Dass Schönheit auch eine Maske ist, die in manchen Momenten unverwundbar macht. Wer nicht schön ist, muss sich dagegen ausstellen. Immer.
Ein Brett verändert alles
Ich liebe es, im Sommer am offenen Fenster zu arbeiten. Heute zum Beispiel weht zarter Blütenduft (so etwas wie Flieder) in meine Wohnung, und die Vögel zwitschern, dass ich den lauten Mehringdamm fast gar nicht höre.
Draußen arbeiten dagegen geht gar nicht. Nicht einmal Lesen gelingt mir, sobald sich mein ganzer Körper unter freiem Himmel befindet. Es ist so, als würde ein Schalter gedrückt. Der Kopf wechselt von Denken auf Schauen. Ende der Durchsage.
Seit gestern habe ich eine Fensterbank. Wo vorher nur ein kleines Holz war, auf dem nicht einmal die Kaffeetasse sicher stand, ist jetzt ein Brett montiert, vielleicht nicht das schönste seiner Art, aber immerhin robust genug, um Bücher, Tassen und meine aufgestützten Ellbogen zu tragen. Und, Überraschung! Lesen geht, E-Mails-Schreiben geht, den Rest muss ich noch ausprobieren – Eine kleine Veränderung zieht neue Möglichkeiten nach sich. Wie schön ist das denn!?
Ganz tiefe Verneigung
vor der Tennisspielerin Naomi Osaka, die die French Open verlassen hat, weil sie nicht für Pressegespräche nach den jeweiligen Matches zur Verfügung stehen will. Sie schreibt, dass sie zur Zeit wegen Depressionen diese Verpflichtung nicht einhalten kann, und wurde von den Veranstaltern mit einem hohen Bussgeld belegt, weil sie den ersten Termin nach einem gewonnenen Spiel abgesagt hat.
Wir sehen: Auch Depressive können gewinnen. Und: Menschen sind keine Puppen, die beliebig in die Kamera gehalten werden können. Hut ab!
Hast du Hunger?
Diese Frage schien mir über lange Zeit einfach, weil mit „ja“ zu beantworten. Ich esse gerne. Und mag besonders die Gelegenheiten, mich mit Freund/innen oder Kolleg/innen gemeinsam an einen Tisch zu setzten. Neulich kamen mir Zweifel. Eher durch Zufall. Ich musste ein Medikament nehmen, dass mir nicht besonders bekam. Mir war flau im Magen und an Hunger oder gar Appetit nicht zu denken. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie sehr meine Essgewohnheiten an der Tageszeit, nicht aber am Hunger hängen, wann gefrühstückt und zu Mittag gegessen wird, bestimmt die Uhr, abends gibt es meist größere Spannbreiten. Nanu!?
Ich entschied am dritten Tag, erst wieder zu essen, wenn ich Hunger habe. Es blieb an diesem Tag bei einem Apfel. Und auch die nächsten beiden Tage wurde es nicht wesentlich mehr (je noch eine Möhre und noch ein Apfel). Damit hatte ich nicht gerechnet. Es zeigte sich, dass drei Fastentage schon ausreichten, meine Essgewohnheiten zu knacken. Mir fiel ein, dass mein Vater über Jahrzehnte überhaupt nur einmal am Tag, nämlich abends gegessen hatte. Er hat als Kind den Krieg erlebt. Zu viel Essen blieb ihm offensichtlich suspekt. Auf meine Frage antwortete er: Ich hatte einfach keinen Hunger.
Tatsächlich kam mir der Zwischenfall entgegen. Ich habe wie wahrscheinlich viele im Home-Office zugenommen, und war dankbar, wieder zu meiner Sommerkleider-Figur zurückzukehren, dieses Mal sogar ganz ohne Anstrengung und Disziplin. Denn es bleibt dabei, ich habe kaum noch Hunger. Natürlich esse ich längst wieder mehr als Apfel-Möhre-Apfel pro Tag, dennoch bleibt mir die Sache komisch, und die Frage: wann hast du Hunger? Ich bin mal gespannt, wie es weiter geht. Aber keine Sorge. Das Gerne-Essen werde ich nicht aufgeben. Dafür macht mir ein schön gedeckter Tisch mit möglichst vielen Gängen viel zu viel gute Laune.
Pünktlich zum Fest
Meine Hinterhof-Rose: Frohe Pfingsten!
Was suche ich denn auf Reisen?
