Glück pflanzen

Als wenn das so einfach ginge… – doch, doch, doch, doch. Das Wort „Glück“ bedeutete in seiner ursprünglichen Form in etwa „glücklicher Ausgang“, und war insofern eigentlich „das Ende vom Lied“. Aber alltägliches Glück scheint mir eher etwas, was man aussät, und was dann sein Potential entfaltet.

Ein Beispiel? Nun, ich habe zwei neue Kollegen im Büro. Und auch wenn das übertrieben klingt, aber seit sie da sind, ist mehr Licht im Raum. Die lächeln, sind offen, freundlich, zugewandt und ansonsten rücksichtsvoll – wir arbeiten in einem Großraumbüro. Gerade in letzter Zeit gab es dort einige Fluktuation, und auch, wenn es viele nette Leute gab, die bei uns reingeschaut haben, die Neuen scheinen etwas besonderes zu haben. Meinetwegen sind sie besonders charismatisch. Dennoch habe ich den Verdacht, dass ich mir an ihnen einiges abschauen kann. Zumindest wird mir klar, wie sehr man durch seine Anwesenheit die Atmosphäre in einem Büro verändern kann. Und als ich neulich auf die Frage einer Freundin, wie es mir gehe, „richtig gut“ antwortete, eben weil ich mich gerade im Büro sehr wohl fühle, wurde mir klar, was für ein Glück (und wie weitreichend) das für mich ist.

 

Eine Spur aufnehmen

Das sind eigentlich die besten Momente, wenn eine Idee kommt, eine Gelegenheit oder ein Zufall sich auftut. Man mit einem Mal Witterung aufnimmt und mit wachsender Vorfreude der Spur folgt. Als würde man in die Welt hinein gezogen. Schön, wenn das immer und immer wieder passiert: Leben von seiner besten Seite.

Fehler

„Aus Fehlern lernt man“, heißt es. Das kann ich nur unterstreichen – und würde sogar noch weitergehen: „nur aus Fehlern lernt man“. Ja, isso.

Aber dann. Beruflich ist das schnell einzusehen. Als Texterin bekomme ich – wenn auch immer seltener – Rückmeldung von Lektor/innen. Die sind immer (!) aufschlussreich, selbst wenn ich merke, dass jemand meine Absichten so überhaupt nicht geschnappt hat.  Denn auf diese Weise begreife ich, wie meine Sätze auch ganz anders gelesen werden können, sehe Dimensionen, die ich gar nicht kannte, als ich schrieb. Dennoch sind mir natürlich Korrekturen von Menschen am liebsten, die mich verstehen. Das ist rar. In meinem gesamten Berufsleben gab es bisher nur zwei.

Auch in der beruflichen Kommunikation gibt es dauernd Fehlermeldungen. Und ich tue gut daran, mir die Situationen im Nachhinein vor Augen zu führen und Alternativen zu entwickeln. Der Reflex, sich selbst zu bestätigen, zu denken, „aber es war doch richtig, was ich gesagt/getan habe“, ist dabei zu überspringen: Wie könnte es für den/die andere/n gewesen sein? Gab es möglicherweise ein Missverständnis? Wer Texte schreibt, weiß wahrscheinlich eher als andere, wie schnell es genau zu diesen subtilen Missverständnissen kommt.

Doch wenn es zu einem persönlichen Debakel kommt, bin ich ratlos. Da ist also offensichtlich etwas schief gelaufen. Die Stimmung war mies und wurde immer mieser. In solchen Situationen bin ich irgendwann immer so verwirrt, dass ich nur noch daran interessiert bin, die Sache ordentlich zu Ende zu bringen. Alle Aufmerksamkeit ist blockiert, ich will nur noch mit Anstand durch, durch, durch.

