Fragen Sie Frau Doktor Jaeckel
Wo andere Glückspillen schlucken, würde ich Tabletten verschreiben, die ein Gefühl des Fremdseins erzeugen.
Das fantastische Foto ist ein Screenshot des ebenso fantastischen Animationsfilms: Star Trek – The Paradise Makers (Juli 2017)
Die Zukunft hat längst begonnen
Eine Erkenntnis rauscht manchmal von gleich mehreren Seiten an. Eben habe ich im Radio einen Beitrag über robotergenerierte Inhalte im Zusammenhang mit den Medientagen in München gehört. Und ja. Der menschgemachte Journalismus bekommt Konkurrenz von den menschgemachten Maschinen. Mittlerweile gelingt es Computern, aus Informationen in den Bereichen Sport, Börse und Polizeimitteilungen les- und hörbare Beiträge zusammenzustellen und, wie die Macher betonen (allesamt aus „seriösen“ Forschungseinrichtungen wie dem Fraunhofer Institut), inhaltlich korrekt. Ich bekomme einen Schreck. Was? Wirklich? Jetzt schon? Und was ist mit – Fake? Ich muss lachen. Fake können wir Menschen ja selbst wahrscheinlich am besten. Warum bloß beargwöhnen wir hier reflexhaft immer gleich die Maschinen? Am Montag noch habe ich „Blade Runner 2049“ gesehen. Sollte ich mich denn wundern? Gestern habe ich Jürgen Kaubes Buch „Die Anfänge von allem“ bestellt. Natürlich, als Journalistin rüttelt mich die Nachricht durch. Aber vielleicht müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, nicht alles am besten zu können, nur weil wir lebende Gehirne haben. Und begreifen, dass Veränderungen bislang immer stattgefunden haben. Nicht nur zum Besseren hin. Aber noch sind wir diejenigen, die das Beste daraus machen können.
Frauen und Männer
Ich war neulich kurz davor, mich dem #metoo anzuschließen. Doch etwas hielt mich ab. Vielleicht, weil es zu einfach ist. Als die Frauen in den 1970er Jahren eine ähnliche Kampagne starteten („Auch ich habe abgetrieben“), war der Einsatz höher. Denn sagt dieses „Ich auch“ am Ende nicht nur in etwa: Auch ich bin in meinem Leben einmal/ mehrmals einem Arschloch begegnet?
Eine schwierige Situation. Und mir scheint, jede weitere Äußerung macht den möglichen Verdruss noch größer. Dennoch: Die Debatte ist da, und wir sollten sie nicht schnell wieder unter den Tisch kehren. Denn das ist ja das Perfide an der ganzen Geschichte: Schweigen nützt der falschen Seite.
Sieglinde Geisel hat gestern im DeutschlandFunk Kultur auf die Gefahr der aktuell nicht abreißenden „Empörungsdebatten“ hingewiesen. Jede Frau der Welt hat Grund genug, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren, d.h. sie laut und deutlich als solche zu benennen. Ich bin sicher, es wird sich etwas ändern, wenn wir in solchen Situationen nicht mehr lächeln, sondern Klartext reden. (Im Übrigen: Es hat sich schon eine Menge geändert. Ich bin in den 1970er Jahren zur Schule gegangen und hatte noch mit Vorurteilen und Benachteiligungen zu kämpfen, die uns heute steinzeitlich vorkommen.) Aber wir werden nichts mit kurzfristigen Aufregern reißen. Wir sehen damit höchstens das Ausmaß des Problems.
Die körperliche Verschiedenheit von Frauen und Männern hat dazu geführt, dass über Jahrhunderte hinweg Frauen zurückstecken mussten. Eine Ungleichheit, die zum Himmel schreit und einer friedlichen Zukunft sperrig entgegensteht. Frauen und Männer müssen ihren Umgang miteinander immer wieder neu definieren. Das liegt nicht nur bei den Männern und längst nicht nur bei den Frauen. Denn eins ist klar: Wir müssen ran, und zwar gemeinsam. Was gegenseitiges Vertrauen und damit ein Überwinden von Vorurteilen und – schwerer noch – eine Neubewertung eigener Erfahrungen notwendig macht. Dabei kann uns eine längst gemachte Einsicht helfen: Es geht vor allem nicht um Sex. Es geht um Macht.
