicher nicht mein bester Freund. Aber natürlich kennt er auch seine Highlights: Gestern zum Beispiel bin ich in „Rupert’s Kitchen Orchestra“ gelaufen und war (danach) bester Laune. Meinetwegen sind die nur eine weitere Art Straßenmusikanten. Aber sie ziehen nicht einfach vorbei, um abzuzocken. Sie stehen da und machen Musik mit Witz und einer ungeheuer freundlichen Art. Die Leute bleiben im Halbkreis auch für mehrere Lieder stehen, manche kommen ins Gespräch. Die Kinder tanzen und freuen sich sichtbar für alle anderen. Und wo in mir gerade mal wieder der Ärger über dieses völlig überschätzte Kreuzberg hochsteigt, habe ich im Null-Komma-Nix ein Grinsen im Gesicht. Alltag at its best sozusagen.
„Rupert’s Kitchen Orchestra“ „verbessert Berlin“ (ein Zitat aus einem ihrer Texte) seit neun Jahren. Gestern habe ich sie zum ersten Mal gesehen (und natürlich gehört). Toll, kann ich nur sagen und (mal wieder) 1:0 für Berlin.
Einzelkind sein
Fluch oder Segen? Die Zuschreibungen und Vorurteile kennen kaum Grenzen. Obwohl ich selten direkt angegangen worden wäre: Dass ich ein Einzelkind bin, hat mich für manche wahrscheinlich von vornherein suspekt gemacht.
Gemein, weil sich kein Kind gegen Geschwister entscheidet. Es kommen nur keine. Ob Kinder insgeheim wünschen, dass keine kommen, ist eine andere Geschichte. Ich selbst habe mir immer welche gewünscht. Erstens, um die Ältere zu sein und zweitens, um nicht mehr im Fokus meiner Eltern zu stehen, was sich, je älter ich wurde, zu einer echten Belastung auswuchs.
60er Jahre Einzelkinder hatten zumindest tagsüber Geschwister. Die Klassen platzten aus allen Nähten, in der Reihenhaussiedlung, in der ich groß wurde, hatten alle Gartenzäune Löcher, so dass wir Kinder ganz ohne die Straße zu betreten, Freund/innen besuchen konnten. Die Welt war damals tatsächlich klar getrennt – oder zumindest habe ich das so wahrgenommen – hier die Kinder, dort die Erwachsenen. Selbst als Einzelkind habe ich kaum mehr Zeit mit meinen (berufstätigen) Eltern verbracht als Geschwisterkinder. Diese Zeit habe ich auch nicht vermisst.
Meine Eltern haben mich nicht verwöhnt. Ich habe selten bekommen, was ich mir wünschte, und wenn ich besondere Aufmerksamkeit bekam, dann doch eher, wenn es ums Meckern ging. Einziges sichtbares Merkmal scheint mir bis heute, dass ich immer langsamer esse als Geschwisterkinder…
Dennoch denke ich, als Einzelkind einige Eigenschaften entwickelt zu haben, die sich mit Geschwistern vielleicht nicht so ausgeprägt hätten. Ich bin es gewohnt, alleine zu sein, und schätze das auch. Ich bin tatsächlich weniger gesellig, dennoch – vor allem tagsüber – sehr gerne unter Leuten, Freund/innen, Kolleg/innen. Nur abends, ja, ich mache gerne irgendwann die Tür hinter mir zu.
Weniger teamfähig zu sein, das habe ich an mir nicht beobachtet. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl (wer kennt sich schon selbst!?), dass ich insgesamt weniger konkurriere, dafür mehr teile, auch Wissen oder Kenntnisse. Ich bin gewohnt, eigene Entscheidungen von niemandem in Frage gestellt zu bekommen. Deshalb treffe ich gerne welche und verteidige sie auch. Hier kommt es gelegentlich zu Missverständnissen. Weil diese Verteidigung oft als Ablehnung von anderen Vorschlägen gelesen wird. Dabei streite ich einfach nur gerne und lasse mich noch lieber überzeugen.
Konkurrenz ist überhaupt ein Thema – bis heute habe ich das Gefühl, an der Stelle viel zu naiv zu sein. Ich wittere keine Konkurrenz, bis ich überrascht feststelle, den Kürzeren gezogen zu haben. Nein. Das macht mich nicht zum besseren Menschen. Das ist einfach doof. Denn Konkurrenz zu akzeptieren, ohne gleich misstrauisch zu werden oder zur Kampfmaschine, gehört, wie ich denke, zu einem klugen Umgang mit anderen.
