Mut zum Unspektakulären

Jahresrückblicke, Jahresausblicke, Analysen, Rekapitulationen. Doch, ja, ich sitze auch hier und überlege, was dieses Jahr für mich gebracht oder bedeutet hat. Welche Höhepunkte oder Desaster es gab, was ich daraus mitnehme, lerne vielleicht. Wichtig scheint mir, keine Schneisen zu schlagen, rückblickend Linien zu legen, wo keine sind, Zufälle überzubetonen, Muster zu suchen, Erklärungen zu finden. Weil ich den Eindruck habe, ich mache vorne zu, wenn ich das Erlebte zu sehr in Deutung überführe. Dennoch habe auch ich das Bedürfnis, ein gewisses Fazit zu ziehen. Mir aus den letzten Monaten etwas mit in die Zukunft mitzunehmen. Um mich nicht im Kreis zu drehen. Für bestimmte Situationen neue Türen zu finden. Oder neue, freundlichere Angebote an meine Mitmenschen parat zu haben.

Durch den Tod meiner Mutter hat sich einiges in meinem Leben geändert. Zum Guten. Was nicht bedeutet, dass ich froh bin, dass sie gestorben ist. Aber es war eben auch eine Befreiung. Jetzt bereitet sich mein Vater auf das Sterben vor. Er ist nicht krank. Aber schon sehr alt. Das berührt mich sehr. Dieses sich Rüsten auf das vollkommen Unbekannte. Natürlich ändert das auch meine Perspektive in die nächsten Jahre. Der Horizont rückt näher.

My home is my castle

Und jede noch so kleine Mietwohnung ein Palast, wenn ich meine Wohnung als Ort größter persönlicher Freiheit wahrnehme. Ja, hier kann ich sein, wer ich bin – oder wer ich sein will, solange ich nicht Lagerfeuerchen mache oder ohrenbetäubenden Lärm. Komische Haustiere sollten auch nicht sein, aber dann schon sind alle Grenzen weit offen und ich kann in meinen eigenen vier Wänden einen Resonanzraum schaffen, in dem ich mich wohlfühlen, ausprobiere, in dem ich mich hier und da vielleicht sogar noch einmal in mich verlieben kann, in dem ich – nicht zu vergessen – Freund/innen in meiner Welt empfangen kann. Wenn es am Ende des Sommers wieder dunkel wird, ist meist der Zeitpunkt, auszumisten, und die gute Stube für die kalte Jahreszeit vorzubereiten. Auch im Frühjahr überkommt mich der Wunsch, alles noch einmal zu putzen, damit das Licht sich wieder überall spiegeln kann. Und jetzt, am Ende des Jahres sitze ich in meinem kleinen Reich und schmiede Pläne oder hänge Erinnerungen nach. Wie schön das ist!

Das Leben der vielen in den Blick nehmen

Doch, ja, ich gebe es zu: als ich diesen Blumenständer sah, musste ich laut lachen. Form follows function, der Schlachtruf moderner Architekt/innen schoss mir durch den Kopf und machte alles nur noch lustiger. Gesehen habe ich ihn letzte Woche bei meinem Ausflug nach Celle, er steht in einem Haus nahe am Französischen Garten, das Otto Haesler 1930/31 für den damaligen Direktor des Celler Gymnasiums gebaut hat.

Aber der Artikel von Hanno Rauterberg, den ich heute auf „Zeit-online“ gelesen habe, belehrt mich eines besseren… Denn es ging den Bauhäusler/innen, so schreibt Rauterberg, nicht bloß um guten Geschmack, um das reine Konsumentenglück. Sondern um einen größeren Rundumblick, darum die Wünsche und Bedürfnisse einer Gesellschaft aufzuspüren und neu zu gestalten, nicht neu im Sinn von futuristisch, sondern mit Blick auf die Vergangenheit, und auch nicht so designorientiert, wie es rückblickend scheinen mag, sondern immer im engen Kontakt zwischen Kunst und Leben.

