Da isses!

Ein Gefühl wie Geburtstag. Aber nicht ganz so kindlich-innig, wie ich mir das offensichtlich bewahrt habe (klappt aber auch nicht immer) – auch ein selbst auf den Weg gebrachtes Buch ist am Ende Arbeit. Und an der klebt eben auch immer viel Anstrengung und Enttäuschung.

Keine Klage. Ich bin sehr froh. Auch weil es ein Gemeinschaftsprojekt ist, und ich sehe, wie viel Elan von allen Seiten da hinein gegangen ist. Keine Selbstverständlichkeit. Aber doch, ja, den ersten Tipp-Fehler habe ich schon entdeckt. Aber ich denke, das muss einfach so sein. Heute jedenfalls gibt es ein dickes Eis.

Zweimal hingucken

musste ich heute, als ich das Foto auf den Rechner geladen haben, denn ich hatte das Gefühl, eine Collage vor Augen zu haben, zumindest ein bearbeitetes Foto, aber ganz bestimmt kein Schnappschuss vom nachmittäglichen Spaziergang. Doch wirklich: Es ist ein Schnappschuss. Der zeigt, wie collagiert, d.h. verbaut viele Gewerbegebiete sind, in denen mindestens 100 Jahre gearbeitet, gestapelt, verpackt oder Zeug aufbewahrt wurde. Unordnung, die vermutlich auch bald verschwinden wird.

Rauschen

Meine Tage sind eintönig und die Gedanken rollen gegen die Stirn, ein Gedanke über den anderen. Und alle verschwinden unter dem nächsten und übernächsten wie Wellen am Strand. Wäre ich ein schneller kleiner Strandläufer, würde ich vielleicht den einen oder anderen picken, aber ich bin frühjahrsmüde und starre bloß auf das ganze Hin und Her. Nachts träume ich viel. Und gefährlich. Am Eindrücklichsten war die blond gelockte Massenmörderin, die stets meinen Weg kreuzte und dabei zwei oder drei Passanten tötete, während ich immer knapp entkam. Keine Ahnung, aus welchen Ängsten sie aufstieg.

Rauschen ist manchmal ganz gut. Man sieht nicht scharf und auch die Ohren sind nicht richtig auf Empfang. Mir fallen immer wieder die Augen zu, und keine Disziplin bringt mich dazu, sie wieder zu öffnen: Dreht die Welt sich halt eine Weile ohne mich weiter…

Nein, das ist keineswegs langweilig oder unangenehm. Es ist eher wie ein etwas zu heißer Strandtag. Den man verdöst, um am nächsten Tag einen Berg zu versetzten oder zwei.

Dem Hasen Kunst erklären

Das konnte er gut: Dinge sagen, von denen man im ersten Moment nicht recht wusste, ob man sie richtig verstanden hatte. Capri-Birne? Ich denke sowieso mit dem Knie. Und jeder Mensch – echt jetzt?

Heute vor 100 Jahren wurde Joseph Beuys geboren, für rheinländische Kunstgeschichtsstudent/innen eine Größe, an der nicht so einfach vorbei zu kommen war. Weil er Star Trek schaute, konnte er doch nicht völlig blöd sein, aber was er da machte, pffffff. Ich schwankte oft hin und her. Unverständnis, Ablehnung, Faszination, nicht zuletzt Entspannung: Der ganze Schrott wollte nicht bewundert werden. Der stand eben erratisch bis unübersichtlich in Museen herum und erinnerte an Baustellen oder Brachen, an Orte also, die ich immer ganz gerne mochte.