Angeblich fühlen sich Einzelkinder mehr zu musischen und kreativen Aufgaben hingezogen als Geschwisterkinder. Das wäre bei mir der Fall. Ist mir jedoch nicht ganz plausibel: Ich habe zahlreiche Geschwisterfreund/innen, die meine Interessen teilen. Aber es gibt, das wiederum finde ich irre interessant, Geschwisterkinder, die wie Einzelkinder wirken. Karl Lagerfeld wäre für mich ein prominentes Beispiel oder Andy Warhol. Ich habe aber auch einige in meinem Freund/innen-Kreis – und ich denke immer wieder erstaunt, ah, XY hat doch noch eine Schwester/einen Bruder (wie heißt sie/er nochmal?…) Wie ist das bei Euch? Seid Ihr Einzelkinder? Oder habt Ihr vielleicht Schwierigkeiten mit ihnen?
Reminder:
Wir haben Karneval! Hoch die Tassen! Und ja, man kann auch unverkleidet mal ganz grundlos laut loslachen. Einen schönen Tag!
Ins Gespräch kommen
Wann habe ich das letzte mal mit jemandem gesprochen, den ich nicht kenne? – Das ist gar nicht so lange her, sechs Stunden vielleicht, an der Supermarkt-Kasse, als hinter mir jemand laut „Mist“ sagte, ich mich umdrehte, und fragte, ob er was vergessen habe. „Ja, das kommt vor, wird schon gehen“, antwortete der Mann, lachte kurz, und das war es dann auch mit unserer Konversation. – Gut. Wenn ich bedenke, dass ich mir meist einen kleinen Ruck geben muss, um Fremde anzusprechen. Schließlich ist das ja auch nicht immer passend. Aber tatsächlich gibt es in der Öffentlichkeit – nicht mal in so einer Großstadt wie Berlin – ausdrücklich Orte, an denen man ins Gespräch kommen kann mit Leuten, die man nicht kennt. Klar, im Café kann man jemanden am Nebentisch ansprechen, oder in der Bar am Tresen, im Kino oder natürlich im Museum oder in der Bibliothek. Aber im Grunde sind die Orte nicht in erster Linie dafür gemacht – und tatsächlich trauen sich nur wenige Menschen.
Schade, dachte ich. Eigentlich ist es doch das, was den meisten dringend fehlt. Das Reden miteinander. Das Kennenlernen. Das voneinander etwas lernen. Vertrauen, Interesse, Aufmerksamkeit, Wertschätzung. Schaut man von oben auf die Straßen der Stadt, sieht es aus, als schaue man auf Ameisenstraßen, in denen alle schnellstmöglich ihrer Wege gehen, ohne Innezuhalten und ohne sich anzusprechen, geschweige denn, anzulächeln. Komischerweise habe ich ganz dringend den Verdacht, dass es das (auch) ist, was zu dieser lähmenden Politik-Verdrossenheit in unserem Land geführt hat. Wir reden nicht mehr miteinander. Die Politiker/innen sollen es richten, und natürlich fallen die Ergebnisse immer anders aus, als gewünscht oder erwartet. Wie wäre es, wenn wir einfach wieder anfangen würden? Mit Menschen, die wir nicht oder wenig kennen, ins Gespräch zu kommen. Manchmal denke ich, dass es dieser einfache und zugleich schwierige Schritt sein könnte, wieder ins gesellschaftliche Leben zurück zu kommen.
P.S. Dem Mann auf dem Foto gehört ein Fahrradverleih in San Francisco. Er war der erste Mensch, mit dem ich mich auf meiner Reise durch Kalifornien unterhalten habe.
Alltag, Alltag, Alltag
Seit ich mir vor fünf Jahren eine Kamera gekauft habe, trage ich sie täglich bei mir, wenn ich die üblichen Wege gehe – denn die Kamera mitnehmen, nur wenn man in Ferien fährt oder ins Wochenende war nie so mein Ding. Natürlich ist schon alles „abfotografiert“ – würde alles, was ich je auf meinem Weg ins Büro und zurück geknipst hätte, weiß werden, wäre ich längst in einer Art Schneelandschaft unterwegs. Und dann passiert es eben doch. Ich schaue hoch, oder schief nach rechts, und sehe etwas, was ich noch nie gesehen habe – weder dort, noch woanders. So auch heute an einer Hauswand kurz vor dem Aldi in meiner Straße. Es ist dort in zwei, drei Metern Höhe angebracht und – was um alles in der Welt soll das sein?
