Ins Gespräch kommen

Wann habe ich das letzte mal mit jemandem gesprochen, den ich nicht kenne? – Das ist gar nicht so lange her, sechs Stunden vielleicht, an der Supermarkt-Kasse, als hinter mir jemand laut „Mist“ sagte, ich mich umdrehte, und fragte, ob er was vergessen habe. „Ja, das kommt vor, wird schon gehen“, antwortete der Mann, lachte kurz, und das war es dann auch mit unserer Konversation. – Gut. Wenn ich bedenke, dass ich mir meist einen kleinen Ruck geben muss, um Fremde anzusprechen. Schließlich ist das ja auch nicht immer passend. Aber tatsächlich gibt es in der Öffentlichkeit – nicht mal in so einer Großstadt wie Berlin – ausdrücklich Orte, an denen man ins Gespräch kommen kann mit Leuten, die man nicht kennt. Klar, im Café kann man jemanden am Nebentisch ansprechen, oder in der Bar am Tresen, im Kino oder natürlich im Museum oder in der Bibliothek. Aber im Grunde sind die Orte nicht in erster Linie dafür gemacht – und tatsächlich trauen sich nur wenige Menschen.

Schade, dachte ich. Eigentlich ist es doch das, was den meisten dringend fehlt. Das Reden miteinander. Das Kennenlernen. Das voneinander etwas lernen. Vertrauen, Interesse, Aufmerksamkeit, Wertschätzung. Schaut man von oben auf die Straßen der Stadt, sieht es aus, als schaue man auf Ameisenstraßen, in denen alle schnellstmöglich ihrer Wege gehen, ohne Innezuhalten und ohne sich anzusprechen, geschweige denn, anzulächeln. Komischerweise habe ich ganz dringend den Verdacht, dass es das (auch) ist, was zu dieser lähmenden Politik-Verdrossenheit in unserem Land geführt hat. Wir reden nicht mehr miteinander. Die Politiker/innen sollen es richten, und natürlich fallen die Ergebnisse immer anders aus, als gewünscht oder erwartet. Wie wäre es, wenn wir einfach wieder anfangen würden? Mit Menschen, die wir nicht oder wenig kennen, ins Gespräch zu kommen. Manchmal denke ich, dass es dieser einfache und zugleich schwierige Schritt sein könnte, wieder ins gesellschaftliche Leben zurück zu kommen.

P.S. Dem Mann auf dem Foto gehört ein Fahrradverleih in San Francisco. Er war der erste Mensch, mit dem ich mich auf meiner Reise durch Kalifornien unterhalten habe.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 15

    • Stephanie Jaeckel 28. Februar 2019

      Ja, das geht mir genauso. Ich bin offener, habe mehr Zeit und bin natürlich neugierig, wie die Menschen am Urlaubsort so ticken. Es gibt aber auch diese Barriere, dass „man das nicht macht“ in Deutschland, Fremde einfach ansprechen, als Mädchen habe ich sicher auch immer noch den „bösen Mann“ im hintersten Gedächtnis. Amerika ist der Hinsicht des schnell-ins-Gespräch-kommens natürlich ein Traumland. Kaum sitze ich irgendwo drei Minuten alleine, spricht mich jemand an. Nicht blöd von der Seite. Sondern freundlich, interessiert. So kam es zum Beispiel, dass ich (=ICH europäisches Urlaubsei) einem Amerikaner aus dem Mittleren Westen Tipps für seinen Kurzurlaub in San Francisco gegeben habe: ich war kurz vor der Abreise nach fünf Tagen, er kam gerade an. Daran erinnere ich mich heute noch mit lachenden Augen…

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    • Stephanie Jaeckel 28. Februar 2019

      Freundliches Erstaunen: aber hallo! Mein Englisch ist nämlich so löchrig, dass man vielleicht erst mal nur die gute Absicht erkennt, aber keinen weiteren Satzinhalt. Zum Glück ändert sich das meist nach ein paar Tagen. Aber ich habe es nie, nie, nie erlebt, dass jemand abgewunken hätte, weil er/sie mich nicht versteht. Können wir uns umgekehrt auch eine Scheibe von abschneiden. Und wie lustig ist eigentlich reden über Lücken? Kann man sich echt mit anfreunden.

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  1. Maren Wulf 2. März 2019

    Ich wechsle oft ein paar, manchmal auch ein paar mehr Worte mit einem oder einer Fremden – im Supermarkt, in einer Ausstellung, beim Spaziergang im Park, an der Bushaltestelle… Seltenst reagiert mal jemand befremdet, immer wieder bleiben richtig nette Begegnungen in Erinnerung.

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