Willst du mein/e Briefpartner/in sein?

Vielleicht gibt es am Ende keine innigere Liebeserklärung, als diese – vorab nicht besonders sexy klingende – Anfrage. Denn im Schreiben dessen, was ich sehe und erlebe, wie ich meine Zeit verbringe, um dann alles in einzelne Texte zu packen, die wie Überraschungen Absatz auf Absatz folgen, entspinnt sich vielleicht die intimste Art aller uns Menschen möglicher Kontakte. Ja, klar. Erzählen geht natürlich auch, und wer nicht lesen kann und schreiben, findet andere Formen, Singen vielleicht, Tanzen, von Berührungen ganz abgesehen.

Doch wer schreibt heute noch Briefe? Oder wo fände sich in einem dicht gepackten Alltag Zeit dafür? Ich habe gerade in Briefen gelesen, die Diderot an seine Freundin Sophie Volland schrieb. Über 500 sollen es gewesen sein, lediglich 170 oder 180 sind überliefert. Meisterwerke der Beobachtung, der Schreibkunst und der Liebe. Was mich besonders berührt: Von dieser Liebe getragen, werden alle Beobachtungen, jede noch so kleine alltägliche Begebenheit zu Wundern des Daseins. Das Herz öffnet Augen und Verstand. Und macht uns zu besseren Menschen. Also los, worauf warten wir noch?

Zwei sind nicht einfach nur mehr als eins…

Ich bin daran gewöhnt, vor allem berufliche Treffen alleine zu absolvieren. Da ich kürzlich unglücklich gestürzt bin, habe ich mir für zwei Events diese Woche eine Begleitung auserbeten: Wer fällt schon gerne bei einem Treffen mit weitgehend Fremden ins Buffet oder schlimmer…?

Und was für ein Unterschied!

Wer nämlich schon mit jemandem im Gespräch ist – und sei es nur die eigene Begleitung – wirkt offener und wird viel schneller von anderen angesprochen, als wer, noch so freundlich, alleine rumsteht. Es war für mich so eine angenehme Überraschung! Ganz davon abgesehen, dass ich mir so auch Redepausen genehmigen konnte, denn alles lief sehr angeregt ohne mich weiter, und ich stand nicht nur einfach schweigend herum.

Umgekehrt ist mir aber auch aufgefallen, dass mir im Doppelpack die Leute, die alleine gekommen sind, eher souverän vorkamen. Also viel cooler, als ich es mir selbst in so einer Situation vorgestellt habe. Werde ich mir merken, für das nächste Mal, wenn ich wieder alleine irgendwo stehe.

Es gibt so Tage,

tatsächlich oft Montage, an denen ich mit Realitäten konfrontiert werde, die ich gar nicht unbedingt kennen lernen wollte. Aber da fragt ja keine*r. Dann sind mir Menschen so was von fremd, ja sogar über. – Zum Glück gab es heute noch gute Überraschungen. Und ab Morgen hoffentlich wieder mehr hier auf den Klunkern…

Also gut, Pflaumen

Sie sind ziemlich klein und haben diese traumschönen roten Mäntelchen… Sie schmecken süß, zart, fruchtig, sie riechen so gut, dass ich sie eigentlich gar nicht essen mag (weil sie dann ja nicht mehr weiter duften können). Der Geschmack ist sehr fein, deshalb denke ich fast, es müsste eine Kreuzung mit einem anderen Obst sein, mit Mirabellen vielleicht? Kennt von Euch jemand diese Früchtchen? Ich wüsste einfach zu gerne, wie sie heißen!

Im Bienenschwarm

Meinen Vater zu sehen ist das Eine. Aber wenn ich zu Hause im Rheinland bin, übernachte ich bei meiner Freundin, deren Mann neben seinem Hauptberuf Imker ist. Vor dem Gästezimmer stehen viele der Bienenkästen und beim Aufwachen schwebe ich – zumindest akustisch – in einer Wolke fliegender Bienen. Und während ich mir viele Sorgen um den immer älter werdenden Vater machen, ist der Bienenschwarm das Andere: pures Glück.

Es regnet

Und was letztes und vorletztes Jahr ein heißersehntes Ereignis war, wird jetzt – ich bin gerade im Rheinland – eine echte Bedrohung.