Blonde Poison: Das Leben der Stella Goldschlag
Die Aufregung um das Buch „Stella“ von Takis Würger ist noch gar nicht so lange her. Im Kern ging es um die Frage, wie man über den Holocaust einen Roman schreiben kann. Fiktion und historische Gegebenheiten miteinander zu mischen, ist heikel. Weil die Frage nach dem Warum laut dröhnend im Raum steht: Warum hält ein Autor oder eine Autorin diese Begebenheit für nacherzählbar? Um so heikler, wenn es sich um eine historische Figur handelt: Was soll gezeigt werden? Und warum in der Fiktion?
Die Brotfabrik hat seit Donnerstag noch einmal das Einpersonenstück „Blonde Poison“ von Gail Louw (Regie: Robert Chevara) ins Programm genommen. Wie bei Takis Würger steht auch hier Stella Goldschlag im Zentrum, hier erzählt sie ihre Geschichte selbst, das heißt, sie setzt immer wieder an, verstummt, springt, schweigt. Schnell wird klar, dass nicht nur eine historische Figur spricht, sondern eine Frau wie Du und ich, eine Frau, die als junges Mädchen in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis gerät, alle Gefahren durch Verrat übersteht und am Ende des Krieges mit 24 Jahren als moralisch gefallener Mensch in den Rest ihres Lebens entlassen wird.
Dass das nicht zur banalen Erkenntnis verkommt – in schlimmen Zeiten machen sich alle die Finger dreckig – liegt an dem Skript von Gail Louw und an Dulcie Smart, die in der Rolle der Stella zu sehen ist. Was macht dieses Stück so beeindruckend, das heißt, so beeindruckend unpathetisch und gleichzeitig atemraubend, frage ich Dulcie Smart nach der Aufführung am Freitag: „Seine Vielschichtigkeit,“ ist ihre spontane Antwort. Dulcie hat sich sorgfältig auf die Rolle vorbereitet, als Schauspielerin möchte sie ihre Figur verstehen, „you own your character“, sagt sie, und das bedeute, dass sie sich anverwandelt und hinter dem Text nach den Motivationen der Figur sucht. Dabei ist der Blick doppelt: Zum einen ist da die Stella aus Louws Stück und die historische Figur, eine unsympathische Person, die am Ende ihres Lebens, kurz vor ihrem Selbstmord, noch ein Interview gibt, in dem sie hartherzig und verbittert klingt.
Der Unterschied liegt im „Anverwandeln“, das etwas anderes ist als „Verstehen“: „Macht und Schönheit sind für mich die beiden Energiezentren der Figur“, so Dulcie, „die fragile Macht der Schönheit, aber auch die gefährliche Macht, über Leben und Tod zu entscheiden.“ Gefährlich übrigens nicht nur für die Opfer, sondern für Stella selbst, die an dieser Entscheidung (größen)wahnsinnig wird. „Stella wächst in einem bildungsbürgerlichen jüdischen Milieu in Berlin auf, ihr Familiensinn ihr Humor hat sie von dort, gleichzeitig sehnt sie sich nach etwas Besserem“. Ihre blonde, blauäugige Schönheit verspricht einen Aufstieg, der eben nicht nur der aus der jüdischen „Mischpoke“ hinaus führt, sondern auch an die Spitze eines glamourösen Jetsets: Sie könne alles werden, versprechen „Vati“ und „Mutti“, und als Stella auf die Modeschule geht, scheint der Traum von „Stella Diva“, der international erfolgreichen Modeschöpferin greifbar.
Dass die Geschichte anders weitergeht, wissen wir. Aber dass wir auch Klischees aufsitzen, wird deutlich, wenn wir die Fakten betrachten: „Stella hat zwischen 1943 und 1945 18 Monate lang als >Greiferin< gearbeitet, sechs davon nur halbherzig. Sechs ihrer Opfer sind namentlich bekannt, woher die Zahl 3.000 ist, lässt sich nicht belegen. Wir wissen, dass sie auch Menschen gerettet, das heißt, nicht verraten hat. >Greifer/innen< mussten sich nach dem Krieg für ihre Beteiligung an der Deportation der Berliner Juden vor Gericht verantworten. Nicht jedoch die Mitarbeiter an den zuständigen Gestapoleitstellen.“
Wo liegt die Schuld? Eine Frage, die sich schwer beantworten lässt. Stella ist schuldig, aber wird noch während des Krieges einer unerbittlichen Hexenjagd unterzogen. Der Name Stella ist zu einem Synonym für Monster geworden, und es geht in dem Stück keineswegs darum, zu zeigen, dass sie auch nur ein Mensch war. Wo liegt Schuld? Diese Frage bewegt schon die antiken Autoren, denen wir das Format der „Tragödie“ verdanken. „Blonde Poison“ ist eine durch und durch zeitgenössische Tragödie, eine ohne erhobenen Zeigefinger und ein erstaunlich kurzweiliges und zum teil auch witziges, augenzwinkerndes Stück. Und als Tragödie – um auf den Anfang zurückzukommen – ein sicher adäquateres Stück als ein Roman. Ich muss es sicher kaum noch sagen, dass ich allen rate, in der Brotfabrik vorbei zu schauen…
„Blonde Poison“ – Tickets: http://www.brotfabrik-berlin.de – noch bis zum 10. März
Musikgeschmack
Es ist kein Zufall – und wahrscheinlich auch viel weniger individuell – was wir hören oder genauer, welche Musik uns gefällt. Schon in den 1980er und 1990er Jahren erforschte Pierre Bourdieu unsere Musikvorlieben darauf, wie wir uns über sie definieren oder andersherum, wie Musikgeschmack im sozialen Miteinander Grenzen definiert, beziehungsweise Gemeinsamkeiten herstellt.