Neulich im Wald
Dass Pilze gerne kuscheln, ist mittlerweile – zumindest fotografisch – zu Genüge dokumentiert. Ob sie dabei abends auch Fernsehen gucken?…
Glück als Schnörkel
zumindest war das bei meinen Eltern so und bei meinen Großeltern. Sie waren froh, wenn sie zufrieden sein konnten. Glück spielte keine besondere Rolle in ihrem Leben. Es war eher die Ausnahme. Das Goldkörnchen auf der langen Piste des Alltags. Das, was nur manchmal zum Zuge kam, und vor allem nicht belästigt sein durfte. „Was für ein Glück!“, sagt mein Vater noch heute, wenn er an jenen Nachmittag denkt, an dem er früher als beabsichtigt nach Hause kam und damit nicht in den Bombenhagel, der die Straße verwüstete, in der er damals lebte. „Fortune“ wäre vielleicht das richtige englische Wort: glücklicher Zufall oder glückliche Wendung. Ganz bestimmt nicht „Happiness“, denn happy kann er bei dieser Erinnerung selbst heute nicht werden. Fortune. Luck. Doch ja. Ich bin froh, ihnen gelegentlich zu begegnen. Das kann dem Leben neuen Schwung geben, oder auch einfach nur die Laune heben. Ich halte die Augen nach beiden auf. Aber das eigene Leben auf die Suche nach Glück auszurichten. Nein, danke! Da gibt es wichtigeres. Was? Erfahrungen, Begegnungen, Überraschungen, Neues. Alles Dinge, die glücklich machen können. Aber nicht unbedingt müssen. Eine Enttäuschung kann intensiver sein als ein Happy End. Die Wahrheit desillusionierender als alle Glückskekse auf einmal. Bin ich schon eine langweilige Spießerin geworden, weil ich mich mit Zufriedenheit begnüge? Oder sind Glücksritter und -fräuleins das, was sie Anno dazumal schon waren: von sich selbst berauschte Abenteurer/innen?
Nein.
In letzter Zeit lese ich besonders häufig in Artikeln zur Selbstoptimierung, man solle doch mal wieder – wahlweise: endlich mal – „Nein“ sagen. An sich eine gute Idee. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass einer und einem erst das „Nein“ Respekt – oder sagen wir, überhaupt erst Aufmerksamkeit – verschafft. Ungemütlich, aber extrem effizient. Also meinetwegen auch zur Selbstoptimierung. Aber es gibt es noch, das alte, das ungemütliche „Nein“, das sich nicht als Profilierungswerkzeug sieht, sondern sperrig im Raum steht. Hier zum Beispiel:
„Nein, die alten Herausforderungen lassen uns nicht los.“
Erster Satz in meinem gerade neu erhaltenen Parteibuch der SPD. Von Willy Brandt. NEIN. Genau die Motivation, weshalb ich mich als bislang unpolitisches Wesen für eine Mitgliedschaft entschieden habe. NEIN. Wir können die AfD nicht zulassen. NEIN. Wir können der sich entwickelnden Klimakatastrophe nicht einfach zusehen. NEIN. Frieden passiert nicht von selbst. Und so weiter und so fort. Meinetwegen auch in anderen Parteien. Ich bin kein Vereinsmensch. Lieber bleibe ich für mich. Deshalb fühle ich mich jetzt nicht unbedingt größer. Oder per se auf der richtigen Seite. Aber ich merke, Diskussion findet vor allem da statt, wo sich Leute engagieren. Das gefällt mir. Und wie plakatiert das HAU (Hebbel am Ufer) gerade so passend: „Keep it Real“. Für mich die Aufforderung, mich allen Fakes dieser Zeit entgegenzustellen und laut „Nein“ zu sagen.
