Ecce homo

Gerade steigt mir das Fernweh zu Kopf. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich meinen ersten Tag (im Moment noch meine erste Nacht) in New York verbracht, von wo ich dann gut eine Woche später mit dem Auto Richtung Kalifornien aufgebrochen bin.

Es ist ein komischer Mechanismus, der bei mir immer greift nach großen Reisen: Ein Jahr später, meist sogar am Abreisetag, erfasst mich Melancholie und Sehnsucht. Ich lebe quasi die Reise noch einmal durch, oder zumindest die Momente, an die ich mich (auch dank der Fotos) erinnern kann.

Sehr typisch für mich (wie ich rückblickend denke), dass mein erster Besuch mich ins American Folk Art Museum führte. Äh, nee, mein allererster Besuch ging in eines der umliegenden Kaffee+Törtchen-Paradiese (Paradies im Plural klingt ganz schön blöd, ist wahrscheinlich eine Kaffee+Törtchen-Paradies-Kette…) Folk Art, ins Deutsche etwas unglücklich als „naive“ Kunst übersetzt, ist mir ein wichtiger Spiegel geworden. Weil hier Werke von Menschen gezeigt werden, die keinerlei Ausbildung hatten, sich dennoch zum Malen oder Bildhauern (oder und, und, und) berufen fühlten. Die also nicht mit Kniffen, sondern unverstellt und nach ihren Möglichkeiten (wobei das gleich zu einschränkend klingt – eher nach ihren Improvisationstalenten) vorgingen. Es ist mein persönliches „Ecce Homo“-Erlebnis, das sich bislang – trotz mittlerweile häufigerer Besuche solcher Museen – noch nicht abgeschwächt hat. In New York hat mir der Besuch den Menschen und die Menschen einmal mehr als Wunderwesen und äußerst unbekannte Spezies vorgestellt. Mich zum Lachen gebracht und mir – für die nächsten Tage, die ich allein verbringen sollte – Mut gemacht: Du bist nicht allein, flüsterten sie, und gleichzeitig: Das Los des Menschen ist nun mal, dass er oder sie König und Königin im eigenen Land bleiben, allein auf ihrem Thron.

Der Besuch erwies sich als guter Start. Stunden später saß ich dann im spektakulären Restaurant des New Yorker MAD (Museum of Architecture and Design), wo es natürlich erst mal Törtchen gab. Das wirklich ebenso spektakuläre Törtchen habe ich damals schon gepostet, jetzt gibt es die beglückende Aussicht dazu (und ja, die Wolkendecke brach später noch auf und tauchte die Stadt in touristentaugliches Oktoberlicht…) – der Trump-International Hotel-Tower bleibt natürlich hässlich, was für eine Idee, so einen finsteren Riegel vor die sich anschließende Reihe verrücktester Park-Häuser zu stellen…

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Carola 11. Oktober 2020

    Hmmmm…. auch ich fühle mich zu „folk art“ hingezogen! Das freut mich! Besonders zu den kunstvollen Gewändern, in denen sich die Welt kleidet…. Gerade habe ich einen Artikel über peruanische Weberinnen gelesen, die sich endlich mit Hilfe des peruanischen Staates dagegen wehren können, dass die traditionellen Muster, die sie verwenden, von westlichen Modedesignern abgekupfert werden, die diese sich patentieren lassen und die sie selbst dann nicht mehr verwenden dürfen!

    Ich bin gestolpert über den Satz „ohne jede Ausbildung“ – ohne jede „akademische“ Ausbildung, das mag sein – aber das Wissen, das die Altvorderen ja immer weitergeben, über das Material zum Beispiel, das verwendet wird, oder traditionelle Muster, die oft eine Bedeutung haben – das ist doch auch eine Art Ausbildung… 😉

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    • Stephanie Jaeckel 11. Oktober 2020

      Ah, ja, da bin ich gedanklich zu sehr bei der „Sorte“ derjenigen Künstler/innen gewesen, die – wie Henri Rousseau – nicht über das Kunsthandwerk zur eigenen Arbeit gekommen sind, sondern tatsächlich als „Laien“. Viele sprechen hier von „Hobbykünstlern“, und es gibt daneben auch solche, die in der Psychiatrie oder ähnlichen Einrichtungen zu ihrem kreativen Tun gekommen sind. Dabei ist, wie Du ja auch schreibst, Folk Art noch viel mehr. Danke für die Erweiterung!

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