Eigentlich wollte ich mich heute mal eine Stunde hinsetzten, und mich an meine Begegnungen mit Beuyscher Kunst erinnern. Aber der Tag hat eine komische Abkürzung vorgenommen. Jetzt ist es Abend und ich zu müde. Ich will sehen, dass ich das Vorhaben nachhole. Denn eins ärgert mich schon, wie sehr Beuys jetzt in die rechte Ecke gedrängt wird. Es hat sich gezeigt, dass er seine Biografie geglättet, esoterische und undemokratische Gedanken gedacht oder andere politisch nicht korrekte Ideen hatte. Aber er hatte eben auch einen großen Drang, Dinge zu ändern, andersherum zu denken, und damit vielleicht besser, weil – so würde ich das formulieren – ehrlicher zu machen. Ich hoffe, ich finde Zeit, mir das genauer anzuschauen. Und Ihr so? Habt Ihr Euch an Beuys gestoßen, oder war er einfach egal?

Hölderlin kommt!

Am Wochenende ist es soweit: Mein Buch „Hölderlin leuchtet“ kommt nach einem Jahr Arbeit heraus. Das ist wirklich ein bisschen, wie eine Geburt (oder wie ich mir eine Geburt als Nicht-Mutter so vorstelle): Ich bin wahnsinnig gespannt, wie der Neuankömmling aussehen wird, obwohl ich mir so einiges schon denken kann. Und bei aller Unsicherheit freue ich mich auch. – Die sehr schönen Illustrationen stammen übrigens von Jette von Bodecker. Sie machen das Buch doppelt schön.

Erfolge vernichten

Es gibt das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Er hat eines Tages einen Superfisch an der Angel, der Wünsche erfüllt. Statt selbst etwas zu wünschen, geht der Fischer zu seiner Frau, um ihre Wünsche zu erfragen und dann erfüllen zu lassen. Es geht eine Weile, bis die Frau zu viel will und das Paar zur Strafe wieder in den anfänglichen Zustand großer Armut versetzt wird. Alles haben, und doch nicht zufrieden sein – ach ja. Kennen wir alle (manchmal).

Aber es geht auch umgekehrt. Und je länger ich alleine im Home-Office sitze, umso schneller dreht sich die Spirale. Nein. Es gibt keinen Superfisch. Aber stets neue Begehrlichkeiten, was die eigene Leistung angeht. Wenn ich heute was schreibe, denke ich am nächsten Tag: Hoppla, wenn ich heute was schreibe und noch was schreibe, das wäre doch toll – !? Und am nächsten Tag lege ich noch eins drauf. Und so am übernächsten und am über- übernächsten Tag. Mit dem Ergebnis… immer missmutiger zu werden. Denn nichts zählt mehr: Nicht ein Text, nicht zwei, nicht drei. Es müssen mindestens vier sein, dazu noch mindestens eine Stunde draußen, dann Hausarbeit, ein tolles Essen, ein bisschen Sport, vielleicht noch ein Brief oder eine E-Mail und jeden Tag in einer anderen, möglichst noch besseren Mischung.

Ehrlich? So wird das nichts. Immer mehr und noch mehr – das ist keine gute Idee, weder in die eine, noch in alle anderen Richtungen. Also besser mal scharf auf die Bremse treten. Abendessen machen, mich freuen, was ich die Woche erledigt habe und die Füße hochlegen. Wie heißt das noch so schön? Feier(!)Abend…

Wie wird es sein?

Bei meinem letzten Spaziergang bin ich lange an dieser Baustelle stehen geblieben. Viel ist mir durch den Kopf gegangen – Was Stadt oder Stadtleben bedeutet zum Beispiel, wie viel Geschichte oder Geschichten ein solches Grundstück trägt, welche Erwartungen sich an das neue Haus knüpfen, welche Befürchtungen. Wie angreifbar ein Haus von seiner Rückseite aussehen kann. Was die Bäume schon alles „gesehen“ haben mögen. Oder auch: Wie wird es sein, wenn es fertig ist? Eine Frage, die oft später kaum noch umgekehrt werden kann, weil man sich so ans „fertig“ gewöhnt hat, dass das Vorher völlig in Vergessenheit gerät. Wie wird es sein, wenn ich erwachsen bin? Das ist eine Frage, die ich mir als Kind (nicht mehr als Jugendliche) gestellt habe. Wie würde ich sie heute beantworten?