In den Wind beten

Auf dem Weg zum Büro fahre oder gehe ich unter einer Gebetsfahne hindurch, die zwischen zwei auf gegenüberliegenden Straßenseiten stehenden Häusern hängt. Ich kenne die ausgefranste Fahnenleine schon lange, aber erst vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal länger hinauf geschaut. Schön eigentlich, unter flatternden Gebeten unterwegs zu sein. Und je nachdem, von welcher Seite ich gerade komme, kann ich sie mir als Tor zu meinem Büro oder zu meinem Zuhause vorstellen.

Beten? Wenn ich ehrlich bin, habe ich die letzte Zeit fast nur mit „Erledigungen“ zugebracht. Schnell noch hier und da etwas auf den Weg bringen oder etwas machen, bevor es zu spät ist. Die Erde ist mit ihrer jährlichen Runde fast am Ende, und ich sehne mich nach leeren Tagen. Übernächste Woche stehen wir alle wieder am Anfang einer neuen Runde. Wenn nicht beten, dann wenigstens flattern. Und unterwegs sein.

Zeichen deuten

Manchmal kann es richtig schön sein, an Botschaften aus dem All zu glauben. Wie wäre es damit? Ein Liebesbrief heute, als ich mit Mühe meine Weihnachtspäckchen auf den Weg gebracht habe? Vielleicht sogar von einem grünblütigen Alien? Oder ein Dankeschön vom vorweihnachtlichen Engelchor? Oder eine fantastische Idee, die ich jetzt bloß noch übersetzen muss??? Doch, auch wenn ich die Vorstellung unheimlich finde, Außerirdische wären zumindest eine Hoffnung, dass es anderswo im All auch Strategien für ein (vielleicht) gutes Leben gibt.

Rätselhaft

Diese merkwürdige Gleichzeitigkeit in lebenden Menschenkörpern – !?

Ein Gedanke der mir beim erneuten Betrachten meiner Fotos aus der Ausstellung „Dahlemma“ in ehemaligen Ethnologischen Museum in der Berliner Lansstraße kam. Die dort aufgebaute Rauminstallation kann noch bis zum 14. Januar, jedoch nur an Wochenenden und Festtagen, besucht werden.

Hausputz –

oder doch Kunst? Wenn es so früh dunkel wird, verwischen manchmal die Grenzen… Allen einen guten Start in die vorletzte Woche des Jahres!

Spuren

Was bleibt von einem Museum, wenn es ausgeräumt ist? Nehmen die Kunstwerke ihre Aura mit? Oder bleibt etwas hängen? Und was ist mit dem Haus selbst? Macht es sich breit? Hat es endlich einmal den Platz im Rampenlicht? Selten, um zumindest letzte Frage zu beantworten, denn das Licht ist schon jetzt die meiste Zeit aus. Wer den Museumsbau in der Berliner Lansstraße 8 schon immer geliebt hat, sollte schnell hin. Denn immerhin ist das Foyer mit Treppenhaus und ehemaligem Café zur Zeit noch zu besichtigen. Dankenswerterweise einmal ohne Weihnachtsmarkttrubel, der ein paar hundert Meter weiter weg auf der Domäne Dahlem tobt. Die unendlich präzise und leise inszenierte Ausstellung „Dahlemma“ von gaehtgens.hirsch ist hier noch bis zum 14.01.2018 zu sehen. Leider immer nur an den Wochenenden von 11:00-18:00, dafür aber auch Neujahr – für die, die an diesem ersten Tag im Jahr Sehnsucht nach Stille haben.

DAHLEMMA Haufenweise Perspektiven – Eine Rauminstallation von gaehtgens.hirsch im Ethnologischen Museum (das Foto zeigt ein farblich verändertes Detail aus einer der Vitrinen).

 

Sehnsuchtsbilder

Die meiste Zeit meines Lebens waren die Wände in meinen Wohnungen oder Zimmern leer. Doch in den letzten Jahren hat sich das geändert. Kaum, dass „echte“ Kunst in Rahmen und dann an die Wand kommt. Doch selbst Kunstwerke, die dort hängen – und das hat mir eben einen gehörigen Schrecken eingejagt – lassen sich mühelos in die, sagen wir, „sentimentale“ Ecke stellen. Nicht, dass es nur „schöne“ Bilder sind. Aber alle berühren mich oder weisen auf etwas, was mir wichtig ist. Gut. Es ist meine Wohnung, klar, dass die Bilder etwas mit mir zu tun haben. Ebenso klar, dass ich mich mit ihnen wohlfühlen möchte. Oder zumindest: Dass mich ihr Anblick nicht graust.

Wirklich klar? Oder gehöre ich zu den Leuten, über die ich früher gerne mal gelächelt habe, weil sie ein Bild nach den Bezügen der Möbel oder der Tapetenfarbe wählten? Ich lese: Kinder sind nie sentimental. Das Gefühl ist etwas für ältere Menschen. Ja. Mache ich sofort ein Häkchen dran. Sentimentalität schütze vor Trauer. Dass die einem im Alter näher auf die Pelle rückt, brauche ich sicher nicht zu erklären. Also wären die Bilder so etwas wie ein Puffer gegen die Realität. Kunst wiederum ist ein wirksames Mittel gegen Realität. Nicht in der Beschönigung. Sondern im Öffnen von Räumen.

