Business as usual

Nein. Es geht mir hier nicht um Verharmlosung. Ich gehöre zu den Freiberufler/innen, die gerade eine unglaubliche Bruchlandung zu überstehen haben. Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Monate organisieren soll. Ich prüfe meine Möglichkeiten, spreche mit Kolleg/innen, fahre alles zurück, was nicht unbedingt nötig ist (gerade nicht wirklich schwierig), überlege.

Mein Alltag ist darüber hinaus merkwürdig unberührt. Das liegt zum einen daran, dass ich (noch) gesund bin. Außer einer Migräne die letzten Tage fühle ich mich fit, erstaunlich eigentlich, wo ich die letzten Winter jedesmal eine fette Erkältung zu überstehen hatte. Zum anderen ist der Alltag schreibender Freier tatsächlich ein enorm einsames Geschäft, wie mir gerade jetzt klar wird: In engen Zeiten, wenn ich viel (und das heißt oft: viel auf einmal) fertig bekommen muss, bleibe ich eh zu Hause und schotte mich komplett ab. Wenn es hart auf hart kommt, mehrere Wochen. Die Tage fangen dann am Schreibtisch an und hören dort auch wieder auf.

Spazieren gehen können wir noch in Berlin und das mache ich auch, das Wetter ist sensationell und über die ungewohnte Stille kann ich mich freuen. Mein Vater ist zum Glück noch nicht in ein Heim gezogen und weiß sich sehr gut alleine zu helfen. Auch wenn er gelegentlich zu Depressionen neigt, ist er gerade gut drauf. Etwas, das ich schon öfters bei ihm beobachtet habe: Wenn es ernst wird, ist er enorm cool. Er jammert lieber, wenn es gar nichts zu jammern gibt. Das ist jetzt ein super Vorteil… In Deutschland zu leben, empfinde ich gerade auch als einen super Vorteil. Aller Unkenrufe zum Trotz fühle ich mich nicht nur gut informiert, sondern auch gut versorgt. Der Ausbruch einer noch unbekannten Krankheit ist kein planbarer Fall. Und die Verantwortung liegt jetzt auch bei uns. Das macht ja eine Demokratie auch aus: Das wir jetzt alle dran sind. Kein Grund, Angst zu haben.

Blick in die Vergangenheit

Als Historikerin schaue ich wahrscheinlich häufiger in die Vergangenheit als viele meiner Freund/innen und Bekannten. Ich kenne so einige Welt-Vorstellungen früherer Zeiten, ohne jedoch wirklich mit ihnen vertraut zu sein. Geschichte schien mir eine Zeit lang (vor allem während des Studiums) eher langweilig (Zahlen, Zahlen, Zahlen). Mittlerweile habe ich allerdings den Schatz dieses Wissens (oder zumindest der Kenntnis) begriffen: Was andere vielleicht auf Reisen erlebt habe, konnte ich in diesen Zeitreisen lernen: Nichts ist in Marmor gemeißelt, die Dinge ändern sich. Sogar scheinbar unumstößlichste Wahrheiten.

Gleichzeitig bemerke ich eine Art Verschiebung. Die Antike scheint mir insgesamt näher zu rücken, gerade auch unter dem Stichwort Demokratie oder dem Untergang von Großreichen – um dort Parallelen zur aktuellen Lage zu finden. Das Mittelalter hingegen, mit seinem ausdrücklichen Gottesglauben und der steilen Hierarchie einer Feudalgesellschaft wird uns fremd. Das geht soweit, dass das Mittelalter – ich glaube vor ein oder zwei Jahren – als Gegenstand im Schulunterricht gestrichen oder zumindest extrem zusammengekürzt werden sollte – wie der aktuelle Stand ist, weiß ich nicht.

Eine gefährliche Idee (die Streichung ganzer Epochen aus der Geschichte, und sei es nur in der Schule), weil ja gerade die Verschiedenheit von Weltsichten eins beweist: Sie haben alle funktioniert. Und wir müssen vorsichtig sein. Natürlich erscheint das Mittelalter als dunkel, roh und wüst. Aber unsere vermeintliche Überlegenheit beweist sich ja nicht darin, dass wir offensichtliche Ungerechtigkeiten erkennen. Wir verstehen sie meist nicht wirklich, weil wir uns selten die Mühe machen, die damaligen Rechtssysteme oder sozialen Wirklichkeiten genau zu studieren. Ich will nicht behaupten, dass es im Mittelalter super korrekt zuging und alle glücklich waren, aber schon hier läge ein Missverständnis vor: Glück war damals keine Größe, schon gar kein individuelles Glück. Die Erkenntnis, wie schlimm oder ungerecht es damals war, vernebelt uns vielleicht eher die Sicht auf gegenwärtiges Unrecht und auf Missstände. Die aktuellen Rückblick auf Pest-Epidemien und den Umgang mit ihnen zeigt ja, wie ähnlich die Menschen damals reagierten, vor allem, was ihre (und unsere) Ängste angeht. Geschichte nicht als eine Erzählung des Fortschritts, sondern als Modell verschiedener Sozial- und Kultursysteme zu begreifen, und damit für gegenwärtige Aufgaben zu nutzen, scheint mir der sinnvollere Weg. Es wird Zeit, dass wir unsere Vorfahren aus dem Mittelalter nicht mehr bloß als ungebildete Deppen – meinetwegen mit vielen Muskeln und wilder Gesinnung – sehen, sondern auf Augenhöhe. Das würde, so meine Vermutung, auch einiges an der gegenwärtigen Überheblichkeit gegenüber scheinbar weniger entwickelten Zivilisationen ändern.

