Jahrestage

Übernächste Woche ist es drei Jahre her, dass meine Mutter gestorben ist. Bislang hatte ich immer ihren Geburtstag als Anlass genommen, nach Hause ins Rheinland zu fahren. Dieses Mal habe ich mich für diesen Tag entschieden, und merke, dass es einen Unterschied macht.

Das Leben vom Tod her betrachten, einen Menschen von seinem Ende her sehen, ist eine Perspektive, die mehr zu bieten hat, als Trauer. Im Verlust zum Beispiel habe ich oft erst positive Dinge gesehen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Bei meiner Mutter ist es zum Beispiel immer wieder die Alzheimer-Erkrankung, die mir nicht nur meine Mutter im Alter wieder näher gebracht hat, sondern die mich auch einiges über „das Leben“ gelehrt hat.

Eine merkwürdige Koinzidenz ist mir heute klar geworden: Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, werden rastlos. Sie sind oft desorientiert, wissen nicht, wo sie sich aufhalten, oder wie sie in die augenblickliche Situation gekommen sind. Das hat oft zur Folge, dass sie immer weiter wollen. Schnell weg, irgendwo hin, vielleicht, um nicht auf Rätsel zu stoßen, wer die Leute jetzt schon wieder sind, die da rumsitzen oder stehen, um keine Fragen beantworten zu müssen, oder um in der Bewegung das (gute) Gefühl haben, noch alles zu kontrollieren, die Welt zu beherrschen (oder zumindest, in ihr zu Hause zu sein). Die Rastlosigkeit ist hier ein deutliches Zeichen für das Wegbrechen des Kerns. Des Verlustes des eigenen Selbst.

Die Parallele, die mir plötzlich vor Augen stand: Dass ich Menschen, die immerzu keine Zeit haben, mehr und mehr meide. Natürlich haben diese Menschen oft andere Gründe. Aber an der Oberfläche sieht es gleich aus: Sie haben für mich keinen sichtbaren Kern mehr. Vielleicht wollen sie nicht, dass ich mehr von ihnen sehe (oder im Moment nicht mehr von ihnen sehe). Vielleicht rennen sie gerade vor sich selbst davon. Vielleicht wollen Sie sich einfach nur ein bisschen wichtig tun (ist voll o.k.) oder mir zu verstehen geben, dass ich eine lahme Ente bin (ja, auch o.k.). Aber der Verlust von Substanz, zumindest für mich als Gegenüber, ist gleich – und für mich gleich unangenehm.

Allerdings, wo „Gesunde“ hetzen, weil sie sich (vielleicht) nicht zeigen – oder zu lange aufhalten – wollen, sind Alzheimer-Betroffene am Ende natürlich die ehrlicheren Häute. Sie laufen nicht vor mir weg. Sondern (verständlicherweise) vor der Krankheit. Und dann gibt es – zumindest bei meiner Mutter war das so – noch eine überraschende Erkenntnis: Auch wenn Alzheimer-Betroffene am Ende alles verloren haben – sie behalten trotz allem ein rudimentäres, unverkennbares Selbst. Vielleicht ist es das, was wir uns unter dem Abstraktum „die Würde des Menschen“ vorstellen können. Und die ist, bei allem Schrecken dieser Krankheit tatsächlich nicht antastbar.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

    • wechselweib 3. März 2019

      Danke für diesen Denkanstoß!
      Ich werde von manchen Hektikern in meinem Umfeld gefragt, woher ich die Zeit nehme für das und das. Nun ich nehme sie mir einfach. Und zu manchen Dingen sage ich einfach nein, weil sie mir nicht wichtig sind.
      Ich kenne auch Menschen, deren Leben auch in der Freizeit total durchgetaktet ist, weil sie sich davor scheuen, mit sich allein auf dem Sofa zu sitzen.

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  1. Anhora 4. März 2019

    Das ist eine bewegende Geschichte und ein wertvoller Gedankenanstoß. Man denkt viel zu wenig daran, wer oder was wir als Mensch eigentlich sind.
    Ich erlebte etwas Ähnliches mit meiner Mutter. Sie hatte Jahre vor ihrem Tod einen Schlaganfall erlitten, der ihre Persönlichkeit ebenfalls stark veränderte. Sie konnte nämlich nicht mehr sprechen und nur noch schwer gehen. Aus der dominanten, aktiven und geselligen Frau wurde jemand anders. Anders als deine Mutter ruhte sie nun in sich selbst, war nicht mehr so lebensgierig, ruhelos und oberflächlich. Fast schien sie zufriedener, und erst da fanden wir zueinander. Ein hoher Preis, den sie dafür bezahlte, aber sie klagte nie.
    Bemerkenswert, was das Leben mit einem machen kann – mit unseren Müttern in diesem Fall, und mit uns selbst.

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    • Stephanie Jaeckel 4. März 2019

      Ich merke, dass ich immer wieder auf die Frage stoße: Was kann ich von anderen erwarten und entsprechend: was kann ich von mir erwarten? Es ist – und das habe ich mühsam erkennen müssen – nicht damit getan, sich selbst immer nur abzuwerten oder alles, was man tut, nicht gut genug zu finden. Es gibt tatsächlich Grenzen, und dann steht es immer noch in meiner Entscheidung, solche Grenzen zu überschreiten. Mit meiner Mutter zum Beispiel ist mir klar geworden, dass wir intellektuelle Fähigkeiten sehr hoch – und vielleicht eben zu hoch – einschätzen.

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      • Anhora 4. März 2019

        Dafür steht die letzte Lebensphase eines Menschen vielleicht häufig, wenn nicht immer für alle Beteiligten: Zu lernen, dass es noch mehr gibt als das, was wir bisher für richtig oder falsch gehalten haben. Es betrifft nicht nur intellektuelle Fähigkeiten, sondern z.B. auch die Liebe. Werde ich geliebt? Liebe ich andere? Woran merke ich das? Ist es ein Geben und Nehmen? Oder ist Geben genug? Darf man auch mal nur nehmen?
        Sowas z.B. hat mich beschäftigt im Leben und Sterben meiner Mutter.
        Das Wertesystem wird noch einmal neu ausgewürfelt und es ist die Chance auf ein Wissen, das uns für immer verändert, und zwar zum Vorteil.

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        • Stephanie Jaeckel 4. März 2019

          Ja, das ist ein wesentlicher Punkt, die Liebe. Ich habe damals verstanden, dass meine Mutter mir gegeben hat, was sie konnte. Das war komischerweise für mich eine große Überraschung und dann auch etwas, was mich sehr mit ihr (und vorab auch schon mit meinem Vater) versöhnt hat. Bei mir ist es jetzt auch so: ich gebe, was ich kann. Ich versuche, nicht zu rechnen. Ich übe aber auch zu nehmen, ohne gleich wieder was zurückgeben zu müssen. Ein großes Thema. Auf jeden Fall ein lebenslanges…

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