Das Bauhaus. Ach ja. Fester Bestandteil jedes kunsthistorischen Curriculums, natürlich sind die Eckdaten abrufbar und was weiß ich, aber dann falle ich eben doch noch mal aus allen Wolken: Das Gründungsdatum der Weimarer Schule ist der 12. April 1919. Angetreten sind ihre Vertreter/innen kurz nach dem Ende des so verheerenden (im Wortsinne) Ersten Weltkrieges, zu einer Zeit, wo die Welt in Trümmern lag, darunter so ziemlich alle Hoffnungen begraben. Und, so schreibt Rauterberg, und erst jetzt kapiere ich das so richtig:

„mitten hinein in diese Ungewissheit, die man sich weit dunkler vorstellen muss als die heutige, mitten hinein in eine Endzeit setzte das Bauhaus einen Anfang.“

Ja. Genau. Auch für Blumentöpfe. Und wer heute in Bauhaus-Architekturen hineinspaziert, mag vielleicht geschmacklich nicht einverstanden sein. Aber dass hier ein Ideal gesucht wurde, dass mit Enthusiasmus Alltägliches neu gedacht wurde, kann sicher niemand bestreiten. Doch, ja, das Bauhaus war eine beste Idee des 20. Jahrhunderts, und mehr noch, eine optimistische Haltung angesichts größter Bedrohung. Davon können wir uns, auch wenn wir Quadrate, Schiebefenster, Beton oder Linoleum nicht besonders schätzen, ein Jahrhundert später noch eine Menge abschauen.

Tun, was man sonst nicht tut

Die Zeit zwischen den Jahren hat ihren ganz eigenen Rhythmus. Manchmal ist es, als würden die Uhren ganz stehen bleiben, manchmal läuft die Zeit sogar zurück. Vielleicht, weil die Erinnerungen emporsteigen, wer viel vor Kerzen sitzt, mag irgendwelche genetisch eingespeicherten Lagerfeuervergangenheiten aktivieren und ins weiträumige Sinnieren geraten. Was war, gut oder nicht so gut, was ist, was werden wird oder soll.

Ich räume in diesen Tagen auf. Ja, schon, – auch um Ordnung zu machen. Aber vor allem, um mich überraschen zu lassen. An Heiligabend zum Beispiel sind mir hunderte alter Fotografien in die Hände gefallen. Alle schön durcheinander. Und es war wie oft, wenn Dinge lange verschwunden sind und plötzlich wieder auftauchen: Der Blick darauf ist neu. Und ich habe mich rückblickend als eine andere Person gesehen als bisher. Natürlich spielt der Zufall eine Rolle. Der Zufall, wie mir die Bilder durch die Hände gingen und welche ich da überhaupt aus den hinteren Schubladen hervor geholt hatte. Aber es war eine richtig gute Erfahrung.

Ansonsten mache ich nur, wozu ich mich wirklich aufraffen kann. Wenn ich keine Lust habe, sorry, dann bleibt es eben liegen. Diese letzten Tage im Jahr gehören mir ganz allein. Und ich merke, wie sehr mir die Erinnerungen auf die Sprünge helfen, neue Ideen und Pläne für das neue Jahr zu finden.

Trauer als Maß für Freiheit

„Skeleton Tree“, die aktuelle CD von Nick Cave, begleitet mich seit ihrem Erscheinen. Ein dunkles Werk, das Cave nach dem Tod seines Sohnes aufgenommen hat. Seit der Debatte um den diesjährigen Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan beschäftigt mich die Frage nach der literarischen Dimension von Songs/Songtexten. Nein. Es geht hier nicht darum, Cave für den nächsten Nobelpreis vorzuschlagen oder jemanden von seiner Musik zu überzeugen. Mich berührt dieses Album, und ich spüre, dass gesungene Texte mich anders angehen, als gelesene.

Denn eine menschliche Stimme kann für sich schon sehr stark sein. Sie spricht mich direkt an – „with my voice I am calling you“ (Jesus alone), wo ein geschriebenes Wort kühl bleibt (was im Übrigen auch sehr stark wirken kann. Aber eben: Am Ende ist es meine Gedankenstimme, die da liest, keine ANDERE). Der Nachteil daran ist vielleicht, dass diese andere Stimme eine einzige Lesart vorgibt. Gute Musiker/innen können so etwas in Live-Konzerten verwischen. Aber vielleicht ist eine Festlegung gar nicht so negativ, wie man (theoretisch) denken mag. Sie gibt eine Stimmung vor, die eben die erste Interpretation ist.