Und dann: Pure Ratlosigkeit. Weil solche Momente verletzend sind, ist natürlich der Reflex: „Aber ich hatte doch Recht“ oder „aber ICH wollte doch, dass es gut wird“ überdimensional. Gleichzeitig aber auch meine Bereitschaft, alle Fehler nur bei mir zu sehen: Weil ich mein Gegenüber entlasten will. Ich bin so: Ein Kratzer an geliebten Menschen irritiert mich. Aber an der Stelle gibt es ein Patt: Ich habe alles richtig gemacht und ich bin schuld. Tja. Und jetzt? Keine Ahnung. Geduld, das zumindest habe ich schon begriffen. Und Humor. Ich gehe jetzt erst mal mit einer Freundin essen. Und Prosecco trinken. Es ist schließlich Wochenende. Und die Sonne scheint.

Sich selbst abhanden kommen

Sich selbst fremd sein, gehört zu den beunruhigenden Gefühlen. Gewöhnlich fühlt man sich zu Hause in seiner Haut. Selbst wenn man Schmerzen hat, weiß man, wer man ist, auch wenn man sich in einem solchen Moment gerne weit weg wünscht.

Ich habe seit ein paar Wochen etwas, was ich als „kaltes Herz“ empfinde, und was sich fremd anfühlt. So kenne ich mich nicht. Meist bin ich für etwas begeistert, probier neues aus oder habe Einfälle. Aber mit einem Mal war die Begeisterung futsch. Nanu!?

Das ist unangenehm. Weil ich nicht weiß, wo mein begeistertes Ich hin ist. Ob es sich irgendwo ein Plätzchen zum Ausruhen gesucht hat oder ob es überhaupt Lust hat, wiederzukommen. Vielleicht hat es sich sogar verirrt? Es fühlte sich so an, als hätte sich meine beste Freundin über Nacht vom Acker gemacht. Und ich habe keinen Schimmer, was passiert ist. Keine Katastrophen, keine Kräche, kein – gar nichts.

Zum Glück bin ich nicht in Panik geraten. „Business as usual“ war angesagt. Fake it, bis es wiederkommt – oder so. Heute war ich in der Therme und habe beim Dümpeln im Wasser plötzlich mein kaltes Herz vor Augen gehabt. Ich konnte „sehen“, dass es müde und erschöpft ist. Schnell und gerne begeistert sein, ist wahrscheinlich auch ein ziemlich heftiger Output. Alles gut, schien mein Herz mir zu sagen und so etwas wie: ich bin noch da. Und dann wurde mir mit einem Mal klar, warum es so wichtig ist, sich selbst gelegentlich etwas Gutes zu tun. Und was es bei mir heißt: Erstens: Wasser, Wasser, Wasser. Und zweitens: mir immer wieder die Freiheit zu nehmen, Dinge zu machen, die nur ich mir zutraue.

 

Vorlesen

dabei gehört es zu dem größten Vergnügen, laut lesen zu können. Aber wer weiß das schon? Zuhören ist natürlich auch gut. Doch das Auf und Ab von guten Sätzen nachzusprechen, sich auf sie einzulassen, jede Unebenheit nachzuspüren, dem Rhythmus, den Gereimtheiten, den Widersprüchen und Regelverletzungen, den genialen Sprüngen, der Eleganz oder den Stotterkaskaden. Dabei: wenn ich das spreche, heißt es ja noch lange nicht, dass ich das sage. – Warum achten sie in der Schule nur auf „fehlerfrei“, wenn laut lesen doch so viel mehr ist.

Die Schönheit einer Wolkendecke

Genau vor zwei Jahren habe ich dieses Foto gemacht. An einem diesigen Morgen in Carmel, was mir das Glück bescherte, in diesem doch sehr touristischen Ort halbwegs alleine am Strand zu sein.

Doris Day hat dort gelebt, was ich damals nicht wusste, sicher auch nicht wichtig gefunden hätte, ihre Filme habe ich wahrscheinlich nur als Kind im Fernsehen gesehen, ebenso wahrscheinlich nicht mal ganz, ich war ja eine Art Bildschirmflüchterin. Dennoch dachte ich gestern, wie sehr uns doch Kinogesichter geprägt haben. Alle diese Schauspielerinnen und Schauspieler im fernen Hollywood, mit denen wir nichts zu tun hatten, die aber ihre Gesichter Geschichten liehen, die bis heute in vielen Köpfen sind.