Stille Stadt

Wow! Das schafft sonst nur der frühe Morgen des 1. Januar – bei deutlich schlechterem Wetter. Die Stadt steht still – und ist es vor allem. Kein Baulärm, keine Autos, Flugzeuge fliegen auch seltener. Die Vögel zwitschern. Nein. Ich will hier nicht nur Idyllen malen. Viele Menschen machen sich Sorgen, einige hat es schon erwischt. Hier in Kreuzberg sind die meisten mit der Finanzierung der nächsten Wochen und Monate beschäftigt. Dennoch spüre ich wenig Panik, eher Fatalismus und die kleine Zuversicht, die darin besteht, dass es in diesem Fall wirklich erst mal alle betrifft. Wir werden uns zu helfen wissen. Hof-Talk, Gespräche unter Nachbarn am offenen Fenster hat bei dem lauen Lüftchen draußen übrigens auch was. Good luck!

Intensiv leben

Könnte doch sein, dass jetzt, nach Wegfall fast aller Ablenkung etwas Unerwartetes passiert. Dass wir morgens im Spiegel mal jemand anderes sehen (nee, muss ja nicht gleich ein Monster sein). Könnte doch sein, dass mehr Schlaf so richtig gut tut, auch wenn die Sorgen wie Schatten an den Wänden hochziehen. Oder dass Lesen doch wieder Spass macht. Oder Brot backen (wie viele Männer habe ich Hefe kaufen sehen! Die haben auf meine Frage hin alle gesagt, doch, sie könnten das mit dem Brot. Einer nur sagte: Kuchen). Fastenzeit, sagte eine Freundin von mir lakonisch. Wahrscheinlich können wir uns jetzt noch einmal von einer anderen Seite kennenlernen. Ich bin mal gespannt.

Mal ganz nah an der Hauswand vorbeigehen

Manche werden schon ganz kribbelig angesichts des langen Wochenendes und der noch längeren Wochen, die folgen werden: Homeoffice für viele, keine Abendveranstaltungen mehr, kein Sport, kein Verein, kein Feierabendbierchen. Hilfe! Langeweile droht. Immerhin scheint die Sonne. Heute jedenfalls war richtig was los auf den Straßen. Oder genauer: Auf den Bürgersteigen, wo die Wochenendler/innen zum Spazieren unterwegs waren. Auch ich habe einen Einkauf mit verlängertem Rückweg unternommen, ein bisschen herumgetrödelt und endlich den sensationellen Muschelkalk aus der Nähe gesehen, aus dem die Gebäude des Flughafens Tempelhof gebaut sind: Aus Meeresboden! Und wenn dann auch noch die Frühlingssonne drauf scheint: wie schön! Und wie ganz und gar geheimnisvoll. An einem „normalen“ Tag wäre ich mal wieder dran vorbei gelaufen. Also: Die Feste feiern, wie sie kommen. Und die viele freie Zeit zum Entdecken nutzen. Das geht wahrscheinlich sogar besonders gut mit Kindern.

Sich neu erfinden

Punkt, Punkt, Komma, Strich… – wenn es so einfach wäre. Und doch, ich habe manchmal den Verdacht, es ist so einfach.

Kein Leben ohne Kurskorrekturen. Was rückblickend schon mal wie eine elegante Biegung daherkommt, kann jedoch im Moment der Wende als hartes – und vor allem ungewolltes – Stück Arbeit erscheinen. Wer fährt denn nicht lieber einfach geradeaus weiter?

Ich habe vor sehr langer Zeit mal etwas gelesen, was mich überrascht und nicht mehr losgelassen hat. Dass Gott nämlich nicht unbedingt bei unseren Erfolgen die Finger im Spiel hat (natürlich auch), sondern gerade da, wo es ungemütlich wird, in den Umwegen des Lebens, bei den Stolpersteinen und Fallen. Denn, hier erst kommen wir wirklich dazu, unser Potential auszuschöpfen: Wer immer gerade aus fährt, muss nicht mal lenken können.

Nein, das wird keine Bibel-Stunde. Man kann sich die Sache gut und gerne auch ohne Gott denken. Und ich erinnere mich gerade: nichts mache ich lieber, als mit Karacho in die Kurven zu fahren. Ahoi!

Sichtbar bleiben

Das mag defensiv klingen. Aber – wenn ich mir meinen letzten Eintrag anschaue – wir sind noch am Anfang. Der allerdings lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Allen einen schönen Frauentag!

Optimismus

Mein Vater wird dieses Jahr 91. Er hat sich gerade ein neues Auto gekauft (das alte ist ihm in den letzten 20 Jahren – gebraucht gekauft) unterm Hintern weggerostet. Ja. Es gibt eine Menge Einwände. Dennoch. Ich begreife, dass er für mich doch noch ein Vorbild sein kann: Sich nicht unterkriegen lassen. Boldly go.

Fluchtwege

Lesen bildet nicht nur. Es erlaubt, sich vom Acker zu machen, wenn man feststeckt. Neue Kontinente zu bereisen, Universen sowieso. Auch wenn dieses Jahr die Leipziger Buchmesse geschlossen bleibt. Hoch lebe das Lesen!