Letzte Sätze

Nein, es geht nicht ums Sterben. Auch wenn ich diese Nacht vom Tod geträumt habe. Es geht um den letzten Satz vor dem Aufwachen. Den man aus seinem Traum mitnimmt, wenn man morgens die Augen aufschlägt. Ich habe das selten. Seltsam sind auch die Sätze, die ich aus dem Schlaf mitnehme. Heute war es: „Du wirst eine gute Kunsthistorikerin werden.“

Nanu. Diese Ankündigung klingt in etwa so irre wie die in der Bibel, die an Sarah ging, sie werde als Greisin noch ein Kind bekommen. Ich bin zu alt, um, sagen wir „streng beruflich“ noch was zu werden (damit will ich keine Einzelerfolge ausschließen, aber das, was gemeinhin unter „Karriere“ läuft). Schon gar nicht Kunsthistorikerin, denn ich arbeite nicht in den angestammten Berufen – eher am Rand.

Dennoch hat mich diese „Prophezeiung“ sehr angerührt. Zumal mir in Kindheit und Jugend niemand auch nur irgendwas zugetraut hat: „Du wirst noch in der Gosse enden“, so lautete die Prognose, mehr war für mich nicht zu haben. Ich weiß, dass das viele aus meiner Generation gehört haben. Hier sprach die Angst, die viele aus unserer Elterngeneration aus dem Krieg mitbekommen haben, direkt und laut. Verletzend war es natürlich trotzdem. Niemand sein – oder eventuell ein Star. Wahrscheinlich habe ich mich schon sehr früh für ersteres entschieden, allerdings ohne die Gosse. Jetzt überlege ich, was überhaupt eine „gute Kunsthistorikerin“ ausmacht, ob ich eine werden möchte – und wie das gehen könnte, Sarah hat schließlich auch noch einen Sohn bekommen. Und sonst? Die Sonne scheint: Was für ein Fest!

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Xeniana 22. April 2019

    Ach schön:))
    Ich bin soeben aus einem Berwechslungstraum aufgewacht, in dem ich falsche Handys nahm, falsche Taschen, falsche Züge. Ich kam einfach nicht an mein Ziel. Erst im letzten Satz, fragte ich mich, ob es auch sein könne das das Ziel vielleicht nicht wichtig war.

    Gefällt 1 Person

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