Gefallen wollen

Auch eine Resonanz auf die augenblickliche Sexismus-Debatte war eine Anregung, Frauen sollten nicht mehr so viel Zeit damit verschwenden, sich jeden Tag aufzuhübschen. Es geht der Autorin darum (und ich war leider so nachlässig, mir den Artikel nicht zu kopieren – jetzt ist er natürlich futsch…), zu viel Nachdenken über Kleidung und Accessoires abzustellen. Ihr Argument: Männer täten das schließlich auch nicht. So könnten wir Zeit sparen und würden nicht in dieser gegenseitigen Erwartung stecken bleiben, Männer müssten uns schön finden. Ehrlich? Mir gefallen diejenigen Männer besser, die sich morgens Zeit zum Zurechtmachen nehmen. Ich mag gut gekleidete Kollegen. Ich mag gepflegte Männerhände. Ich mag frisch gewaschene Haare auch auf Männerköpfen. Ich denke nicht, dass Gefallen wollen nur Frauensache ist. Oder dass wir etwas gewinnen, wenn Frauen damit aufhören. Menschen schmücken sich gerne, unabhängig vom Geschlecht. Und es gibt Menschen, die sich nicht darum scheren, ebenfalls unabhängig vom Geschlecht. Ich glaube, ich verstehe das Anliegen gut, aber ich kenne kaum Frauen, die sich exzessiv zurecht machen und darüber das Wesentliche in ihrem Leben vergessen. Sich zurecht machen, kann ja auch eine Vorbereitung auf den Tag sein. Oder eine Sorgfalt sich selbst gegenüber. Ich kann es niemandem übel nehmen, gefallen zu wollen. Schließlich profitieren wir alle davon.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 22

    • Stephanie Jaeckel 14. November 2017

      Ich denke, dass dieses Gefallenwollen tatsächlich eine wesentliche Konstante ist. Sogar, worauf „wattundmeer“ hinweist, auch bei unseren tierischen Verwandten. Es hat etwas mit Anziehung zu tun, mit Sexualität, aber eben: das ist ein Teil unseres Lebens. Wir sollten ihn nicht verleugnen, auch wenn es dort die gröbsten Grenzüberschreitungen gibt.

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      • tantemasha 14. November 2017

        Das Gefallenwollen hat ebenso zu tun mit Selbstdefintion, Abgrenzung oder Gruppenzugehörikeit, auch wenn man gar nicht vorhat, bewußt einer Gruppe angehören zu wollen. Aussehen ist damit ein erster Weg der Kommunikation, gerade auch mit dem eigenen Geschlecht. Ein großes Thema, wie es aussieht. Ich bin erstaunt, wieviel Aufmerksamkeit und Reaktionen dieser Text bekommen hat und noch bekommt.

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  1. thursdaynext 14. November 2017

    Ich finde es ist ein interessanter und notwendiger Artikel (war er in der Zeit? Ich weiß es auch nicht mehr.) Wer sich aufbrezeln möchte soll das tun, ein wenig mehr Reflektion dabei halte ich für wichtig. Optisches Optimieren entspricht doch sehr dem Zeitgeist der Jugendlichkeit und Schönheit. Gerade junge Mädchen stehen da sehr unter (Konformitäts) Druck. Der Punkt ist doch, dass Frauen sich unbequme Schuhe aus welchen Gründen anziehen? Um Männer anzulocken? Legitim. Um sich selbst für ein paar Stunden wie Dornröschen zu fühlen, ihr Selbstwertgefühl zu pushen? Schön und gut. ich würde mir nur wünschen, dass sie sich auch lieben können, wenn sie mit kommoden Tretern in schlumpeligen Jeans und ollem Sweatshirt im Gammellook unterwegs sind und dies anderen Frauen/ Mädchen ebenso zugestehen. Schönheit kommt von innen ist nicht nur ein hohler Spruch.
    Der Gleichberechtigung ist es nicht dienlich, wenn sich alle in Sack und Asche kleiden, aber den Status Quo zu hinterfragen ist nie verkehrt.
    Hagen Rether stellt in seinen kleinen feinen Kabarettprogrammen immer die Frage: „Wem nützt es?“

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    • entdeckeengland 15. November 2017

      Ein wichtiger Punkt ist übrigens auch: Wer bestimmt, was schön ist? Viel Frauenmode wird ja immer noch von Männern gemacht. Und auch wenn es schwierig ist, Grenzen des guten Geschmacks zu ziehen, regen mich zum Beispiel Modefotos mit Ausschnitten bis zum Bauchnabel, bei denen dann auch noch der Brustansatz weggephotoshopped wurde, auf. Was für ein Frauenbild soll damit wohl projiziert werden?

