Hast du Hunger?

Diese Frage schien mir über lange Zeit einfach, weil mit „ja“ zu beantworten. Ich esse gerne. Und mag besonders die Gelegenheiten, mich mit Freund/innen oder Kolleg/innen gemeinsam an einen Tisch zu setzten. Neulich kamen mir Zweifel. Eher durch Zufall. Ich musste ein Medikament nehmen, dass mir nicht besonders bekam. Mir war flau im Magen und an Hunger oder gar Appetit nicht zu denken. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie sehr meine Essgewohnheiten an der Tageszeit, nicht aber am Hunger hängen, wann gefrühstückt und zu Mittag gegessen wird, bestimmt die Uhr, abends gibt es meist größere Spannbreiten. Nanu!?

Ich entschied am dritten Tag, erst wieder zu essen, wenn ich Hunger habe. Es blieb an diesem Tag bei einem Apfel. Und auch die nächsten beiden Tage wurde es nicht wesentlich mehr (je noch eine Möhre und noch ein Apfel). Damit hatte ich nicht gerechnet. Es zeigte sich, dass drei Fastentage schon ausreichten, meine Essgewohnheiten zu knacken. Mir fiel ein, dass mein Vater über Jahrzehnte überhaupt nur einmal am Tag, nämlich abends gegessen hatte. Er hat als Kind den Krieg erlebt. Zu viel Essen blieb ihm offensichtlich suspekt. Auf meine Frage antwortete er: Ich hatte einfach keinen Hunger.

Tatsächlich kam mir der Zwischenfall entgegen. Ich habe wie wahrscheinlich viele im Home-Office zugenommen, und war dankbar, wieder zu meiner Sommerkleider-Figur zurückzukehren, dieses Mal sogar ganz ohne Anstrengung und Disziplin. Denn es bleibt dabei, ich habe kaum noch Hunger. Natürlich esse ich längst wieder mehr als Apfel-Möhre-Apfel pro Tag, dennoch bleibt mir die Sache komisch, und die Frage: wann hast du Hunger? Ich bin mal gespannt, wie es weiter geht. Aber keine Sorge. Das Gerne-Essen werde ich nicht aufgeben. Dafür macht mir ein schön gedeckter Tisch mit möglichst vielen Gängen viel zu viel gute Laune.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Ulrike Sokul 8. Juni 2021

    Liebe Stephanie,
    passsend zum Thema sende ich Dir nachfolgend zwei amüsante Zitate, die an meinem Kühlschrank hängen.

    „Die meisten Menschen essen zuviel.
    Von einem Viertel dessen,
    was sie verzehren, leben sie,
    von den restlichen Dreivierteln
    leben die Ärzte.“

    (ägyptische Papyrusrolle, ca. 6000 Jahre alt)

    „Der Fraß tötet mehr Menschen
    als das Schwert.“

    ( Von Galen, der nach Hippokrates bedeutendste Arzt der Antike)

    Nachtaktive Grüße von
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

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