Erleichtert stelle ich fest, dass meine Sehnsuchtsbilder wenigstens noch nicht nostalgisch sind, auch wenn hier und da lustige Kritzeleien aus meiner Kindergartenzeit dazwischen hängen. ? – Doch, doch, ja, ja, ich habe auch Malereien von anderen Kindern (sentimentale Bilder nämlich ertrage ich nicht)! An meinen Wänden hängen Erinnerungen, aber eben auch unerreichte Träume, Möglichkeiten, Ideen. Hier gibt es also Entwarnung. Dennoch fällt mir auf, dass ich einen Museumsgeschmack, einen professionellen Geschmack und einen privaten Geschmack in Punkto Kunst habe. Das muss ich jetzt erst mal verdauen.

 

Sterntaler

Ja, die Wolkendecke ist dicht über Berlin. Nix mit Geminiden, kein Sternschnuppenschwarm weit und breit. Aber wer sagt denn, dass nicht hier und da ein paar Sterne durch die Wolken purzeln, und dann in den Ästen hängen bleiben. So gesehen heute im Berliner Gleisdreieckpark. Und? Gute Laune, ich schwör’s.

 

 

 

 

Aus dem Gleichgewicht

In letzter Zeit – gerade auch nach (oder eigentlich noch während) der #metoo-Debatte – wird mir klar, wie oft ich mich Männern untergeordnet habe oder es als selbstverständlich empfand, Befehle zu empfangen, beziehungsweise Erwartungen zu erfüllen. Ich spreche hier nicht unbedingt von Sexualität. Ganz allgemein habe ich Männer als „Entscheider“ akzeptiert und meine eigenen Entscheidungen hintangestellt oder angepasst. Es erstaunt mich bis zur Enttäuschung. Andererseits spüre ich, wie viel Ärger in mir gerade aus dieser Selbstverständlichkeit erwächst. Ich muss mich ändern. Und es hat keinen Zweck, Männer dafür (allein) verantwortlich zu machen. Ein neuer Vorsatz fürs neue Jahr?

 

Wie süß!

Da liegen die zwei wie unschuldige Schnuckis im Körbchen, haben aber gerade mal ein Sofa zerlegt. Benja und Jola heißen die beiden, die eine vorwitzig, die andere eher anschmiegsam, aber zusammen eine echte Herausforderung. Nee, leider sind es nicht meine. Dafür aber die meiner besten Freundin. Und, ja: Eine beste Waffe gegen schlechte Laune. Gut ihr zwei, dass ihr endlich da seid!

Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy on me

Ich besitze keine Comics. Schon als Kind las ich entweder die Texte in den Sprechblasen und war ratzfatz fertig. Oder ich sah mir die Bilder an, ohne genau zu verstehen, was vor sich ging. Das blieb so. Keine Ahnung. Ich bekomme Schrift in Textblasen nicht mit den umgebenden Zeichnungen in Kästchen koordiniert. Dennoch wollte ich unbedingt Reinhard Kleists Comic-Band „Nick Cave – Mercy on me“ haben. Vielleicht weil ich dachte, ich käme auch ohne Texte mit den Zeichnungen zurande. Bestimmt, weil mir der von Kleist gezeichnete Cave auf dem Cover so gut gefiel. Und weil – ich meine, Cave ist Bild und Ton zugleich. Wäre das was für ein Comic, fragte ich mich und/oder: wäre das ein Comic für mich?

Tatsächlich rasen Kleists Bilder so schnell los, dass selbst die Textwölkchen nicht weiterhelfen. Zum Glück erkenne ich die Titel, mit denen die fünf Kapitel überschrieben sind: Es sind Lieder aus verschiedenen Zeiten, der Hammer-Song von 1986, „Where the wild Roses grow“ von 2008, The Mercy Seat von 1988, der Higgs Bloson Blues von 2013, dazwischen der Romantitel And the Ass saw the Angel von 1989. Wir beginnen im Schnee. Und haben auch schon die Grundstimmung für die folgenden gut 310 schwarz-weißen Seiten, denn es wird eine kalte Lektüre, selbst wo es Abstecher nach Australien und Brasilien gibt – Kleist erzählt in dem Buch auch die bisherige Lebensgeschichte von Cave.

Erfährt man etwas? Erlebt man etwas? Fühlt man, wie es sein könnte, aus der eigenen Biografie Doppelgänger zu formen, die scheitern, Schlimmes erleiden, die Kurve am Ende nicht mehr kriegen. Oder den dringenden Wunsch, anders zu sein, auch wenn es weh tut? Versteht man, welche – fiktiven – Opfer gebracht werden für eine glänzende Karriere? Wie einer mit dem Schicksal Roulette spielt? Wie verwirrend es sein kann, ohne, aber vor allem mit Anerkennung ein genialer Autor und Musiker zu sein?

Kleist erzählt aus der Distanz. Er hat sich mit Cave getroffen. Sie haben miteinander gesprochen, aber die Story hat Kleist alleine entwickelt und ausgearbeitet. Gelungen ist ihm etwas, das ich mir vorher so nicht vorstellen konnte. Dass es nämlich egal ist, auf welche Seite der Medaille wir schauen. Ob Absturz oder Aufstieg, die Existenz (und sei es nun die „wirkliche“ Existenz von Nick Cave, eine „annähernde“ oder eine völlig „erdachte) ist darin wie ein fester Kern der weiter durchs All fliegt, egal, ob berühmt oder in der Gosse. Eine beunruhigende Geschichte. Denn sie kann weder gut noch schlecht ausgehen. Es ist ein Lebensweg mit den bekannten biographischen Stationen, aber völlig ohne Moral. Für Menschen, die den „richtigen“ Lebensweg suchen, ein harter Brocken. Auch für mich. Die Kategorie „gefallen“ fällt deshalb auch weg. Dennoch ist es ein gutes Buch. Und eben ein sehr kaltes.

 

Reinhard Kleist: Nick Cave. Mercy on me. Carlsen Verlag Hamburg 2017. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.