Das Leben der vielen in den Blick nehmen

Doch, ja, ich gebe es zu: als ich diesen Blumenständer sah, musste ich laut lachen. Form follows function, der Schlachtruf moderner Architekt/innen schoss mir durch den Kopf und machte alles nur noch lustiger. Gesehen habe ich ihn letzte Woche bei meinem Ausflug nach Celle, er steht in einem Haus nahe am Französischen Garten, das Otto Haesler 1930/31 für den damaligen Direktor des Celler Gymnasiums gebaut hat.

Aber der Artikel von Hanno Rauterberg, den ich heute auf „Zeit-online“ gelesen habe, belehrt mich eines besseren… Denn es ging den Bauhäusler/innen, so schreibt Rauterberg, nicht bloß um guten Geschmack, um das reine Konsumentenglück. Sondern um einen größeren Rundumblick, darum die Wünsche und Bedürfnisse einer Gesellschaft aufzuspüren und neu zu gestalten, nicht neu im Sinn von futuristisch, sondern mit Blick auf die Vergangenheit, und auch nicht so designorientiert, wie es rückblickend scheinen mag, sondern immer im engen Kontakt zwischen Kunst und Leben.

Das Bauhaus. Ach ja. Fester Bestandteil jedes kunsthistorischen Curriculums, natürlich sind die Eckdaten abrufbar und was weiß ich, aber dann falle ich eben doch noch mal aus allen Wolken: Das Gründungsdatum der Weimarer Schule ist der 12. April 1919. Angetreten sind ihre Vertreter/innen kurz nach dem Ende des so verheerenden (im Wortsinne) Ersten Weltkrieges, zu einer Zeit, wo die Welt in Trümmern lag, darunter so ziemlich alle Hoffnungen begraben. Und, so schreibt Rauterberg, und erst jetzt kapiere ich das so richtig:

„mitten hinein in diese Ungewissheit, die man sich weit dunkler vorstellen muss als die heutige, mitten hinein in eine Endzeit setzte das Bauhaus einen Anfang.“

Ja. Genau. Auch für Blumentöpfe. Und wer heute in Bauhaus-Architekturen hineinspaziert, mag vielleicht geschmacklich nicht einverstanden sein. Aber dass hier ein Ideal gesucht wurde, dass mit Enthusiasmus Alltägliches neu gedacht wurde, kann sicher niemand bestreiten. Doch, ja, das Bauhaus war eine beste Idee des 20. Jahrhunderts, und mehr noch, eine optimistische Haltung angesichts größter Bedrohung. Davon können wir uns, auch wenn wir Quadrate, Schiebefenster, Beton oder Linoleum nicht besonders schätzen, ein Jahrhundert später noch eine Menge abschauen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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