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      • thursdaynext 15. November 2017

        Das Frauenbild das projeziert wird ist unbestritten oft scheußlich. Die Klum mit ihrer Kleiderstangenanwärterinnen Show ist da ein gutes Beispiel. Wer bestimmt was schön ist? Da wünsche ich mir denkende Frauen die Klamotten tragen die haltbar, ökologisch und ökonomisch vertretbar sind und bequem. Anscheinend gehört die Fähigkeit Leid zu ertragen in unfunktionalen Klamotten und Schuhen immer noch zum Schönheitsideal. Wer schön sein will (für andere) muss leiden. Aber gut, im Tierreich wird auch gelockt und gebalzt. Rote Hintern bei Pavianweibchen, Paradiesvögel, aufplustern, ich denke frau hat die Wahl wie weit sie gehen möchte, funktionierendes Gehirn vorausgesetzt. Und so sehr ich meine Jeans und Sneakers etc. liebe, ab und an aufbrezeln macht Spaß. Mit meinen Söhnen hinterfrage ich gerne weibliche Schönheitsideale etc. . Die Medien dreschen heir auf die kids, speziell die jungen Mädchen ein, dass ich froh bin Jungs zu haben. Es ist davon auszugehen, dass alle Hochglanzphotos retuschiert werden. Das ab und an zu erwähnen tut sicher jedem Mädchen gut. Es gibt übrigens eine herrliche Seite zu diesem Thema: https://web.de/magazine/unterhaltung/hot/celeste-barber-beweist-peinlich-instagram-posen-stars-32491096

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      • Stephanie Jaeckel 16. November 2017

        Ich bin völlig d’accord. Dennoch fällt mir auf, dass ich zum Beispiel Modefotos nie als – sagen wir – Vorbild „ernst“ genommen habe. Für mich waren diese Szenen aus einer anderen Welt, ganz so wie Kino oder Fernsehen. Es hatte mit meinem Leben nicht viel zu tun. Das ist natürlich naiv. Und tatsächlich prägen einen solche Bilder viel mehr, als man oder ich in diesem Fall wahrhaben will oder wollte. Dennoch glaube ich, dass auch junge Mädchen erkennen, was es heißt, sich anzupassen, oder etwas anderes zu tun. Denn letztlich funktioniert die Anpassung eben doch nur im geschlossenen Bereich der Angepassten. Der ist zugegebenermaßen noch sehr groß. Mir scheint eher, dass die geschönte Realität insgesamt ist ein Fehler ist und die zu schönen Frauen darin nur ein Teil.

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        • entdeckeengland 16. November 2017

          Das ist eine interessante Debatte, die wir als Gesellschaft häufiger führen sollten. Ich teile Deine Einschätzung nicht, dass sich junge (und nicht mehr ganz so junge) Menschen unabhängig von den Bildern machen, die ihnen die Medien präsentieren. Wenn das so wäre, würden wir nicht in einer werbefinanzierten Welt leben. Auch die Anzahl junger Mädchen mit Essstörungen oder – um das andere Extrem nicht zu vernachlässigen – Mädchen, die sich voll verhüllen, nach Syrien reisen und IS-Kämper heiraten, spricht nicht dafür, dass Menschen – jung und alt- eine Persönlichkeit entwickeln, die von den Medien unbeeinflusst bleibt. Ich habe auch gar nichts gegen Mode an sich, ich ziehe mich auch gerne hübsch an, was mich stört, ist die Fleischbeschau. Damit werden Frauen auf eine Rolle degradiert, über die wir bereits hinweg sein sollten. Ich habe dagegen aber auch keine Lösung parat, zumal es sehr schwierig ist, hier Grenzen zu ziehen. Aber ein Grund für diesen Wettlauf zur Selbstentblössung und Anbiederung in der Mode ist sicherlich die Sozialisierung von klein auf.