„You believe in God, but you get no special dispensation for this belief now“ (Jesus alone), eine Zeile, die für mich weit über den Verlust eines geliebten Menschen hinaus geht. Allgemeingültig ist, in Momenten großer Einsamkeit, auch großer Erfolge übrigens. Etwas, was zum härtesten gehört, das gläubige Menschen aushalten müssen, etwas, was Nicht-Gläubige übrigens selten auf dem Schirm haben, wenn sie über Glauben als kindische Haltung lächeln. Ein Satz wie ein Meteoriteneinschlag. Müde, lakonisch und nachdenklich gesungen von Cave hinter dem eine Höllenmaschine gefährlich wie eine Sirene (nein, ein ganzer Sirenenschwarm) musiziert. Das rührt mich an. Das macht mich gleichzeitig größer, mutiger. Wie ein Schlachtruf, den ich mir in die Haut brenne für was auch immer kommen mag. Dass Cave die Bibel liest, ist bekannt. Wie er die alte Sprache in eigene wandelt, nicht arrogant oder größenwahnsinnig, sondern um dem Alltäglichen seinen Wert zu geben – ja, ist es das?

In allen Liedern dieser CD bleiben die (geliebten) Menschen – jedes Gegenüber –  fern, unerklärlich, ein Rätsel. Darin liegt ein Teil der traurigen Freiheit, dass ich jede/n treffen, lieben kann, aber nicht vereinnahmen. „Are you still here?“ (Rings of Saturn), fragt SIE, „stepping over heaps of sleeping children“, wo bloß, warum? Und wer ist in einem Moment, genau das, wofür er oder sie geboren wurde. Was für eine Frage! Wüsste ich das für mich? Oder bleibe ich mir am Ende genau so fremd, wie die anderen, die ich treffe?

Die Schönheit der Welt im Moment größten Schmerzes sehen, das ist vielleicht der Kern der Botschaft und für mich auch der unzerstörbare Kern der Freiheit. And this sweet world is so much older – Animals pull the night around their shoulders“ (Anthrocene). Man könnte das Album vielleicht als eine Art erweitertes Hörspiel hören, sogar als Meditation, denn die Musik, so geräuschhaft sie an vielen Stellen daher kommt, zielt direkt aufs Atemzentrum (jedenfalls auf meins). Ich werde schwer, müde, aber bei aller Traurigkeit auch glücklich. Die Texte geben keine Gebrauchsanweisung. „Nothing really matters“ (I need you) Sie erklären nichts. Sie beschreiben Situationen und fassen Gedanken, die wahrscheinlich alle so ähnlich auch schon hatten. Die Traurigkeit ist groß. Mutlosigkeit kann ich keine ausmachen. Man muss Caves Stimme mögen. Man muss große Gesten aushalten, ohne einen Kirschverdacht zu hegen. Dann ist es ein großes Album, eins für jede dunkle Jahreszeit – and then, the world turns…

 

 

 

Runterfahren

Kurz vor Weihnachten treibt mich einmal mehr die Frage um, was wirklich nötig ist. Nötig noch vor wichtig. Was brauche ich, um ein gutes Leben zu führen? Sicherheit? Wirklich? Oder ist das nicht der größte Irrtum? Bücher? Bunte Kleider? Wein? Kaffee? Verbrauche ich zu viel Energie (nicht die eigene)? Treibe ich mit mir zu viel Aufwand? Wo kann ich loslassen? Wo kann ich die Unsicherheit begrüßen? Wo kann ich vermeintliche „Basics“ ausmisten? Wo – und die Frage kommt schnell genau zu diesem Punkt: Wo fange ich an, wo blase ich mich bloß auf? Wer bin ich? Keine Ahnung – mal wieder. Und doch eine gute Zeit, mich einmal mehr mit dieser Frage zu beschäftigen. Ansonsten. Berlin bleibt cool. Zumindest weiß ich, warum ich vor über zwanzig Jahren hierher gekommen bin.