Wer viel für Auftraggeber/innen schreibt, weiß genau, dass sie oder er nie sicher sein kann, den richtigen Ton zu treffen oder die Inhalte wie gewünscht wiederzugeben. Das ist ein Balanceakt, der von Mal zu Mal neu austariert werden muss. Wer es dabei schafft, einen gewissen Abstand zum eigenen Text zu halten und es aushält, andere Perspektiven zu akzeptieren oder dann auch noch einzubauen, hat in diesem Metier die deutlich besseren Karten. Es ist übrigens ein Aberglaube zu denken, es wäre leichter, einen ganz eigenen, persönlichen Text zu schreiben. Denn gerade hier, wo man letztlich nur sich selbst verpflichtet ist, tut sich eine weite Wüste der Unsicherheiten auf. Es ist grundsätzlich leichter, nach anderen Maßstäben zu schreiben, weil man da weiß, worauf man sich einlässt. Eigene Maßstäbe zu entwickeln ist ein weites Feld.
Was mir immer wieder auffällt, wie wesentlich dabei diejenigen sind, die die Texte lektorieren oder (im Selbstverständnis mancher) korrigieren. Geschenkt, ich mache immer noch Grammatik-Fehler. Die gehören natürlich rot angestrichen. Aber davon mal abgesehen: Es gibt Menschen, die lektorieren, um einen zu beschämen oder um besser dazustehen. Es gibt welche, die ihrerseits keine anderen Perspektiven erkennen. Es gibt zum Beispiel welche, die einem anderen Rhythmus folgen, und partout keinen anderen zulassen. Und es gibt sehr selten diejenigen, die einen Text wirklich verstehen und dann besser machen wollen. Nicht, dass ich immer erkenne, wer welche Intention hat, aber ich merke:
Wenn mich großer Ärger befällt, geht es oft um Konkurrenz oder darum, dass mir jemand zeigen will, dass sie oder er es besser weiß. Es geht dabei nicht um die realen Fehler, Holprigkeiten, die ich mir geleistet habe. Die stehen selbstverständlich außer Frage, werden aber von großzügigen Lektor/innen oft schon kommentarlos angepasst, weil sie nicht davon ausgehen, dass ich zu doof bin, oder etwas extra falsch gemacht habe (gerade bei schwierigen Texten ändert man häufig so lange in den Sätzen rum, dass unweigerlich falsche Anschlüsse stehen bleiben).
Wenn ich mich unangenehm berührt fühle, geht es meist darum, dass mein/e Gegenleser/in meiner Perspektive nicht folgt. Es kann gut sein – und es ist auch oft so – dass ich mich umständlich ausdrücke, dass ich ein Format nicht optimal einhalte. Das gehört angemerkt und in der Folge von mir geändert. Ich spüre übrigens fast immer, wenn ich bei Ungenauigkeiten oder beim Formulierungswahn ertappt werde. Es ist unangenehm, daher weiß ich, dass die Kritik stimmt.
Aber es gibt eine wirklich fantastische Art des Kritisierens, dann nämlich, wenn mich jemand dazu bringt, den Text noch einmal vorzunehmen, weil er noch weiter könnte als er ist. Gute Texte können eben immer noch besser werden. Aber es ist oft genauso anstrengend, wie wenn man schlechte Texte zu guten macht. Will sagen: es ist nicht einfacher, weil man nur hier und da etwas ändern muss. Man geht noch einmal durch eine andere Türe in das Geschriebene rein. Ich zumindest hege da stets eine gewisse Scheu. Lange Rede? Ich habe gerade ersteres und letzteres erlebt. Eine Lektorin, die sich im Besserwisser gefiel und ein Redakteur, der Schwächen so präzise und ohne Überheblichkeit aufgespießt hat, dass mir die Überarbeitung zum eigenen Anliegen wurde. Ersteres ist schwer auszuhalten. Letzteres ist ein Geschenk.