Am Ende vielleicht doch nur die Bestätigung meiner Vorurteile? Denn wehe, es scheint keine Sonne in Kalifornien oder die Pariser Kellner sind plötzlich freundlich. Und was ist, wenn mich in Rom die Antike langweilt und in New York das teure Törtchen nicht schmeckt? Der Pazifik plötzlich zahm und die angekündigten Wale untergetaucht sind?
Nein, im Ernst. Warum fahre ich irgendwo hin? Bin ich wirklich so mutig, wie ich mir einrede? Suche ich die Horizonterweiterung oder einfach nur eine tolle Zeit (was auch immer das dann ist oder sein soll)? Und was wäre an einer einfach nur tollen Zeit schlimm? Außer dass sie eventuell zu teuer bezahlt ist?
Verstehe ich die Welt – oder auch nur mich selbst – mehr, wenn ich weiß, wie die Sonne in Göteborg scheint oder in Zagreb. Wie der Kaffee dort schmeckt oder ein Fisch frisch aus dem Meer? Wenn ich den Großen Bären einmal am Nachthimmel über den Niagara-Fällen gesehen habe oder in London?
Ja, doch. An letzteres glaube ich fest. Es wird Menschen geben, die sich das vorstellen können, ohne auch nur einmal aus ihrem Geburtsort weggekommen zu sein. Aber für mich ist es eine Erinnerung daran, dass es auch immer anders sein kann. Dass der Mond auf dem Kopf stehen und die Menschen für mich unverständliches Zeug essen und sprechen. Dass es andere Gerüche gibt, ganz andere Temperaturen und Gewohnheiten.
Schon möglich, dass ich mich auf Reisen einfach nur selbst besser kennenlernen möchte. Aber ganz sicher bin ich mir gerade noch nicht. Es wird Zeit, dass ich mal wieder einen Koffer packe. Wenn auch nur, um eine Freundin zu besuchen oder die Heimat meiner Kinderzeit.
Was macht uns Menschen aus?
Das, was wir gemeinsam haben, oder das, was uns voneinander unterscheidet?
Da isses!
Ein Gefühl wie Geburtstag. Aber nicht ganz so kindlich-innig, wie ich mir das offensichtlich bewahrt habe (klappt aber auch nicht immer) – auch ein selbst auf den Weg gebrachtes Buch ist am Ende Arbeit. Und an der klebt eben auch immer viel Anstrengung und Enttäuschung.
Keine Klage. Ich bin sehr froh. Auch weil es ein Gemeinschaftsprojekt ist, und ich sehe, wie viel Elan von allen Seiten da hinein gegangen ist. Keine Selbstverständlichkeit. Aber doch, ja, den ersten Tipp-Fehler habe ich schon entdeckt. Aber ich denke, das muss einfach so sein. Heute jedenfalls gibt es ein dickes Eis.
Zweimal hingucken
musste ich heute, als ich das Foto auf den Rechner geladen haben, denn ich hatte das Gefühl, eine Collage vor Augen zu haben, zumindest ein bearbeitetes Foto, aber ganz bestimmt kein Schnappschuss vom nachmittäglichen Spaziergang. Doch wirklich: Es ist ein Schnappschuss. Der zeigt, wie collagiert, d.h. verbaut viele Gewerbegebiete sind, in denen mindestens 100 Jahre gearbeitet, gestapelt, verpackt oder Zeug aufbewahrt wurde. Unordnung, die vermutlich auch bald verschwinden wird.
Rauschen
Meine Tage sind eintönig und die Gedanken rollen gegen die Stirn, ein Gedanke über den anderen. Und alle verschwinden unter dem nächsten und übernächsten wie Wellen am Strand. Wäre ich ein schneller kleiner Strandläufer, würde ich vielleicht den einen oder anderen picken, aber ich bin frühjahrsmüde und starre bloß auf das ganze Hin und Her. Nachts träume ich viel. Und gefährlich. Am Eindrücklichsten war die blond gelockte Massenmörderin, die stets meinen Weg kreuzte und dabei zwei oder drei Passanten tötete, während ich immer knapp entkam. Keine Ahnung, aus welchen Ängsten sie aufstieg.
Rauschen ist manchmal ganz gut. Man sieht nicht scharf und auch die Ohren sind nicht richtig auf Empfang. Mir fallen immer wieder die Augen zu, und keine Disziplin bringt mich dazu, sie wieder zu öffnen: Dreht die Welt sich halt eine Weile ohne mich weiter…
Nein, das ist keineswegs langweilig oder unangenehm. Es ist eher wie ein etwas zu heißer Strandtag. Den man verdöst, um am nächsten Tag einen Berg zu versetzten oder zwei.









