Paradox der Versöhnung

Vielleicht ist es keine „goldene Regel“, aber sicher eine Option: Nicht darauf zu bestehen, dass der/die andere doch bitte versteht, dass er/sie Unrecht hat. Oder wie verletzend sein/ihr Verhalten ist. Denn, so meine Erfahrung, die Versöhnung liegt fast nie beim Gegenüber, sondern bei mir.

Ich hatte über Ostern Zeit, vergangene Kräche und Versöhnungen zu rekapitulieren. Das erstaunliche Fazit war, dass ich mich angegriffen, ja vernichtet gefühlt habe, während ich auf der anderen Seite als extrem souverän wahrgenommen wurde. Dass sich der/die andere klein fühlte, und mir gar nicht unbedingt das Gefühl geben wollte, klein zu sein, sondern eher, mir endlich auch mal einen Kratzer im Lack zu verpassen. Also aus einer Unter-, und keineswegs einer Überlegenheit heraus. Oder dass sich jemand extrem abhängig von mir fühlt, weil er oder sie mich gerne mag. Und sich vor sich selbst souveräner fühlen möchte, statt – wie ich das missverstanden habe – mir Desinteresse zu signalisieren.

Das sind natürlich nur Beispiele. Und es geht mir gar nicht darum, gemeine, fiese Menschen zu verstehen. Denen kann man nur aus dem Weg gehen. Versöhnung ist jedoch für mich immer die erste Option bei Freund/innen und Verwandten oder Kolleg/innen. Und sie ist auch nötig, damit die eigenen Verletzungen heilen. Menschen können schließlich auch an emotionalen Blutvergiftungen elend zugrunde gehen.

 

Letzte Sätze

Nein, es geht nicht ums Sterben. Auch wenn ich diese Nacht vom Tod geträumt habe. Es geht um den letzten Satz vor dem Aufwachen. Den man aus seinem Traum mitnimmt, wenn man morgens die Augen aufschlägt. Ich habe das selten. Seltsam sind auch die Sätze, die ich aus dem Schlaf mitnehme. Heute war es: „Du wirst eine gute Kunsthistorikerin werden.“

Nanu. Diese Ankündigung klingt in etwa so irre wie die in der Bibel, die an Sarah ging, sie werde als Greisin noch ein Kind bekommen. Ich bin zu alt, um, sagen wir „streng beruflich“ noch was zu werden (damit will ich keine Einzelerfolge ausschließen, aber das, was gemeinhin unter „Karriere“ läuft). Schon gar nicht Kunsthistorikerin, denn ich arbeite nicht in den angestammten Berufen – eher am Rand.

Dennoch hat mich diese „Prophezeiung“ sehr angerührt. Zumal mir in Kindheit und Jugend niemand auch nur irgendwas zugetraut hat: „Du wirst noch in der Gosse enden“, so lautete die Prognose, mehr war für mich nicht zu haben. Ich weiß, dass das viele aus meiner Generation gehört haben. Hier sprach die Angst, die viele aus unserer Elterngeneration aus dem Krieg mitbekommen haben, direkt und laut. Verletzend war es natürlich trotzdem. Niemand sein – oder eventuell ein Star. Wahrscheinlich habe ich mich schon sehr früh für ersteres entschieden, allerdings ohne die Gosse. Jetzt überlege ich, was überhaupt eine „gute Kunsthistorikerin“ ausmacht, ob ich eine werden möchte – und wie das gehen könnte, Sarah hat schließlich auch noch einen Sohn bekommen. Und sonst? Die Sonne scheint: Was für ein Fest!

Karfreitag

Die Diskussion fing schon vor ein paar Tagen an. Ob man denn jetzt tanzen dürfe – oder nicht. Wer Karfreitag tanzen will, warum, wer nicht, warum nicht, und was noch alles.

Als Todestag Christi wird der Freitag vor Ostern als Feiertag begangen, als stiller Feiertag, wie zum Beispiel auch der Totensonntag im November. Gesetzlich geregelt sind einige Verbote, das betrifft Discotheken, Clubs oder Kinos, weil auch bestimmte Filme nicht gezeigt werden dürfen. Warum gibt es diese Verbote? Wer bestimmt sie in einer Demokratie? Warum soll etwas für alle gelten, wenn längst nicht alle glauben? Und warum wird ausgerechnet Tanzen verteufelt, dieser Ausdruck größter Lebensfreude?

Aber vielleicht sitzen wir einem Missverständnis auf. Vielleicht bietet ein stiller Feiertag nicht Verzicht, sondern Freiheit, einmal aus dem Alltags- – und/oder Freizeittrott – auszusteigen?

Nein, es geht mir nicht darum, Medizin mit Honig zu versüßen. Aber mir ist der Tag heute wie eine sagenhafte Erholung vorgekommen: Mir die Zeit „pur“ vergehen zu lassen, ohne mich abzulenken. Gedanken zuzulassen, die sonst nicht an die Oberfläche kommen. Mehr zu sehen, und nach einer Weile auch mehr zu hören. Und plötzlich Erinnerungen zu haben, oder Bilder im Kopf von glücklichen Momenten. Sogar der Liebste schoss durch mein Herz wie ein bitzelnder Kometenstrahl.

