Auf meinem letzten Sonntagsspaziergang dachte ich, dass Menschen eine traurige Meisterschaft darin erlangt haben, Trostlosigkeit zu schaffen.
Lebenswege
Zum dritten Mal in diesem Jahr verbringe ich ein paar Wochen mit den Schriften Friedrich Hölderlins. Auch, wenn es vor der Hand um Berufliches geht, staune ich, wie tief mich diese Beschäftigung berührt. Ich frage mich, ob es ganz allgemein klug wäre, gelegentlich ein oder zwei Wochen mit einem Menschen aus der Vergangenheit zu verbringen. Weil, wie mir scheint, viel Grundsätzliches daraus zu verstehen ist. Denn wo Hölderlin Fragen stellt, habe ich auch heute nicht unbedingt Antworten. Oder wo er sich begeistert, kann ich diese Begeisterung durchaus teilen. Die Gegenwart ist also gar nicht so exklusiv, wie es vielleicht manchmal scheint. Und wir können nur aus der Geschichte lernen, wenn wir uns gelegentlich in sie vertiefen. Rätselhaft bleibt die Krankheit, oder der „Wahnsinn“, den man damals bei ihm diagnostizierte. Er selbst sprach davon, zu weit gegangen, zu viel (Göttliches) gesehen zu haben. Er wäre dann, wie Ikarus, zu hoch hinaus geflogen, an der Sonne verbrannt und abgestürzt. Was er selbst nicht geschrieben hat, welches Glück er am Ende hatte, auf Ernst Zimmer zu treffen, einen erstaunlich belesenen Handwerker, der ihn aufnahm, und ihm nicht nur das schönste Turmzimmer überließ, sondern ihn auch in die Familie integrierte. Hölderlin war immerhin vermögend genug, um es ihm ordentlich zu entlohnen. Aber er schrieb ihm auch einen schönen Vers auf ein Brettchen, als er ihn eines Tages in seiner Werkstatt besuchte:
Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.
Viel mehr als zwei Möglichkeiten
Alt werden heißt vielleicht auch, sich immer öfter in die Ausweglosigkeit von zwei Möglichkeiten zu verkeilen. Wäre es da nicht besser, mit Kindern zu sprechen, um zu sehen, dass viel mehr denkbar ist als dies oder das?
My own private Halloween
Es gibt so Wochen. Wo kein Stein auf dem anderen bleibt. Dinge, die lange in der Schwebe waren, knicken ein, Dissonanzen eskalieren, Unkenntnis weist den falschen Weg.
Die letzten Tage waren so wie schlimmste Träume: Ich irre durch verbaute enge Gänge, stehe vor unüberwindbaren Hindernissen – obwohl ich im Traum auch schon mal mühelos an Wänden hoch krabbeln und fliegen kann, wenn nötig – habe keine Orientierung, weiß nicht mal das Ziel, vermisse das Tageslicht und andere Menschen, die mir helfen, oder zumindest Auskunft geben könnten.
Bei Tag waren es natürlich keine engen Gänge, durch die ich lief. Eher graues Wetter, was so ein Gefühl der Enge gab und Hindernisse unterschiedlichster Art, die zu überwinden waren. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht gut arbeiten können, wenn hinter oder neben ihnen ein Haufen unerledigter Probleme liegt. Die Migräne war dann schon das lauteste Alarmzeichen, aber wo Alarm, ist leider oft noch nicht die Lösung.
Aber es ist wie so oft: Kaum kann ich ein Problem beim Schopf packen, lösen sich auch die anderen Schwierigkeiten. Es ist eine Art Domino-Effekt: Geht eins, gehen plötzlich alle. Jetzt bin ich unausgeschlafen, aber froh.
Ach, trotz Panik habe ich den „Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk gelesen. Auch ein sehr enges, fast hermetisches Buch, gruselig auf seine Art, aber seeeeehr gut.
Verschiedene Arten von Stille
Die letzte Woche war für mich sehr anstrengend. Das Wochenende ein einziger Migräneanfall. Jetzt genieße ich die Stille eines grauen Novembertags. Und wenn ich genau hinhöre, ist sie überall verschieden: In der Küche, im Bad, draußen im Hof, im Park. Nicht zuletzt auf dem Sofa, auf dem ich sitze, um die Überforderungen der letzten Tage abtropfen zu lassen.
Warten können
ob, oder wie gut man das könne, wurde gestern auf Spiegel-online in Bezug auf die langwierige Stimmenauszählung in den USA gefragt.
