Sehnsuchtsbilder

Die meiste Zeit meines Lebens waren die Wände in meinen Wohnungen oder Zimmern leer. Doch in den letzten Jahren hat sich das geändert. Kaum, dass „echte“ Kunst in Rahmen und dann an die Wand kommt. Doch selbst Kunstwerke, die dort hängen – und das hat mir eben einen gehörigen Schrecken eingejagt – lassen sich mühelos in die, sagen wir, „sentimentale“ Ecke stellen. Nicht, dass es nur „schöne“ Bilder sind. Aber alle berühren mich oder weisen auf etwas, was mir wichtig ist. Gut. Es ist meine Wohnung, klar, dass die Bilder etwas mit mir zu tun haben. Ebenso klar, dass ich mich mit ihnen wohlfühlen möchte. Oder zumindest: Dass mich ihr Anblick nicht graust.

Wirklich klar? Oder gehöre ich zu den Leuten, über die ich früher gerne mal gelächelt habe, weil sie ein Bild nach den Bezügen der Möbel oder der Tapetenfarbe wählten? Ich lese: Kinder sind nie sentimental. Das Gefühl ist etwas für ältere Menschen. Ja. Mache ich sofort ein Häkchen dran. Sentimentalität schütze vor Trauer. Dass die einem im Alter näher auf die Pelle rückt, brauche ich sicher nicht zu erklären. Also wären die Bilder so etwas wie ein Puffer gegen die Realität. Kunst wiederum ist ein wirksames Mittel gegen Realität. Nicht in der Beschönigung. Sondern im Öffnen von Räumen.

Erleichtert stelle ich fest, dass meine Sehnsuchtsbilder wenigstens noch nicht nostalgisch sind, auch wenn hier und da lustige Kritzeleien aus meiner Kindergartenzeit dazwischen hängen. ? – Doch, doch, ja, ja, ich habe auch Malereien von anderen Kindern (sentimentale Bilder nämlich ertrage ich nicht)! An meinen Wänden hängen Erinnerungen, aber eben auch unerreichte Träume, Möglichkeiten, Ideen. Hier gibt es also Entwarnung. Dennoch fällt mir auf, dass ich einen Museumsgeschmack, einen professionellen Geschmack und einen privaten Geschmack in Punkto Kunst habe. Das muss ich jetzt erst mal verdauen.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. papiertänzerin 16. Dezember 2017

    Dazu schreibt Alain de Botton: „Wenn wir sämtliche Kunst, die anmutig ist und uns entzückt, verdammen und ihr Realitätsverweigerung vorwerfen, dann ist das ein Verlust. Tatsächlich kann uns solche Kunst doch nur ergreifen, weil wir wissen, wie die Realität normalerweise ist. Die Freude an den hübschen Kunstwerken speist sich aus dem Unbefriedigtsein: Würden wir das Leben nicht schwierig finden, hätte Schönheit nicht den Reiz, den sie hat.“
    Vielleicht hilft das beim Verdauen?

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