Trauer als Maß für Freiheit

„Skeleton Tree“, die aktuelle CD von Nick Cave, begleitet mich seit ihrem Erscheinen. Ein dunkles Werk, das Cave nach dem Tod seines Sohnes aufgenommen hat. Seit der Debatte um den diesjährigen Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan beschäftigt mich die Frage nach der literarischen Dimension von Songs/Songtexten. Nein. Es geht hier nicht darum, Cave für den nächsten Nobelpreis vorzuschlagen oder jemanden von seiner Musik zu überzeugen. Mich berührt dieses Album, und ich spüre, dass gesungene Texte mich anders angehen, als gelesene.

Denn eine menschliche Stimme kann für sich schon sehr stark sein. Sie spricht mich direkt an – „with my voice I am calling you“ (Jesus alone), wo ein geschriebenes Wort kühl bleibt (was im Übrigen auch sehr stark wirken kann. Aber eben: Am Ende ist es meine Gedankenstimme, die da liest, keine ANDERE). Der Nachteil daran ist vielleicht, dass diese andere Stimme eine einzige Lesart vorgibt. Gute Musiker/innen können so etwas in Live-Konzerten verwischen. Aber vielleicht ist eine Festlegung gar nicht so negativ, wie man (theoretisch) denken mag. Sie gibt eine Stimmung vor, die eben die erste Interpretation ist.

„You believe in God, but you get no special dispensation for this belief now“ (Jesus alone), eine Zeile, die für mich weit über den Verlust eines geliebten Menschen hinaus geht. Allgemeingültig ist, in Momenten großer Einsamkeit, auch großer Erfolge übrigens. Etwas, was zum härtesten gehört, das gläubige Menschen aushalten müssen, etwas, was Nicht-Gläubige übrigens selten auf dem Schirm haben, wenn sie über Glauben als kindische Haltung lächeln. Ein Satz wie ein Meteoriteneinschlag. Müde, lakonisch und nachdenklich gesungen von Cave hinter dem eine Höllenmaschine gefährlich wie eine Sirene (nein, ein ganzer Sirenenschwarm) musiziert. Das rührt mich an. Das macht mich gleichzeitig größer, mutiger. Wie ein Schlachtruf, den ich mir in die Haut brenne für was auch immer kommen mag. Dass Cave die Bibel liest, ist bekannt. Wie er die alte Sprache in eigene wandelt, nicht arrogant oder größenwahnsinnig, sondern um dem Alltäglichen seinen Wert zu geben – ja, ist es das?

In allen Liedern dieser CD bleiben die (geliebten) Menschen – jedes Gegenüber –  fern, unerklärlich, ein Rätsel. Darin liegt ein Teil der traurigen Freiheit, dass ich jede/n treffen, lieben kann, aber nicht vereinnahmen. „Are you still here?“ (Rings of Saturn), fragt SIE, „stepping over heaps of sleeping children“, wo bloß, warum? Und wer ist in einem Moment, genau das, wofür er oder sie geboren wurde. Was für eine Frage! Wüsste ich das für mich? Oder bleibe ich mir am Ende genau so fremd, wie die anderen, die ich treffe?

Die Schönheit der Welt im Moment größten Schmerzes sehen, das ist vielleicht der Kern der Botschaft und für mich auch der unzerstörbare Kern der Freiheit. And this sweet world is so much older – Animals pull the night around their shoulders“ (Anthrocene). Man könnte das Album vielleicht als eine Art erweitertes Hörspiel hören, sogar als Meditation, denn die Musik, so geräuschhaft sie an vielen Stellen daher kommt, zielt direkt aufs Atemzentrum (jedenfalls auf meins). Ich werde schwer, müde, aber bei aller Traurigkeit auch glücklich. Die Texte geben keine Gebrauchsanweisung. „Nothing really matters“ (I need you) Sie erklären nichts. Sie beschreiben Situationen und fassen Gedanken, die wahrscheinlich alle so ähnlich auch schon hatten. Die Traurigkeit ist groß. Mutlosigkeit kann ich keine ausmachen. Man muss Caves Stimme mögen. Man muss große Gesten aushalten, ohne einen Kirschverdacht zu hegen. Dann ist es ein großes Album, eins für jede dunkle Jahreszeit – and then, the world turns…

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

  1. tantemasha 28. Dezember 2016

    Die berühmte Inselfrage, was mitnehmen usw. … ich würde sie mit Nick Cave beantworten. Das ist mir neulich erst klar geworden, obwohl ich seine Musik schon lange höre. Danke für diese Zeilen, insbesondere für den letzten Abschnitt. Unbedingt ein Ausrufezeichen von mir. Und dabei habe ich „Skeleton Tree“ noch nicht einmal kennengelernt. Es wird Zeit.

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    • Stephanie Jaeckel 29. Dezember 2016

      Das Album wurde von vielen als schwächer bewertet als die vorhergehenden. Ich war beim allerersten Hören auch etwas irritiert, aber mittlerweile – die Stücke hängen für mich enger zusammen und es ist, als würde sich die Musik auffalten, je länger man die Platte hört. Aber das mag wirklich nur in meinem Kopf passieren…

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      • tantemasha 2. Januar 2017

        Ach, man darf sich das wirklich zutrauen, den eigenen Eindruck ernst zu nehmen. Erst heute las ich eine lieblose Beurteilung eines Filmes, von dem ich sehr überrascht und beeindruckt war. Auch wenn ich den gleichen Film gesehen habe, habe ich etwas anderes wahrgenommen als die Rezensentin. Für mich ändert das nichts.
        … und jetzt möchte ich das Album erst recht hören. 🙂

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  2. tbaechli 29. Dezember 2016

    Die menschliche Stimme macht etwas deutlich was nicht im Text steht. Die Worte sind nur eine mögliche Bedeutung, der Stimmklang hat seine eigene,.wobei es schwer fällt, sie in Worten auszudrücken, Doch diese Bedeutung des Stimmklangs ist nicht weniger präzis als jene des Textes. Ähnlich verhält es sich der Gesang zum Notentext einer Melodie, die ihn nur unvollkommen wiedergibt, Z.B. ist jeder Konsonant ist eine rhythmische Lizenz, Darum gibt es nicht nur eine einzig mögliche Realisierung einer Melodie.

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    • Stephanie Jaeckel 29. Dezember 2016

      Zu Deiner Beobachtung passt, was ich in dem letzten, nicht dem aktuellen, Film von Cave gesehen habe, dass nämlich zuerst der Gesang da ist, um den das Musikarrangement dann passgenau gelegt wird. Also, zuerst ist die Stimme da (samt Text – wahrscheinlich auch Notation), erst danach kommen die Instrumente. Sonst entstehen Songs häufig auf mehreren Ebenen gleichzeitig, also die Arrangements sind schon da, wenn eingespielt wird. Aber das ist vielleicht auch ein Ergebnis der Computertechnik, dass sich heute vieles später hinzu fügen lässt, als das früher möglich war. Oder das ist eine Besonderheit von sogenannten Singer/Songwritern.

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