Glück als Schnörkel

zumindest war das bei meinen Eltern so und bei meinen Großeltern. Sie waren froh, wenn sie zufrieden sein konnten. Glück spielte keine besondere Rolle in ihrem Leben. Es war eher die Ausnahme. Das Goldkörnchen auf der langen Piste des Alltags. Das, was nur manchmal zum Zuge kam, und vor allem nicht belästigt sein durfte. „Was für ein Glück!“, sagt mein Vater noch heute, wenn er an jenen Nachmittag denkt, an dem er früher als beabsichtigt nach Hause kam und damit nicht in den Bombenhagel, der die Straße verwüstete, in der er damals lebte. „Fortune“ wäre vielleicht das richtige englische Wort: glücklicher Zufall oder glückliche Wendung. Ganz bestimmt nicht „Happiness“, denn happy kann er bei dieser Erinnerung selbst heute nicht werden. Fortune. Luck. Doch ja. Ich bin froh, ihnen gelegentlich zu begegnen. Das kann dem Leben neuen Schwung geben, oder auch einfach nur die Laune heben. Ich halte die Augen nach beiden auf. Aber das eigene Leben auf die Suche nach Glück auszurichten. Nein, danke! Da gibt es wichtigeres. Was? Erfahrungen, Begegnungen, Überraschungen, Neues. Alles Dinge, die glücklich machen können. Aber nicht unbedingt müssen. Eine Enttäuschung kann intensiver sein als ein Happy End. Die Wahrheit desillusionierender als alle Glückskekse auf einmal. Bin ich schon eine langweilige Spießerin geworden, weil ich mich mit Zufriedenheit begnüge? Oder sind Glücksritter und -fräuleins das, was sie Anno dazumal schon waren: von sich selbst berauschte Abenteurer/innen?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. marillenbaererzahlt 26. Oktober 2017

    Ein interessanter Blickwinkel, von der Seite habe ich das noch nicht betrachtet. Ich spreche immer von Glück, das ich zu erfahren versuche in seinem größtmöglichen Potenzial. Aber vielleicht trifft es Zufriedenheit viel besser, eine durchgängig befriedigte, BEGLÜCKTE Lebenshaltung statt einmaliger besonderer Ereignisse, die großes Glück versprechen. Und diese ab und zu als kleine Versüßung der ohnehin schon guten Zufriedenheit…

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    • Stephanie Jaeckel 26. Oktober 2017

      Ich komme natürlich auch in ein Dilemma: Warum sollen wir nicht die kleinen Momente auch als „glücklich“ definieren, wo sich unsere Eltern vielleicht zufrieden gefühlt haben? Wahrscheinlich stößt mir aber gerade das auf, weil Glück ein so hohes Erwartungspotential hat. Wer zufrieden ist, mag noch gar nicht an die Möglichkeiten von Glück gedacht haben. Und dabei geht es nicht darum, den Zufriedenen auf ein mögliches Glück hin unzufrieden zu machen oder gar erst aufzuwecken, wie von manchen Glücksforscher/innen vermutet wird. Mir fällt auf, dass die Glückssuche so sakrosankt geworden ist. Daran stoße ich mich. Glück, Gesundheit, Geld, Intelligenz, nichts davon ist per se ein höchstes Gut, sondern allein in der Mischung. Und die ist als solche individuell. Vielleicht ist es ganz einfach das – ?

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