Vor Grau, um noch einmal auf die Wolkendecke zu kommen, leuchten viele Farben extrem intensiv. Vor allem Schattierungen sind deutlicher zu erkennen als bei Sonnenschein. Der Pazifik jedenfalls hatte eine reiche Farbpalette an diesem Tag, wie ein geschliffener Edelstein. Vor allem ein tiefes Schwarzblau und ein dunkles Türkis sind mir in Erinnerung geblieben. Und was mache ich jetzt dadraus? Wie wäre es mit einem Hoch aufs Kino und auf den Fotoapparat, die uns einen riesigen Vorrat an Bildern zu erinnern geben?

Kreuzberger Mischung

Gerade hagelt es in meinem Kopf. Nix bleibt da länger als 10 Sekunden. Keine guten Voraussetzungen, um auch nur einen oder zwei Absätze für die Klunker zu schreiben. Denn eigentlich – ach, aber da machte ich dieses Foto heute mittag hier in Kreuzberg auf dem Weg zum Friseur und dachte einfach nur: Wow!

Aber trotz Hagel dann trotzdem noch dies (und nochmal Wow!): Ich war gestern in der Philharmonie, wo der mittlerweile 90jährige Bernard Haitink ein Konzert mit den Philharmonikern gegeben hat. Mein lieber Scholli. Ich sag nur: Spree-Philharmonie. Die hat schon einige Kratzer ab, aber hier gelingen tatsächlich immer wieder magische Momente.

Wie dieser alte Mann mit Stock langsam aufs Podium geht, sich kurz auf den für ihn bereitgestellten Stehocker stützt, in die Partitur schaut, um dann sehr plötzlich mit einem präzisen Einsatz loszulegen: da ruht sich keiner auf seinen Lorbeeren aus. Da geht einer immer noch aufs Ganze. Was habe ich gestaunt.

In der ersten Runde gab es Mozart. Beileibe nicht mein Lieblingskomponist, aber einer, dem ich stets eine Chance gebe. Er hat so viele Musiker inspiriert, ich werde, das habe ich geschworen, ihm immer wieder zuhören. Schön war die Vermischung von Klavier und Orchester, denn, ja, es war ein Klavierkonzert und ja, den Solisten Paul Lewis fand ich ganz nach meinem Geschmack, nämlich völlig unaffektiert und so entspannt vor dem Flügel, dass ich mir nicht vor Panik, er könne sich verspielen, die Fingernägel in die Handflächen gegraben habe. – Ja, ich weiß, blöde Angewohnheit, die natürlich niemandem hilf, aber ich verkrampfe bei Lampenfieber leider gleich mit. Ich hatte mir kein Programm besorgt, so dass ich mich nicht entscheiden konnte, ob es sich um ein ganz frühes oder ein ganz spätes Werk handelte. Es war einfach, und im Grunde hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass es wie in einem Kreisel nur immer rund ging und rund und rund. Mir wurde etwas schwummrig und auf ein Haar wäre ich sogar eingenickt, aber am Ende hatte ich mich für ein Spätwerk entschieden, weil der Klangraum weit und eben die – sagen wir Farbigkeit – doch erstaunlich war. Ein Volltreffer, wie ich später las, denn es handelte sich um das Klavierkonzert Nr. 27, das letzte Klavierkonzert, das Mozart komponiert hat, wenn ich das richtig gelesen habe. Noch immer nicht meins. Allerdings gab Lewis als Zugabe ein kurzes Schubert-Stück, das Allegretto in c-moll, das mich derart vom Klappstuhl gerissen hat, dass ich den Espresso, von dem ich Minuten vorher noch geträumt hatte, nicht mehr brauchte. Nein, Schubert habe ich nicht geraten. Ich kenne ihn viel zu wenig (obwohl dieses Stück so eine Art Klassik-Ohrwurm hat, den ich natürlich schon gehört habe, aber nicht zuordnen konnte). Ich kam nur ungefähr so weit: Nach Mozart, vor Wagner, pfffff…