 

Aufblühen

Das können Tulpen wirklich nur, wenn sie mit ihren Wurzeln noch in der Erde stecken: die Blütenblätter so weit strecken, dass sie waagerecht stehen und das Innere eine zweite Farbe preisgibt. „Mehr Hingabe“ hat jemand auf den Eingang des Friedhofs gesprüht, auf dem diese Tulpe ein Familiengrab ziert. Man hat den Eindruck, dass sie zumindest sich alle Mühe gibt.

Verlust

Weil wir (auch) in der Kunst die größten Dinge schaffen, die uns möglich sind, wiegt der Verlust (oder auch nur der teilweise Verlust) einer Kathedrale schwer. Dass vermutlich niemand bei dem Brand von Notre Dame sterben musste, ist ein wahnsinniges Glück, wenn man bedenkt, was dort jeden Tag los ist. Aber die Zerstörung ist endgültig. Natürlich kann man alles wieder rekonstruieren (ich würde mich wahrscheinlich wundern, was vom Kölner Dom alles nicht „echt“ – nicht mal aus dem 19. Jahrhundert – ist). Und auch früher sind – nein, gerade früher sind – etliche Kirchen abgebrannt und wieder neu aufgebaut worden. Doch gerade an einem Gebäude, an dem so viele Generationen ihr Bestes gegeben haben, wird spürbar, dass nicht nur altes Holz in Flammen aufgeht. Ein so altes Gebäude ist ein gemeinsames Projekt über Jahrhunderte hinweg. Stets von neuem haben sich Menschen dafür entschieden, diese Kirche nicht aufzugeben, abzureißen, zu vergessen. Insofern geht auch ein Stück sichtbarer Zeit verloren. Es ist so, als würde ein Anker gelichtet. Und wir treiben weiter.

Ans Meer denken

hilft mir auch an grauen Tagen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Schon verrückt, wenn man denkt, dass es einfach nur salziges Wasser ist. Aber es ist so viel Wasser, dass man schon wieder ins tiefe Staunen versinkt. Überhaupt: Wasser. Und was für ein merkwürdiger Ort für so unterschiedliche und oft ebenfalls merkwürdige Lebewesen.

Ich fühle mich im Wasser zu Hause. Auch wenn ich nicht besonders gut schwimmen kann. Und keineswegs so mutig bin, an jedem Strand ins Meer zu gehen. Ist es, weil ich das Meer so liebe, oder umgekehrt, weil ich zu denjenigen gehöre, die ihre unendlich weit zurückliegende Herkunft aus dem Wasser nicht vergessen haben (wo auch immer in meinem Körper diese Erinnerung gespeichert ist).

Im Wasser bewege ich mich mit dem ganzen Körper. Was sich besser anfühlt, als alles, was ich an Land mache. Natürlich stimmt das so nicht. Ich gehe schließlich auch mit dem gesamten Körper. Aber im Wasser habe ich alle Richtungen zur Verfügung (zumindest unter Wasser), ich fühle mich wendiger, auch wenn ich im Schwimmbecken am Ende meist nur in eine Richtung schwimme. Ich hatte mal angefangen, eine Kindergeschichte zu schreiben, in der plötzlich eine Stadt unter Wasser steht, und die Menschen dort fortan ihren Alltag schwimmend bewältigen. Wie geht man zum Beispiel ins Bett, ohne im Schlaf weg zu driften? Oder wie frühstückt man gemütlich Toastbrot mit Nutella? Vielleicht ist ja Ostern endlich mal Zeit, diese Fragen zu beantworten. Bis dahin wünsche ich mir und allen eine schöne kurze Woche!

Mit den Augen eines/einer anderen

Vielleicht sind Fotografien, Filme, aber auch gemalte Bilder deshalb so spannend (und immer und immer wieder), weil sie uns eine Ahnung davon geben, wie andere die Welt sehen.

Andererseits: Wenn wir von früh an lernen würden, dass das, was wir sehen, keineswegs das ist, was ist, und dass jede/r andere etwas anderes sieht, wäre die Welt dann friedlicher (oder besser: wären wir dann friedlicher)?

 

Lernen

Als Freie Autorin werde ich hin und wieder von Schulbuchverlagen angefragt, ob ein Text von mir in einem Lehrbuch erscheinen könne. Ich muss jedes Mal lachen, weil ich als Schülerin in Deutsch oft nicht so gute Noten hatte… (allerdings ist ein Text mindestens in einem Sozialkundeheft erschienen). Ich freue mich auch, denn ich habe keine eigenen Kinder und denke, dass ich auf diese Weise hier oder da Gedanken in Kinderköpfen bewegen kann.

Aber erst Mal gilt es sich an Erwachsenen-Köpfen zu stoßen: die von erwachsenen Didaktikern (nicht mit Diktatoren zu verwechseln…), die solche Lehrbücher gestalten (Achtung! Dirk ist hier ausdrücklich ausgenommen!!!). Denn Ach und Weh! Könnte es nicht sein, dass ein Schulkind einen Satz nicht versteht. Und dann frustriert ist, das Handtuch wirft oder schlimmer noch, die Hausaufgaben verweigert und was noch!?