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          • Stephanie Jaeckel 16. November 2017

            Ich kann das nicht wirklich einschätzen. Aber ich bin mir sicher, dass jedes Mal, wenn Menschen eine Entscheidung treffen, mehr dahinter steht, als Werbung. Dazu gehören Vorbilder, eine persönliches Umfeld, Freund/innen, Verwandte. Und ich halte junge Menschen nicht per se als verführbarer als andere. Magersucht ist lange kein Schönheitsproblem, auch wenn wir das so wahrnehmen. Es hat enorm viel mit Kontrolle zu tun. Dass Schlanksein ein Ideal ist, spielt natürlich eine Rolle. Aber es gibt den Punkt, wo die Männer und Frauen genau wissen, dass sie nicht mehr gut aussehen. Und sie tun es ja auch nicht. Mädchen, die nach Syrien reisen, sitzen falschen Vorstellungen auf. Nicht den Medien. Wer viel nackte Haut zeigt, erscheint uns häufig als vulgär. Und es gibt viele Frauen mit billigem Fummel (der witzigerweise sehr teuer sein kann). Komischerweise sind sie im „real life“ nie besonders sexy. Sondern halt nur knapp bekleidet. Ich finde auch kein Schwimmbad der Welt oder eine Therme mit wenig bekleideten Menschen besonders anregend. Keine Ahnung. Es ist tatsächlich die Idee des Gefallenwollens, die vielen Frauen (Männern natürlich auch) nach wie vor im Weg steht. Alles, schon kleine Entscheidungen der Kinder gegen die Wünsche ihrer Eltern, hakt genau dort ein. Ich bleibe dabei, es ist eine geschönte Realität, in der alles so sein soll, wie es zu sein hat, die uns, oder denen, die dafür anfällig sind, das Genick bricht. Angepasstheit ist das Problem, nicht Schönheit.

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          • entdeckeengland 16. November 2017

            Was ich übrigens noch hinzufügen möchte, ist, dass diese Diskussion, die wir beide hier geführt haben, für mich nichts mit den Sex-Skandalen zu tun hat, sondern vor allem damit, wie wir uns als Frauen in der Gesellschaft definieren wollen. Kleidung, egal wie knapp, darf niemals als Ausrede für Übergriffe egal welcher Art verstanden werden.

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    • Stephanie Jaeckel 16. November 2017

      Auch hier bin ich gespalten in ein „ja und aber“ – denn jedem soll es doch anheimstehen, was anzuziehen. Ich denke auch nicht, dass „optisches Optimieren“ immer nur ins Jugendliche geht. Ich kenne viele schöne ältere Frauen und Männer, die sich nicht jünger, aber eben doch hübscher machen. Auch mag ich diese Gegenüberstellung von gestylt und bequem nicht. Es gibt super bequeme super gestylte Sachen. Und ich fühle mich wirklich sehr freundlich aufgenommen, wenn ich sehe, dass sich mein Gegenüber für mich ein frisches Hemd oder eine saubere Bluse oder whatever angezogen hat, und eben keine schlumpeligen Jeans. Ausdrücklich auch bei meinen Freund/innen. Das ist kein Gesetz und ich mag die Leute auch gammelig. Aber muss ja nicht. Es geht bei Kleidung ja lange nicht nur um die eigene Schönheit, sondern um den Respekt, den man anderen zollt. Vielleicht haben wir diese Seite der Medaille irgendwann mal aus den Augen verloren?

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      • thursdaynext 17. November 2017

        Ich gebe dir recht, dennoch glaube ich, dass von Frauen immer mehr Optik verlangt wird (gesellschaftlich), als von Männern. Politiker*innenoutfits als Beispiel. Dem könnte nach den Forderungen des Zeitartikels entgegengetreten werden. Doch mir gingen diese Forderungen auch zu sehr an die individuelle Selbstbestimmung. Daher meine „Spaltung“. Diese beginnt bereits bei der Forderung nach einem feminisierten Sprachgebrauch. Sprache beeinflusst, doch sie entwickelt sich auch und manches ist überzogen, klingt unschön, oder ist unpraktischer, unbequemer und ungewohnt. Aber das ist ein neues Feld zu diesem Thema. Schön, und nötig, dass darüber debattiert wird ist es allemal.

