Kreuzberger Mischung

Gerade hagelt es in meinem Kopf. Nix bleibt da länger als 10 Sekunden. Keine guten Voraussetzungen, um auch nur einen oder zwei Absätze für die Klunker zu schreiben. Denn eigentlich – ach, aber da machte ich dieses Foto heute mittag hier in Kreuzberg auf dem Weg zum Friseur und dachte einfach nur: Wow!

Aber trotz Hagel dann trotzdem noch dies (und nochmal Wow!): Ich war gestern in der Philharmonie, wo der mittlerweile 90jährige Bernard Haitink ein Konzert mit den Philharmonikern gegeben hat. Mein lieber Scholli. Ich sag nur: Spree-Philharmonie. Die hat schon einige Kratzer ab, aber hier gelingen tatsächlich immer wieder magische Momente.

Wie dieser alte Mann mit Stock langsam aufs Podium geht, sich kurz auf den für ihn bereitgestellten Stehocker stützt, in die Partitur schaut, um dann sehr plötzlich mit einem präzisen Einsatz loszulegen: da ruht sich keiner auf seinen Lorbeeren aus. Da geht einer immer noch aufs Ganze. Was habe ich gestaunt.

In der ersten Runde gab es Mozart. Beileibe nicht mein Lieblingskomponist, aber einer, dem ich stets eine Chance gebe. Er hat so viele Musiker inspiriert, ich werde, das habe ich geschworen, ihm immer wieder zuhören. Schön war die Vermischung von Klavier und Orchester, denn, ja, es war ein Klavierkonzert und ja, den Solisten Paul Lewis fand ich ganz nach meinem Geschmack, nämlich völlig unaffektiert und so entspannt vor dem Flügel, dass ich mir nicht vor Panik, er könne sich verspielen, die Fingernägel in die Handflächen gegraben habe. – Ja, ich weiß, blöde Angewohnheit, die natürlich niemandem hilf, aber ich verkrampfe bei Lampenfieber leider gleich mit. Ich hatte mir kein Programm besorgt, so dass ich mich nicht entscheiden konnte, ob es sich um ein ganz frühes oder ein ganz spätes Werk handelte. Es war einfach, und im Grunde hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass es wie in einem Kreisel nur immer rund ging und rund und rund. Mir wurde etwas schwummrig und auf ein Haar wäre ich sogar eingenickt, aber am Ende hatte ich mich für ein Spätwerk entschieden, weil der Klangraum weit und eben die – sagen wir Farbigkeit – doch erstaunlich war. Ein Volltreffer, wie ich später las, denn es handelte sich um das Klavierkonzert Nr. 27, das letzte Klavierkonzert, das Mozart komponiert hat, wenn ich das richtig gelesen habe. Noch immer nicht meins. Allerdings gab Lewis als Zugabe ein kurzes Schubert-Stück, das Allegretto in c-moll, das mich derart vom Klappstuhl gerissen hat, dass ich den Espresso, von dem ich Minuten vorher noch geträumt hatte, nicht mehr brauchte. Nein, Schubert habe ich nicht geraten. Ich kenne ihn viel zu wenig (obwohl dieses Stück so eine Art Klassik-Ohrwurm hat, den ich natürlich schon gehört habe, aber nicht zuordnen konnte). Ich kam nur ungefähr so weit: Nach Mozart, vor Wagner, pfffff…

Der alte Dirigent ging sehr wackelig vom Podium und kam nach der Pause ebenso wacklig wieder zurück. Wohlgemerkt: um ein ca. 70minütiges massives Orchesterstück zu leiten. Kurzes Innehalten, ein Blick in die Partitur und Zack! Los ging es. Ich glaube, das mag ich besonders an (guter) Orchester-Musik: Dass es auf ein Zeichen losgeht. Ob leise oder laut, etwas setzt ein und läuft los. Manchmal erscheint mir die Musik tatsächlich wie eine Flüssigkeit, die sich ihren Weg bahnt, manchmal wie ein Gewebe, das zart gesponnen ist oder massiv plötzlich zu einem Gebirgsblock erstarrt, ja, eben, es gab Bruckners 7. Sinfonie, die zwischen poetischer Melodie und herabstürzenden Tonmassen mäandert, sparsam und gleichsam so mühelos vorgezählt und in die Luft gemalt von Haitink dass eben das passierte, wofür die Philharmonie die perfekte Hülle ist: ein Raum und Zeit überspringendes Musikereignis. Es gab Standing Ovations für Haitink und für die Philharmoniker, von denen man den Eindruck hatte, sie hätten das Musizieren an diesem Abend vor allem anderen genossen. Und es gab etwas, was ich sonst nur von Abenden mit Kent Nagano kenne (und selbstverständlich nur in der Berliner Philharmonie), dass nämlich ein guter Teil des Publikums auch nach dem Abgang des Orchesters (und während die Eilgen zur Garderobe hetzen) so lange weiter applaudiert, bis der Maestro noch mal herauskommt und alleine auf der Bühne den nur ihm geltenden Jubel entgegennimmt.

Nein, die Philharmonie steht nicht in Kreuzberg, aber wirklich ganz nah dran. In meinem Leben spielt sie gelegentlich eine – und dann wichtige – Rolle, mit dem Rad brauche ich gerade mal zehn oder zwölf Minuten dorthin. In meine persönliche Kreuzberger Mischung gehört sie also unbedingt dazu.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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