Letzter Ausgang Sonntag Abend
So eine Drachentür wünsche ich mir schon lange. Eine, durch die man am Sonntag Abend verschwinden kann. Um dem Montag ein Schnippchen zu schlagen. Und diese ist gar nicht weit von meinem Zuhause, im Berliner Gleisdreieckpark. Allerdings muss ich jetzt schon die Taschenlampe mitnehmen. Denn es ist längst dunkel. Mal sehen, wer sich dort alles rumdrückt. Hoffentlich muss ich nicht auch noch Schlange stehen!
Europa
Ich habe heute mit meiner französischen Freundin telefoniert. Sie ist gerade von Marseille nach Paris gezogen, präziser, in die Banlieue von Paris. Dort unterrichtet sie Deutsch. Man möchte sich an den Kopf fassen. Welche Kinder aus der Banlieue wollen denn…? Meine Freundin lacht. „Nein, nicht die französischen Kinder. Es sind die mit – wie sagt man bei Euch? – Migrationshintergrund. Du glaubst es nicht, aber die meisten haben Verwandte in Deutschland.“ Ich glaube es sofort. Zugezogene. Die wahren Europäer.
Nur noch bis zum Wochenende
Wer an langen Bilderreihen entlang flanieren will, ist dieses Mal im 2. OG. des Berliner Martin-Gropius-Baus an der falschen Adresse: Die Lucian Freud-Ausstellung, die nur noch bis zum Wochenende dort Station macht, ist klein, aber gewaltig.
Der 1922 in Berlin geborene Maler Lucian Freud war mit seiner Familie während der Nazi-Diktatur nach England emigriert und wurde dort (ich verkürze) zum Porträtmaler. Eine zu seiner Zeit mehr als ausdrückliche Entscheidung, denn zu Beginn seiner Karriere war die abstrakte Malerei in Europa auf dem Zenit ihrer Akzeptanz.
Die Ausstellung zeigt 51 Radierungen. Manchmal entstanden sie in Vorbereitung zu einem Gemälde – Freud porträtierte oft Menschen aus seiner direkten Umgebung: Seine Mutter, Freundinnen und Freunde, Kollegen. Für ihn waren diese Porträts nicht bloß Erinnerungsbilder. Von Kunst erwartete er Verstörung.
In einem einführenden Text im ersten Raum werden seine Grafiken als „unsentimental, aber pathetisch“ beschrieben. Ein Paradox, das bei Freud aufgeht. Denn nichts an den Gesichtern, in die wir im ersten Raum schauen, ist gefühlig, nicht einmal einfühlsam. Freud zeichnet, was er sieht. Und das ist nicht immer schön. Viele Gesichter sind verbraucht. Die Menschen sehen müde aus, manchmal sogar unwillig. Gleichzeitig geht Freud viel zu nah an sie ran, er überschreitet fast immer die Grenzen eines respektvollen Abstands. Es ist, als hätte er seine Gegenüber mit der Lupe betrachtet.
Gesichtslandschaften tun sich auf. Hügellandschaften, die aus der Perspektive wirken. Denn je näher sich Freud ranzoomt, desto verzerrter werden die Physiognomien. Wir sehen Augen, Nasen, Münder, Stirne, Haare (keine Frisuren), nackte Gesichter, die er scheinbar mit Netzen seiner Schraffuren überzieht, modelliert. Alle werden auf diese Weise verletzlich und lebendig zugleich. Dabei entwickelt die Perspektive eine ungeheuerliche Dynamik und damit das, was Freud interessierte: Verstörung.
Warum sich keines der Bilder in Richtung Karikatur verirrt? Freud zeichnet mit einer ungeheuerlich zarten Präzision. Er sieht alles, aber er akzeptiert auch alles. Er will nicht urteilen. Er staunt. Auch über die Verlorenheit, die Hässlichkeit und die Vulgarität all‘ dieser Menschen. Als Betrachterin ist mir dabei oft unbehaglich. Zuerst, weil ich mich zu nah herangerückt fühle an die Fremden. Weil ich mich ertappt fühle in meiner eigenen Verlorenheit, Hässlichkeit. Weil ich Mitleid empfinde, das sich, je länger ich schaue, in eine große Freude wandelt. Die Conditio Humana. Nichts weniger. Eine verstörende, und gleichzeitig beglückende Schau.