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        • Stephanie Jaeckel 17. November 2017

          Für mich ist Sprachgebrauch nochmal etwas anders gelagert. Hier geht es ja tatsächlich um eine gemeinsame Vereinbarung. Wie benennen wir etwas? Wie unterscheiden wir? Oder: was unterscheiden wir – warum? Das ist kein feminisierter Sprachgebrauch. Das ist einfach eine präzisere Sprache. Dafür müssen neue Wörter oder neue Sprachkonventionen gefunden werden. Das ist sehr wichtig. Ich denke auch, dass Frauen weniger über ihr Aussehen definiert werden sollten, als bisher üblich. Aber noch einmal: Ich kenne eigentlich nur Frauen, die ganz gut zwischen Werbebildern und alltäglichen Anforderungen unterscheiden. Für mich ist die Unterscheidung hier nicht schön/schlampig, sondern angepasst/frei.

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  2. Elisabeth Lindau 17. November 2017

    Genau wie hier hat auch der Artikel in der „Zeit“ (oben verlinkt von thursdaynext) eine äußerst lebhafte Diskussion ausgelöst, was ich schon bemerkenswert finde.
    An sich gefällt mir die Anregung, darüber nachzudenken, welchen Stellenwert eine Frau ihrem äußeren Erscheinungsbild einräumt und welchen Zeitaufwand sie dem widmet, welchen Modediktaten und Rollenmustern sie folgen möchte und wieviel davon freiwillig ist. Leider hat die Autorin der „Zeit“ ihre Gedanken nicht als Anregung formuliert, sondern eher als Postulat.
    Und natürlich wird das Eis bei dieser Diskussion schnell sehr dünn, weil eine Verbindung zwischen einem anziehenden Äußeren und einer (zugeschriebenen) Verantwortung für evtl. auch übergriffige Reaktionen auf die attraktive Signalwirkung allzu leicht bei der Hand ist. Das Dilemma bleibt, aber auch dagegen muss man sich wehren, die Freiheit verteidigen.
    Insgesamt finde ich es schon bedauerlich, dass in unserer Konsumwelt das äußere Erscheinungsbild einen so hohen Stellenwert hat. Es gibt doch noch andere wichtige Dinge. Simone de Beauvoir hatte irgendwann auch keine Lust mehr auf das Frisurengedöns und hat sich dann ein Tuch um den Kopf gebunden. Das finde ich schon sympathisch – muss aber natürlich nicht jede(r) genauso sehen oder gar machen. Sie brauchte halt viel Zeit zum Denken, Schreiben und Diskutieren, was ja auch gute Aktivitäten sind.

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    • Stephanie Jaeckel 17. November 2017

      Ja, mir schmeckt es auch nicht, dass man sich gleich dumm fühlen muss, wenn man sich gerne zurecht macht. Simone de Beauvoir finde ich ein heikles Beispiel, sie trug elegante Kleidung – natürlich auch, um zu provozieren – und das Kopftuch war möglicherweise auch ein modisches Detail. UND: Wir sollten aufhören, die Zeit des Sich-Schönmachens gegen die Zeit, etwas „Sinnvolles“ zu tun, auszuspielen. Man kann gut während des Sich-Schönmachens denken und diskutieren. Ich möchte darauf zurück: Gefallenwollen ist eine menschliche Konstante und damit per se weder schlecht noch gut. Sich weniger zu schminken z.B. ist heute durchaus angesagt, wir reden auch hier über Klima und Umweltverschmutzung. Und natürlich: Ein frisches Gesicht ist immer schön. Mit oder ohne Lippenstift. Sich zu schminken, ist aber eben auch keine intellektuelle oder charakterliche Bankrotterklärung. Ich denke nach wir vor, nicht die Konsumwelt ist das Problem, sondern die Sehnsucht nach der „heilen Welt“.

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      • Elisabeth Lindau 17. November 2017

        Ich bin völlig bei dir, wenn du das Grrundbedürfnis nach Schönheit und Gefallenwollen ansprichst. Mir gefällt es auch, wenn Menschen angenehm aussehen, und mir kommen die besten Gedanken im Badezimmer.
        Zugleich denke ich, dass Werbung und Unterhaltungsindustrie diese Grundbedürfnisse sehr geschickt zu nutzen wissen, ebenso wie andere Grundbedürfnisse (Gesundheit, Sicherheit, um nur zwei Beispiele zu nennen), und dass es nicht schadet, immer wieder darüber nachzudenken, was das persönliche Schönheitsideal ist und wieviel „Einsatz“ dafür gut und richtig ist.

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