Was wäre ich ohne sie? Meist ist es tatsächlich erst der Herbst, der mich wieder aufmerksam werden lässt. Plötzlich treffe ich sie auf meinen Wegen, fast wie alte Bekannte: Ach, hier bist du ja. Gut siehst du aus. Darf ich ein Foto machen? Wie geht es dir?
Umgekehrt? Was sie ohne mich wären? Ach. An so einer Frage zerschellt flugs das eigene Selbstverständnis. Wir können von Glück reden, dass Bäume sich nichts wünschen können. Auf dem unteren Foto sehen wir den wackeligen Start mancher Stadtbäume (und einen kleinen Fuxi, der sich die auf den Hinterbeinen stehenden Hasen auf dem Beach-Volleyball-Platz nicht so recht erklären kann). Vermutlich wird es dieser hier nicht ins Erwachsenenalter schaffen (der Baum, nicht unbedingt der Fux).
Nein. Das hat nichts mit Corona zu tun. Eher damit, die eigene Fremdheit auszubalancieren. Oder wachzuhalten. Wenn ich anfange, zu genau zu wissen, wer ich bin, bekomme ich kalte Füße.
Wie gut ist es dann, in einer anderen Stadt zu sein, oder grundsätzlich auf anderem Boden, um mir zuzusehen, wie ich mich da schlage. Was ich als Erstes mache, wohin es mich zieht. Wovor ich Angst habe.
Essen kaufen. Das war mal eine Antwort von David Bowie auf die Frage, wie er sich neuen Städten nähere. Und ich musste lachen, weil ich mir vorstellte, wie überall alle vor Begeisterung in Ohnmacht fallen, wo er auftauchte, um auf einem Markt eine Ananas oder im Laden einen Kaffee zu bekommen. So war es wohl meist gar nicht. Er konnte sich ziemlich gut unsichtbar machen – und behauptete mal, das sei eine typische Steinbock-Fähigkeit (stimmt, mich sieht auch meist keiner, aber ich heiße auch nicht Bowie). Ein lustiger Trick von ihm in New York bestand darin, mit einer griechischen Tageszeitung in der Hand rumzurennen (v.a. wenn er mit der Metro fuhr). Das würde die meisten Leute abhalten, ihn anzusprechen, weil niemand davon ausgehe, dass er Griechisch könne – so erklärte er in einem Interview. Womit man mal wieder sieht, dass ein Elektrodraht, der Kühe davon abhält, von der Weide zu laufen, nicht nur die Dummheit der Kühe anzeigt…
an diesem Begriff zerschellte heute morgen noch vor allem anderen meine Vorstellungskraft. Nein: Eine Wanze ist nicht abstrakt. Und nochmal nein: Ich finde sie auch nicht erotisch.
hat man wahrscheinlich immer für sich. Man kann niemanden zu einem überreden. Nicht mal sich selbst, wenn man Jahre später enttäuscht feststellen muss, dass der Zauber und damit auch die Liebe dahin ist. „Heimkehr“ von Wolfgang Büscher habe ich ausgelesen, auch wenn ich mir Mühe gegeben habe, so langsam wie eben möglich darin vorwärts zu kommen. Ich weiß noch, wie ich „Hartland“ gleich noch einmal gelesen habe, nachdem ich auf der letzten Seite angekommen war. Gerade die erste Szene am Grenzübergang von Kanada in die USA hatte mich gepackt und gleich wieder. Aber das, so merke ich, geht gerade nicht, zu tief haben sich manche Beschreibungen, Gedanken in meinem Innersten verfangen.
Überrascht habe ich in einer Rezension gelesen, Büschers Buch sei von den häufigen Blickwechseln „zerfleddert“, es habe dadurch sein Herz eingebüßt, seinen Kern. Nicht, dass ich es besser wüsste. Aber ich hatte genau den gegenteiligen Eindruck: Dass nämlich das Zerfleddern der Kern ist, oder wie es mir selbst beim Älterwerden scheint, dass es tatsächlich gar keinen Kern gibt.
Ansonsten habe ich mit Freude gesehen, dass gleich ein nächstes Lieblingsbuch für mich nachgewachsen ist: „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ von Andreas Steinhöfel. Ich freue mich schon.
Eigentlich gilt es als warm und golden – tatsächlich kann das Licht im Herbst so strahlend hell sein, dass es sämtliche Alltagsgegenstände wie Bühnenrequisiten anstrahlt. Die Welt sieht dann (meist kurz nur) fremd aus. Surreal oder hyperreal, je nach Gusto. Auf jeden fall anders.