Der alte Dirigent ging sehr wackelig vom Podium und kam nach der Pause ebenso wacklig wieder zurück. Wohlgemerkt: um ein ca. 70minütiges massives Orchesterstück zu leiten. Kurzes Innehalten, ein Blick in die Partitur und Zack! Los ging es. Ich glaube, das mag ich besonders an (guter) Orchester-Musik: Dass es auf ein Zeichen losgeht. Ob leise oder laut, etwas setzt ein und läuft los. Manchmal erscheint mir die Musik tatsächlich wie eine Flüssigkeit, die sich ihren Weg bahnt, manchmal wie ein Gewebe, das zart gesponnen ist oder massiv plötzlich zu einem Gebirgsblock erstarrt, ja, eben, es gab Bruckners 7. Sinfonie, die zwischen poetischer Melodie und herabstürzenden Tonmassen mäandert, sparsam und gleichsam so mühelos vorgezählt und in die Luft gemalt von Haitink dass eben das passierte, wofür die Philharmonie die perfekte Hülle ist: ein Raum und Zeit überspringendes Musikereignis. Es gab Standing Ovations für Haitink und für die Philharmoniker, von denen man den Eindruck hatte, sie hätten das Musizieren an diesem Abend vor allem anderen genossen. Und es gab etwas, was ich sonst nur von Abenden mit Kent Nagano kenne (und selbstverständlich nur in der Berliner Philharmonie), dass nämlich ein guter Teil des Publikums auch nach dem Abgang des Orchesters (und während die Eilgen zur Garderobe hetzen) so lange weiter applaudiert, bis der Maestro noch mal herauskommt und alleine auf der Bühne den nur ihm geltenden Jubel entgegennimmt.

Nein, die Philharmonie steht nicht in Kreuzberg, aber wirklich ganz nah dran. In meinem Leben spielt sie gelegentlich eine – und dann wichtige – Rolle, mit dem Rad brauche ich gerade mal zehn oder zwölf Minuten dorthin. In meine persönliche Kreuzberger Mischung gehört sie also unbedingt dazu.

 

Kinderspiel

Als ich in die Grundschule ging, verbrachte ich manche Pausen damit, mir Grasbüschel, die durch den Betonboden wuchsen, als kleine Inseln vorzustellen, mich als Inselkönigin, und wie ich dort leben und regieren würde. Als ich heute mit einer Tasse Kaffee im Hof saß, sind mir diese Fantasien wieder eingefallen. Und dann ging es in meinem Kopf schnell hin und her: Dass offensichtlich vor Portugal eine neue Plattenverschiebung im Gang ist, die Europa, so wie wir es heute kennen, allmählich auseinander reißen wird. Dass bald Europawahlen sind, und ich weder das Programm „meiner“ Partei gelesen habe, noch das der anderen. Dass es mittlerweile so viele Flächen gibt, die gehegt und gepflegt gehören, und wir statt dessen an Eigentum festhalten. Dass – halt, genau, ich kümmere mich gerade um das Grab einer Ilse, die ich nicht kenne, und vermute,  dass mir das bei den Besitzer/innen der Grabstelle wenig Sympathien einbringt: „Soll die sich doch um ihren eigenen Kram kümmern!“ So stelle ich mir ihre Reaktion vor. Und ich verstehe sie sogar, nur dass ich immer weniger weiß, was mein eigener Kram eigentlich sein soll. Wo meins und deins ist, wo ist dann unser?

Nein, ich bin nicht bei den Jusos. Ich weiß nur mittlerweile nicht mehr, wie ich mir meine Verantwortung für die Welt vorstellen soll. Kann mich ein Kinderspiel auf die Spur bringen? – Ja, warum nicht? Wer aus Fehlern nicht gelernt hat (Politiker/innen können mir meine Entscheidungen nicht abnehmen), muss eben noch einmal über Los gehen. Die Programme allerdings sollte ich bis zur Wahl noch lesen – Lesen habe ich immerhin schon gelernt…