Liebe Leute, möchte ich dann beruhigend – und wahrscheinlich ebenso didaktisch (wie diktatorisch) – antworten: Lernen bedeutet Nicht-Verstehen. Denn was könnte gelernt werden, wenn wir alles schon vorher wissen oder verstehen? Das Lernen beginnt da, wo sich ein großes Fragezeichen in unser Denken bohrt: Wie bitte? Was? Echt jetzt? Nicht-Verstehen ist insofern keine Störung, sondern unabdingbar, wenn ein Lernprozess in Gang gesetzt werden soll. Ja, klar, man kann auch auf bereits Gewusstem aufbauen. So, wie wenn man allmählich einen Horizont öffnet. Aber nach meiner eigenen Erfahrung fängt Lernen bei Widersprüchen an, bei eigenen Denkfehlern, beim Entdecken von Unbekanntem, Sperrigen.

Ich würde mir wünschen, dass Erwachsene, die über den Lernstoff für Kinder entscheiden, diesen Aspekt wieder stärker im Blick hätten. Und damit auch mehr Vertrauen in die Kinder setzen könnten, denn, da bin ich sicher, Kinder sind viel weniger schnell vom Nicht-Verstehen abgeschreckt, als Erwachsene sich vorstellen, vor allem, wenn Kinder merken, dass sie für Voll genommen werden, und wir ihnen zutrauen, auch schwierige Zusammenhänge zu begreifen. Auch wenn das jetzt etwas weit hergeholt erscheint, aber die „Fridays for Future“ beweisen doch genau das – oder?

Kennen wir uns?

Einmal mehr liegt die „Odyssee“ auf meinem Nachttisch (in der fantastischen Übersetzung von Kurt Steinmann) und einmal mehr verliere ich mich in den Irrfahrten des „Wandlungsreichen, den es oft abtrieb vom Wege“, diesmal begleitet von Daniel Mendelsohn, dessen Buch „Eine Odyssee“ ich später hier im Blog noch rezensieren werde.

Der „Wandlungsreiche“ also, der nach jahrelanger Irrfahrt zu Hause nicht mehr erkannt wird und dort beweisen muss, dass er „er selbst“ ist. Mendelsohn setzt mit seiner Lektüre hier an: Die „Odyssee“ sei ein Buch, das danach fragt „wie viele Formen des Selbst“ ein Mensch haben könne. Na ja, wer älter wird, ändert sich wohl. So hätte ich vielleicht noch vor ein paar Wochen diese Frage abgetan. Doch ist in der Zwischenzeit offensichtlich eine weitere Form meines Selbst aufgetaucht. An einem Morgen jedenfalls wachte ich auf und hatte das komische Gefühl, nicht ganz bei mir zu sein. Nein, ich bin nicht zum Käfer mutiert, ich bin auch nicht Mrs. Hyde geworden (auch wenn mein Name dazu einladen würde), keine Werwölfin (erst recht nicht), leider auch nicht Wonder Woman. Ich bin ich, aber ich habe mich verwandelt. Keine Ahnung.

In südamerikanischen Kulturen, auch bei den nordamerikanischen Inuit spielen Schlangen eine wichtige Rolle in der Mythologie. Nicht nur weil sie gefährlich sind und Tod bringen können, sondern vor allem, weil sie sich im Laufe ihres Lebens immer wieder häuten und größer und wie neu aus diesem Prozess hervorgehen. Jedes Mal, wenn ich zurück in meine Heimatstadt fahre, erinnere ich mich an meine Kindheit und Jugend, und versuche mich zurück zu versetzen. Dabei hatte ich schon öfters die Frage im Kopf, ob ich wirklich noch die Fünfjährige bin, an die ich mich erinnere, bzw. was von ihr in mir heute übrig geblieben ist. Vielleicht eine falsche Frage. Aber schon ein deutliches Gefühl dafür, dass man sich im Laufe des Lebens ändert.

Wer oder vielleicht wo wäre dann das „wahre Selbst“? Oder täuschen wir uns, wenn wir das Ich als feste Größe denken? Ich bin verunsichert. Denn zum Einen fühle ich eine leichte Bedrohung, so als wenn ich verloren gehen könnte. Andererseits gibt diese Wandlungsfähigkeit natürlich auch die Gelegenheit, sich selbst neu zu entwerfen. Nicht im Wettstreit mit mir selbst, sondern im Sinne einer Verschiebung der eigenen Grenzen. Ich bin gespannt. Sowohl auf die Lektüre, als auch auf die kommenden Wochen. Ich bewege mich durch meine Tage auf der Suche nach diesen bislang unbemerkten Veränderungen. Ich weiß dabei nicht genau, wonach ich suche. Ich weiß auch nicht, was ich finden werde. Gerade hätte ich am liebsten mein altes Ich zurück. Aber ich habe den Verdacht, dass es sich tatsächlich um eine Häutung, und in diesem Sinn um Wachstum handelt. Odysseus war auf der Heimreise. Vielleicht sollte ich das vor Augen halten, solange ich unterwegs bin.