Gestern war zum Beispiel so ein Tag. Schon beim Aufstehen hatte ich das Gefühl, nach Kräften rudern zu müssen, um überhaupt aus dem Bett zu kommen. Nicht, dass ich unausgeschlafen gewesen wäre. Es ging mir gut. Aber jede kleinste Anstrengung verbrauchte – zumindest gefühlt – Bärenkräfte.
Was tun? Mittags fühlte ich mich, als hätte ich einen 16-Stunden-Tag hinter mir. Jeder einzelne Muskel war bleischwer und im Kopf Nebel und Trägheit. Nicht mal Kaffee konnte was ausrichten. Am Liebsten hätte ich mich hingelegt und die Decke über den Kopf gezogen. Ein Gedanke wurde immer lauter: Das bringt doch nix! – Und ja, für einen kurzen Text habe ich so lange gebraucht, wie sonst für drei (und natürlich musste ich ihn heute Morgen als Erstes noch mal umschreiben). Alle Anfragen haben mich genervt statt gefreut. Jeder Anruf war einer zu viel. Und dann?
Doch, ich habe mein Tagespensum am Ende geschafft, und sogar noch mit einer sensationellen Linsensuppe gekrönt. Und: Nein. Es hat nicht keinen Sinn. Auch ein Text ist mehr als keiner. Wenn ich an so einem Tag einknicke, so, zumindest meine Einschätzung heute, werde ich beim nächsten und übernächsten Mal vielleicht zu früh die Pausentaste drücken. Nichts gegen Pausentasten! Aber zu früh auszusteigen, erholt oft nicht, sondern macht schlapp und schlapper. Und das werde ich in den nächsten Jahren ganz von selbst. Also: Weiterschwimmen.
Gerade steigt mir das Fernweh zu Kopf. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich meinen ersten Tag (im Moment noch meine erste Nacht) in New York verbracht, von wo ich dann gut eine Woche später mit dem Auto Richtung Kalifornien aufgebrochen bin.
Es ist ein komischer Mechanismus, der bei mir immer greift nach großen Reisen: Ein Jahr später, meist sogar am Abreisetag, erfasst mich Melancholie und Sehnsucht. Ich lebe quasi die Reise noch einmal durch, oder zumindest die Momente, an die ich mich (auch dank der Fotos) erinnern kann.
Sehr typisch für mich (wie ich rückblickend denke), dass mein erster Besuch mich ins American Folk Art Museum führte. Äh, nee, mein allererster Besuch ging in eines der umliegenden Kaffee+Törtchen-Paradiese (Paradies im Plural klingt ganz schön blöd, ist wahrscheinlich eine Kaffee+Törtchen-Paradies-Kette…) Folk Art, ins Deutsche etwas unglücklich als „naive“ Kunst übersetzt, ist mir ein wichtiger Spiegel geworden. Weil hier Werke von Menschen gezeigt werden, die keinerlei Ausbildung hatten, sich dennoch zum Malen oder Bildhauern (oder und, und, und) berufen fühlten. Die also nicht mit Kniffen, sondern unverstellt und nach ihren Möglichkeiten (wobei das gleich zu einschränkend klingt – eher nach ihren Improvisationstalenten) vorgingen. Es ist mein persönliches „Ecce Homo“-Erlebnis, das sich bislang – trotz mittlerweile häufigerer Besuche solcher Museen – noch nicht abgeschwächt hat. In New York hat mir der Besuch den Menschen und die Menschen einmal mehr als Wunderwesen und äußerst unbekannte Spezies vorgestellt. Mich zum Lachen gebracht und mir – für die nächsten Tage, die ich allein verbringen sollte – Mut gemacht: Du bist nicht allein, flüsterten sie, und gleichzeitig: Das Los des Menschen ist nun mal, dass er oder sie König und Königin im eigenen Land bleiben, allein auf ihrem Thron.
Der Besuch erwies sich als guter Start. Stunden später saß ich dann im spektakulären Restaurant des New Yorker MAD (Museum of Architecture and Design), wo es natürlich erst mal Törtchen gab. Das wirklich ebenso spektakuläre Törtchen habe ich damals schon gepostet, jetzt gibt es die beglückende Aussicht dazu (und ja, die Wolkendecke brach später noch auf und tauchte die Stadt in touristentaugliches Oktoberlicht…) – der Trump-International Hotel-Tower bleibt natürlich hässlich, was für eine Idee, so einen finsteren Riegel vor die sich anschließende Reihe verrücktester Park-Häuser zu stellen…
So titelt eine Werbemail, die ich vor wenigen Minuten bekommen habe. Noch so ein Moment, in dem ich mich frage, ob ich noch in der Realität meiner Umwelt unterwegs bin. – Geschenkt, Werbung ist immer Post von einem fremden Planeten. Aber gerade stößt sie mir besonders bitter auf…