Ganz schlecht. Zumindest wenn es um wichtige Weichenstellungen oder Entscheidungen geht. Die berüchtigten Warteschlangen im Supermarkt machen mir nicht viel aus. Schlimmer wird es in Wartezimmern beim Arzt. Bei Behörden geht es komischerweise besser – !? Bei wichtigen Entscheidungen oder beim Weihnachtsmann wird es manchmal richtig schwierig. Ich versuche mich dann von innen frei zu schwimmen: Neue Gedanken zu finden, neue Ideen, wenn es irgendwie möglich, etwas anderes zu tun. Bloß nicht im Warten festbacken.
Hm, ja. Vielleicht ist es schon das. Im Warten zu erstarren. Nur noch auf das eine Ereignis zu starren, wo doch alle Minute lang auch was anderes los ist oder sein könnte.
Doch. Als ich eben den Rechner aufgeschlagen habe, und noch immer kein Ergebnis aus den USA feststand, war ich – oh nein! Aber jetzt werde ich erst mal meine Arbeit machen. Irgendwann gibt es ein Ergebnis – und hoffentlich das Bessere von den Beiden möglichen.
Patt
Seit Wochen beobachte ich mit Sorgen die US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Demokratische Wahlen – so scheint es mir zumindest – gewähren keine Demokratie mehr, geschweige denn, faire politische Diskussionen. Mit Schrecken kam mir die Idee, dass sich vielleicht in China die regierende Partei locker halten könnte, würde frei gewählt.
Was passiert? Und warum sind urdemokratische Mittel plötzlich keine Garanten mehr für Demokratien? Sind die Länder zu groß für ein solches individuelles Wahlprozedere? Die Menschen zu abgestumpft? Die Gesellschaften zu weit schon auseinandergefallen?
Mir fällt ein, dass in Griechenland, wo die Demokratie „erfunden“ (oder zumindest auch) erfunden wurde, nur freie Menschen wählen konnten. Männer könnten wir hier auch schreiben. Natürlich ist das heute undenkbar und nach unserer Vorstellung völlig undemokratisch. Aber es zeigt etwas, was mir bedenkenswert erscheint: Menschen, die mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, sind in ihren politischen Ansichten leicht zu beeinflussen. Schließlich geht es bei ihren Entscheidungen meist gleich ans Eingemachte. —- Hier muss ich mir aus Zeitgründen mit Gedankenstrichen behelfen. —- Ich habe natürlich keine Antwort. —- Eventuell ist die Frage auch schief. —- Es geht vor allem nicht darum, die Wählerstimmen zu beschränken. — Aber erklärt die Beobachtung etwas? Oder gäbe es von hier aus einen Weg, die Demokratie für die Zukunft zu stärken?
Allerheiligen
Zwischen Himmel und Erde verloren gehen.
Schwarz, weiß, Plus, Minus,
Hin und her gehen gerade meine Gedanken samt daran hängender Gefühle. Gestern zum Beispiel konnte ich mich riesig über den Büchner-Preis für Elke Erb freuen, oder darüber, dass die weißen Vorstadtfrauen in den USA offensichtlich klüger geworden sind in den letzten vier Jahren, und nicht mehr für Trump stimmen wollen. Laut grölende Feier-Gruppen am späten Abend rissen mir das Lächeln wieder aus dem Gesicht. Das Erdbeben in der Türkei, die entsetzlichen Attentate in Frankreich – die Liste lässt sich verlängern.
Weit weg würde ich gerade gern fahren. Aber um was? Dem eigenen Wohlsein noch eins draufzusetzen? Aber auch wirklich gar nichts mehr mit meinem Alltag zu tun zu haben? Und hilft es wem, wenn ich hier bleibe, und mich der schlechten Laune hingebe, die in allen Zimmerecken lauert?
Ein Monat Rückzug
steht uns bevor. Wie schon Anfang des Jahres bin ich eher sorglos. Allerdings macht mir die Dunkelheit und das langsam doch einknickende Wetter grummelige Laune. Gerade die sonnigen Tage im Frühjahr hatten dazu beigetragen, mir sämtliche Einschränkungen verschönen. Ich konnte rausgehen, manchmal nur auf den Hof, um vor der herabfallenden Decke in meinem Zimmer in Deckung zu gehen.
Plätzchen backen steht auf dem Programm. Ein Stapel ungelesener Bücher liegt neben dem Bett. Gitarre üben ist ein weiterer Plan. Joggen geht auch bei schlechtem Wetter. Ich will mal wieder Sounds basteln, vielleicht wären selbst gemachte Weihnachtskarten auch was. Oder konsequentes Nichtstun. Ich bin gespannt, denn ich weiß, dass ich bei weniger Ablenkung oft auf lange Vergessenes oder gar auf etwas Neues stoße. Wie gestern Nacht, als ich das Fenster weit aufgemacht habe, um dem Regen zuzuhören. Und tatsächlich: Nachts klingt Regen anders als über Tag. Ich schwöre!