Wenn ich zurückdenke, weiß ich natürlich genau, was diese eher allgemeine Aussage bedeutet, denn unsere Klasse war gespalten in Beatles- oder Rolling-Stones Hörerinnen, in die, die Abba hörten oder die Bay City Rollers, in solche, die Genesis mochten oder Pink Floyd, Hitparade oder Disko-Musik. Nein, klassische Musik spielte damals gar keine Rolle, etwas, was heute eventuell schon wieder anders ist (doch ja, es gibt Kinder, die gerne Klassik hören oder auch im Musikunterricht spielen).
Die Sache hat sich interessant verändert. Denn heute verrät uns nicht nur der Musikgeschmack, sondern auch die Fähigkeit mehrere Geschmäcker gleichzeitig zu kultivieren. On Top – und damit als ausgewiesene/r Musik-Liebhaber/in – zeigen sich Menschen, die mühelos zwischen verschiedenen Stilen switchen (und sich dort bestenfalls auch noch auskennen). Wobei die klassische Musik nach wie vor eine Art Joker ist: Nur wer sich auch dort, wenn vielleicht nicht auskennt, so dort zumindest sicher bewegt, gehört zur Kulturelite, die mit einem lässigen, gleichzeitig sicheren Geschmack brilliert.
Und noch etwas ist an Musikgeschmack interessant: Es waren lange (und sind es möglicherweise bis heute vornehmlich) Männer, die ihren Geschmack zelebrierten (das meine ich durchaus positiv) und darüber sprachen und sich austauschten. Das ändert sich gerade, und es steht noch aus, wohin die Reise geht. Dennoch denke ich, dass an Geschmack (egal jetzt, ob es sich um Literatur, um Bildende Kunst, Design, Musik oder Essen handelt) eine Art Zeigefunktion hat, mit der wir signalisieren, wer wir sind, woher wir kommen oder wer wir sein wollen.
Überm Tellerrand
Aus gegebenem Anlass habe ich eben eine alte arte-Dokumentation über die Arbeit im Haus Chanel angesehen. Alt heißt, von 2004. Gezeigt wird die Entstehung einer neuen Karl Lagerfeld-Kollektion, vom ersten Entwurf bis hin zur Präsentation auf dem Laufsteg.
Während ich den Film sehe, begreife ich zum ersten Mal im meinem Leben, was es heißt, etwas zu nähen. Mein lieber Scholli! Und dann sagt der Schuster (natürlich muss es zu den sensationellen Kleidern auch Schuhe geben), alles was er wisse, habe er von seinem Vater gelernt: Handwerk sei eine mündliche Kunst, da werde nichts aufgeschrieben. Je länger der Film (insgesamt waren es vier Folgen) dauerte, desto dünner wurde ich vor Ehrfurcht. Erst recht, nachdem die Näherinnen ganze Kleider wieder und wieder nähen mussten, weil die Farbe des Stoffs nicht genau stimmte oder eine Falte lag, wo sie nicht sein sollte. Wenn ich je noch einmal laut aufschreie, weil ich etwas noch einmal schreiben muss, werde ich ganz still an diese unglaublichen Näherinnen denken, und noch einmal von vorne anfangen. In diesem Film habe ich gesehen, was es bedeutet viel und präzise auf Termin zu arbeiten. Ich habe begriffen, dass das zum Handwerk dazugehört. Ja, das Handwerk vielleicht erst ausmacht. Zu denken, man habe einen Fehler gemacht, wenn man noch einmal von vorne anfängt, kommt aus der Ahnungslosigkeit. Nur die unbedingte Bereitschaft, einen ersten Anlauf besser zu machen, führt zu einer besonderen Leistung. Auch beim Schreiben. Auch heute noch. Auch an meinem Schreibtisch.