Für alle Nachfragen noch einmal herzlichen Dank: Mir geht es ganz gut, die Beule am Kopf wird kontinuierlich kleiner und ich habe in zweieinhalb Wochen noch einmal einen kompletten Gesundheitscheck, so dass hoffentlich alle noch offenen Fragen geklärt sein werden.

Mehr demnächst wieder. Ahoi!

Notaufnahme

Natürlich ist es schlimmer als im Fernsehen. Und verrückter als jede Stand-up-Comedy. Wer bei halbwegs funktionierendem Verstand dort hinkommt, erlebt alle Vorurteile, die er oder sie so mitbringt. Mit Nuancen dazwischen, die nachhängen.

Im Berliner Urbankrankenhaus (heute mit aufgehübschtem Namen „Klinik am Urban“ immer noch abendliche Endstation vieler über Tag Gestrandeter und Obdachloser und Opfer von Kreuzberger Schnellschläger: „ich mach dich Urban“) liegen die Aufenthaltszeiten an einem ruhigen Tag bei 4-5 Stunden, also Zeit genug, etwas mitzubekommen, auch wenn die Augen geschlossen bleiben (es gibt ja durchaus Gründe, weshalb man hingebracht wird).

Um zu erzählen, was ich mitbekommen habe, würde ich auf die Schnelle meine Vorurteile als Gerüst verwenden, und mich dann chronologisch vom Anfang zum Ende bewegen. Das wäre durchaus die Wahrheit, aber aus einer falschen Perspektive. Vor allem ist so ja das (glückliche) Ende schon im Spiel, während ich real stundenlang auf die Untersuchungsergebnisse wartete, und deshalb enorm angespannt war – je länger es dauerte, desto mehr.

Die für mich größte Überraschung war die Freundlichkeit aller, die dort arbeiten. Es ist ja ein riesiger Stress, keiner weiß, wer oder was als nächstes reinkommt, alle Patient*innen liegen auf fahrbaren Betten wie schlecht geparkte Autos in den Gängen, Angst und Schmerzen bringen nicht nur unmenschliche Geräusche, sondern auch unzivilisierte Gerüche mit sich. Die meist aggressiven Dauergäste werden mit Respekt behandelt, wenn auch manchmal nur noch Zurede wie an Kleinkinder zum Erfolg führt. Alle Untersuchungen werden mir erklärt, Ergebnisse, soweit sie positiv und auch schon ablesbar sind, sofort mit aufmunterndem Ton mitgeteilt. Es bleibt sogar noch Zeit für ein Kompliment über mein schönes Kleid und die Frage nach meinem Beruf.

Mich selbst habe ich überrascht mit der Geschwindigkeit, in der ich mich auf die Situation eingestellt habe. Ich war so ruhig, wie es nach einem Unfall sein kann. Allerdings hatte ich auch nicht ganz so krasse Schmerzen, und die Zeichen standen eher auf kleinere Verletzungen denn auf Katastrophe. Andere Überraschung: Wie sehr mich alle Geräusche von Maschinen und Geräten beruhigt haben. Das stoische Piepen und Blinken der Apparate war für mich eine Art akustischer Haltegriff, wenn menschlichen Stimm(ung)en mich bedrohten. Es gab auch einen irrwitzigen Dialog von zwei Betrunkenen, die in einer Theateraufführung jedes erdachte Skript in den Schatten gestellt hätte. Vor allem die Stimmen der beiden Männer waren unglaublich und die Tatsache, dass einer der beiden deutsch, der andere englisch sprach. Und obwohl es so eine Art Streitgespräch war, wo wahrscheinlich keiner den anderen wirklich verstand, brachten sich die beiden alleine mit ihrem Tonfall in eine fast meditative Ruhe.

Echt? Ich weiß es nicht. Denn natürlich war das mein Film. Und ja, jetzt geht es mir ganz gut. Ich sehe zwar aus wie eine Klingonin mit blauer Gesichtsfarbe (ich bin unglücklich gestürzt), ich habe noch Kopfschmerzen und muss das Bett hüten, aber eben, ich kann schon wieder lange Sätze schreiben. Insofern bin ich gut raus. Aber mit einer Erinnerung, die mich begleiten wird.