Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Alles

entspringt aus dem Einen, sagt die Tradition. Alles ist neu, jubiliert die Moderne. Eins ist alles, sagen Buddhisten, und verkennen damit die große Lust der Menschen an Unterscheidung und Wertung. Daran musste ich denken, als es in den letzten Wochen wieder Preise regnete. Das Rennen um den ersten Platz ist ein Spiel. Die klügsten Argumentationen […]

Über sich hinaus wachsen

Bei Proust ist gerade dieses Bild eins für das Altern durch die Jahrzehnte hindurch, wo die Füße im weit entfernten Geburtsjahr stehen, während Kopf und Körper in die Zukunft streben. Insofern wachsen wir alle über uns hinaus und manche weiter, als sie eigentlich wollen, die Müdigkeit mancher Menschen im Alter spricht Bände. Im engeren Sinn […]

Herausforderung

Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich mit einer solchen Wucht angegangen ist. Weil hier statt einer möglichen Horizontlinie ein Abgrund klafft. Weil ich sehe, wie hauchfein (m)ein Leben am Absturz vorbei schrabbt. Wieso dachte ich überhaupt, ein Leben könne gelingen oder scheitern. Die Koordinaten dafür haben sich für mich nach der Lektüre verschoben, […]

Ferieninseln

Noch lange bevor ich den ersten Bonsai-Baum sah, hatte ich mich in kleine Bäumchen verliebt, die irgendwo in den Betonritzen von Wegen oder schnell zugeschütteten Plätzen hervorgekeimt waren. Als Kind kannte ich alle Stellen auf dem Schulhof, und wenn ich nicht mit meinen Freundinnen spielte, lief ich von einer zur anderen und träumte mich auf […]

Bahn fahrn

Schön war, dass ich viel Herbst an den Fenstern vorbei ziehen sah. Und mich wieder daran erinnern konnte, dass Deutschland nicht nur aus Berliner Großstadt besteht. Ansonsten war es laut von der Maschine plus Geschwindigkeit her, laut von den Leuten, übervoll, na, halt das Übliche. Immer mehr Leute schauen sich Filme an während der Fahrt. […]

Hundemüde

Ich schicke für heute einen alten Hund auf die Seite, denn er sieht genauso aus, wie ich mich gerade fühle. Ein Bahntag liegt vor mir. Und ich weiß, dass man solche Tage nicht abkürzen kann. Immerhin darf ich vorher noch mal ins Körbchen…

Die Sphinx am Wegesrand

Wer Bahnfahrkarten kaufen muss, hat es nicht leicht. Erstens das Wetter, zweitens uralte Fabeltiere und dann noch die Fahrt selbst. Dazu ein mehr als gesalzener Preis: 137,80€. Und wohin kommen wir damit? Nach Hamm. Aber das Horoskop sagt, es soll eine tolle Woche werden. Also warten wir ab. Die Sphinx ließ mich passieren. Ich rollte […]

Hören wie das Gras wächst

Oder wie die Insekten summen, wenn der plötzlich einsetzende Regenguss wieder aufhört. Ich lese gerade „Das große Orchester der Tiere“ von Bernie Krause. Krause hat ein riesiges Tonarchiv, mit Tier- und Naturlauten, nicht jedoch einzeln, sondern von verschiedenen Orten, Klanglandschaften ursprünglicher Habitate, von denen viele schon verschwunden sind. Doch ja, es gibt einen aktuellen Bezug, […]

Stillstand

wenn einem die Puste ausgeht. Oder stehe ich mir nur mit jedem Bein im anderen Weg? Filmriss wäre auch ein Wort, wäre es nicht mit Gedächtnisverlust belegt. Aber wer im Kinosaal sitzt, wenn der Film reißt, ist ja nicht komatös, sondern von einem zum anderen Moment im Leeren. Obwohl ich weiß, dass solche Momente des […]