Kennen wir uns?

Einmal mehr liegt die „Odyssee“ auf meinem Nachttisch (in der fantastischen Übersetzung von Kurt Steinmann) und einmal mehr verliere ich mich in den Irrfahrten des „Wandlungsreichen, den es oft abtrieb vom Wege“, diesmal begleitet von Daniel Mendelsohn, dessen Buch „Eine Odyssee“ ich später hier im Blog noch rezensieren werde.

Der „Wandlungsreiche“ also, der nach jahrelanger Irrfahrt zu Hause nicht mehr erkannt wird und dort beweisen muss, dass er „er selbst“ ist. Mendelsohn setzt mit seiner Lektüre hier an: Die „Odyssee“ sei ein Buch, das danach fragt „wie viele Formen des Selbst“ ein Mensch haben könne. Na ja, wer älter wird, ändert sich wohl. So hätte ich vielleicht noch vor ein paar Wochen diese Frage abgetan. Doch ist in der Zwischenzeit offensichtlich eine weitere Form meines Selbst aufgetaucht. An einem Morgen jedenfalls wachte ich auf und hatte das komische Gefühl, nicht ganz bei mir zu sein. Nein, ich bin nicht zum Käfer mutiert, ich bin auch nicht Mrs. Hyde geworden (auch wenn mein Name dazu einladen würde), keine Werwölfin (erst recht nicht), leider auch nicht Wonder Woman. Ich bin ich, aber ich habe mich verwandelt. Keine Ahnung.

In südamerikanischen Kulturen, auch bei den nordamerikanischen Inuit spielen Schlangen eine wichtige Rolle in der Mythologie. Nicht nur weil sie gefährlich sind und Tod bringen können, sondern vor allem, weil sie sich im Laufe ihres Lebens immer wieder häuten und größer und wie neu aus diesem Prozess hervorgehen. Jedes Mal, wenn ich zurück in meine Heimatstadt fahre, erinnere ich mich an meine Kindheit und Jugend, und versuche mich zurück zu versetzen. Dabei hatte ich schon öfters die Frage im Kopf, ob ich wirklich noch die Fünfjährige bin, an die ich mich erinnere, bzw. was von ihr in mir heute übrig geblieben ist. Vielleicht eine falsche Frage. Aber schon ein deutliches Gefühl dafür, dass man sich im Laufe des Lebens ändert.

Wer oder vielleicht wo wäre dann das „wahre Selbst“? Oder täuschen wir uns, wenn wir das Ich als feste Größe denken? Ich bin verunsichert. Denn zum Einen fühle ich eine leichte Bedrohung, so als wenn ich verloren gehen könnte. Andererseits gibt diese Wandlungsfähigkeit natürlich auch die Gelegenheit, sich selbst neu zu entwerfen. Nicht im Wettstreit mit mir selbst, sondern im Sinne einer Verschiebung der eigenen Grenzen. Ich bin gespannt. Sowohl auf die Lektüre, als auch auf die kommenden Wochen. Ich bewege mich durch meine Tage auf der Suche nach diesen bislang unbemerkten Veränderungen. Ich weiß dabei nicht genau, wonach ich suche. Ich weiß auch nicht, was ich finden werde. Gerade hätte ich am liebsten mein altes Ich zurück. Aber ich habe den Verdacht, dass es sich tatsächlich um eine Häutung, und in diesem Sinn um Wachstum handelt. Odysseus war auf der Heimreise. Vielleicht sollte ich das vor Augen halten, solange ich unterwegs bin.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Ulli 8. April 2019

    Liebe Stephanie,
    mir fiel als erstes auf, dass du Selbst und Ich in einem Atemzug nennst, sie sich aber aus psychologischer und spirtueller Sicht unterscheiden:
    „In der Analytischen Psychologie nach Carl Gustav Jung stellt das Selbst das Zentrum der menschlichen Psyche dar, die das menschliche Bewusstsein und Unbewusstes umfasst. Das Ich stellt den bewussten Teil des Selbst dar, der danach streben sollte, sich schrittweise der Inhalte des Selbst bewusst zu werden und dessen Vielheit und Einheit zu erkennen, was Jung als „Selbstverwirklichung“ und „Individuation“ bezeichnet. Bleibt hingegen das Selbst dem Ich ganz unbewusst, so hält sich dieses bereits selbst für das Ganze, was Jung als Gefahr für die psychische Gesundheit ansieht.[10] C.G. Jung sah damit das Selbst als Grund und Ziel der Entwicklung des Menschen durch Persönlichkeitsreifung und -differenzierung, als ein der Person innewohnendes Entwicklungsprinzip, das auf persönliche Ganzheit ausgerichtet sei, das nach Entelechie im Individuationsprozess strebe.“ – mehr kannst du bei Interesse hier lesen https://de.wikipedia.org/wiki/Selbst
    Das andere sind die Häutungen, die mehr oder weniger bewusst alle 7 Jahren geschehen (sagt man) und ich selbst erlebe dies auch so. Was aber immer auch war ist, dass es einen Kern in mir gibt, der sich nicht wandelt und diesem Kern bin ich aber letztlich auch immer noch auf der Spur.
    Solch eine Häutung kann auch über Nacht passieren, aber meines Erachtens ist dem ein Prozess, ob nun bewusst oder nicht, voraus gegangen.
    Ich wünsche dir sehr, dass du dich in deine neue Haut hineinleben kannst.
    Herzliche Grüße
    Ulli
    Auch in meinen heutigen „Gedankenfäden“ war die Häutung ein Thema, Willkommen …

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    • Stephanie Jaeckel 10. April 2019

      Liebe Ulli, danke für den Hinweis auf den Begriffsunterschied zwischen Selbst und Ich. Auch wenn ich C.G. Jung nicht in allem folgen möchte, macht die Unterscheidung für mich Sinn. Es hieße dann: Mein Selbst zeigt sich gerade anders, als mein Ich gewohnt ist. Ob das Selbst ein Kern ist – da bin ich mir nicht sicher. Aber auf jeden Fall etwas, was das (meist eifrige) Ich nicht in allen Aspekten zu fassen bekommt. Danke für Deinen Hinweis – auch auf die „Gedankenfäden“!

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