Aus allen Wolken fallen

bedeutet nicht, zumindest nicht sofort, auf dem harten Boden der Realität aufzuschlagen. Es scheint vielmehr, als müsse man erst einmal in ein Zwischenreich mit viel Nebel und noch mehr Orientierungslosigkeit. Denn das, was man für „gesetzt“ hielt, erweist sich als Irrtum, der Kompass dreht durch, die Welt steht Kopf.

Komischerweise fiel mir zu diesem Herunterfallen der Begriff des „Fegefeuers“ ein. Die Vorstellung stammt aus der christlichen, d.h. vor allem aus der katholischen Tradition. Hier ist das Feuer so eine Art Läuterungsort, den Tote durchlaufen, bevor sie in den Himmel kommen.

Auch in anderen Religionen gibt es Zwischenreiche – Gegenden, die nicht unbedingt besonders heiß sind, dafür aber unübersichtlich und öd. Man hängt dort fest, bis man in einen anderen Zustand versetzt wird. Es gibt zum Beispiel das Bild von einem Fluss aus geschmolzenem Blei, der durchquert werden muss, eins, das mir gerade sehr plausibel erscheint.

Wer aus den Wolken fällt, ist natürlich nicht sofort tot. Aber es fühlt sich so an, weil nichts so ist, wie zuvor. Man rudert planlos in etwas, das weder Land noch Wasser ist, alles hat sich verändert, wo eben noch ein Stuhl stand, ist – geschmolzenes Blei. Natürlich gerät man schnell in Panik. Aber wie so oft, ist Panik kein guter Ratgeber. Ich denke an Taucher, die sich mutig in den Fluss aus Blei fallen und treiben lassen. Die christliche Idee der Läuterung bedeutet in diesem Fall, sich von falschen Vorstellungen zu verabschieden, und sich damit gewissermaßen selbst zu läutern. Also gut: Fallen lassen. Ich bin relativ sicher, dass der Aufschlag dann gar nicht so hart ausfallen wird. Vielleicht wird es sogar ein freudiges Wiedererkennen.

Richtungswechsel

Erst dachte ich, es sei ein Geburtstag wie viele andere zuvor. Aber jetzt, so im Abstand von einem Monat merke ich, dass mich diese eine Jahr mehr doch sehr ins Grübeln bringt. Ich laufe – zumindest was die Zahlen angeht – auf den Rentner-Status zu. Gut, es gibt noch einen Puffer von mindestens einem Jahrzehnt, aber die Richtung ist nicht mehr zu übersehen. Geschenkt, dass ich mich lange nicht so fühle, ich bin vermutlich sogar fitter als vor 10 oder 15 Jahren, allein schon, weil ich viel seltener Migräne habe und mich deutlich mehr bewege, und, auch das kann ich mittlerweile so deutlich sagen, glücklicher bin.

Der Perspektivwechsel ist allgegenwärtig. Neulich ist mir aufgefallen, dass es längst nicht mehr ältere Menschen sind, die mir vorbildlich erscheinen. Ich sehe junge Leute, von denen ich mir unbedingt eine Scheibe abschneiden möchte (oh nee, bloß nicht wörtlich!). Und damit meine ich keineswegs deren Jugendlichkeit. Damit meine ich nicht, dass ich mich von meiner Rolle als „alter Hase“ verabschieden möchte. Wer älter wird, hat – zumindest verstehe ich das so – eine gewisse Verantwortung jüngeren Kolleg/innen, Nachbar/innen, Freund/innen gegenüber. Was nicht Besserwissen heißen soll, sondern Aufmerksamkeit oder die Bereitschaft, Erfahrungen weiterzugeben.

Jetzt also jüngere Vorbilder. Fühlt sich gut an. Um nicht zu sagen: richtig gut!

Über dem eigenen Tellerrand

oder auch: Von wegen „alter Schwede“! Ich hatte vorgestern meine Präsentation im Büro, von der ich im Januar kurz schrieb: Wir sind ein Großraumbüro mit immer wieder wechselnder Besetzung und machen seit letztem Jahr, als einer unserer damaligen Neuzugänge sich und seine Arbeit kurz vorgestellt hat, diese Präsentationen, um uns besser kennenzulernen und um auch mal neben der Arbeit ins Gespräch zu kommen. Ich war überrascht, wie schwierig ich es fand, einen Faden für meine Präsentation zu finden. Das Alphabet, das ich am Ende gewählt habe, war eine gute Idee, denn so bekam ich alltägliche Arbeitsschritte ebenso unter wie grundsätzliche Fragen zum Journalismus oder zu den Audioguides, die ich nach wie vor regelmäßig schreiben. Schnell kamen wir auch auf die Schwierigkeiten des korrekten Schreiben, vor allem, was Geschlechterzusweisungen angeht. Und hier zeigt sich einmal mehr, wie horizontöffnend es ist, mit Leuten aus allen Himmelsrichtungen zusammen zu arbeiten: Meine japanische Kollegin und auch der schwedische Neuzugang von letzter Woche überraschten mich (andere wussten das schon) damit, dass sie in ihren Sprachen gar keine Unterscheidung in männlich und weiblich haben. Wow, oder – !? In Schweden, so lernte ich weiter, haben sie ein neues Wort (oder war es eine Endung?) bestimmt, das quasi „alle“ bedeutet, also Männer, Frauen, Transpersonen, und eben: alle. Ins Deutsche lässt sich das nicht übertragen. Dennoch finde ich die Idee genial. Sie öffnet zumindest viele Fenster im Kopf.

Tödlicher Respekt

Jede oder jeder, so scheint es, hat im Leben die eigenen Tragödien abzuarbeiten. Diejenigen, die einem immer wieder passieren, die sich wie ein sehr schlechter Running Gag durchs Leben ziehen.

Beim mir sind es Begegnungen mit Menschen, die auf der Kippe stehen, die mit sich und dem Leben hadern, um dann irgendwann den Tod zu wählen.

Bei jeder und jedem einzelnen habe ich mich schuldig gefühlt. Weil ich es hätte wissen können. Weil ich mehr für diese Menschen hätte da sein können. Dagegen steht die Wahrheit, dass man niemanden retten kann. Und dass es auch ein Zeichen von Respekt ist, die tödliche Verzweiflung eines Menschen anzuerkennen. Und entsprechend Abstand zu halten. Ich weiß, dass das stimmt. Aber ich kann nicht anders, als mich mutlos zu fühlen, angesichts dieser Hilflosigkeit.

Überraschung!

Ein Jahr lang habe ich „unser Haushörnchen“ jetzt nicht gesehen, und was habe ich mich gefreut! Dabei, das Hörnchen ahnt natürlich nix von mir und meiner Freude, wahrscheinlich sieht es mich hinter den Fensterscheiben gar nicht. Und ich freue mich. Wäre gut, denke ich, wenn ich auch für manche ein Hörnchen sein könnte. Soll ich mir jetzt so lustige Zipfel über den Ohren wachsen lassen?