Notaufnahme

Natürlich ist es schlimmer als im Fernsehen. Und verrückter als jede Stand-up-Comedy. Wer bei halbwegs funktionierendem Verstand dort hinkommt, erlebt alle Vorurteile, die er oder sie so mitbringt. Mit Nuancen dazwischen, die nachhängen.

Im Berliner Urbankrankenhaus (heute mit aufgehübschtem Namen „Klinik am Urban“ immer noch abendliche Endstation vieler über Tag Gestrandeter und Obdachloser und Opfer von Kreuzberger Schnellschläger: „ich mach dich Urban“) liegen die Aufenthaltszeiten an einem ruhigen Tag bei 4-5 Stunden, also Zeit genug, etwas mitzubekommen, auch wenn die Augen geschlossen bleiben (es gibt ja durchaus Gründe, weshalb man hingebracht wird).

Um zu erzählen, was ich mitbekommen habe, würde ich auf die Schnelle meine Vorurteile als Gerüst verwenden, und mich dann chronologisch vom Anfang zum Ende bewegen. Das wäre durchaus die Wahrheit, aber aus einer falschen Perspektive. Vor allem ist so ja das (glückliche) Ende schon im Spiel, während ich real stundenlang auf die Untersuchungsergebnisse wartete, und deshalb enorm angespannt war – je länger es dauerte, desto mehr.

Die für mich größte Überraschung war die Freundlichkeit aller, die dort arbeiten. Es ist ja ein riesiger Stress, keiner weiß, wer oder was als nächstes reinkommt, alle Patient*innen liegen auf fahrbaren Betten wie schlecht geparkte Autos in den Gängen, Angst und Schmerzen bringen nicht nur unmenschliche Geräusche, sondern auch unzivilisierte Gerüche mit sich. Die meist aggressiven Dauergäste werden mit Respekt behandelt, wenn auch manchmal nur noch Zurede wie an Kleinkinder zum Erfolg führt. Alle Untersuchungen werden mir erklärt, Ergebnisse, soweit sie positiv und auch schon ablesbar sind, sofort mit aufmunterndem Ton mitgeteilt. Es bleibt sogar noch Zeit für ein Kompliment über mein schönes Kleid und die Frage nach meinem Beruf.

Mich selbst habe ich überrascht mit der Geschwindigkeit, in der ich mich auf die Situation eingestellt habe. Ich war so ruhig, wie es nach einem Unfall sein kann. Allerdings hatte ich auch nicht ganz so krasse Schmerzen, und die Zeichen standen eher auf kleinere Verletzungen denn auf Katastrophe. Andere Überraschung: Wie sehr mich alle Geräusche von Maschinen und Geräten beruhigt haben. Das stoische Piepen und Blinken der Apparate war für mich eine Art akustischer Haltegriff, wenn menschlichen Stimm(ung)en mich bedrohten. Es gab auch einen irrwitzigen Dialog von zwei Betrunkenen, die in einer Theateraufführung jedes erdachte Skript in den Schatten gestellt hätte. Vor allem die Stimmen der beiden Männer waren unglaublich und die Tatsache, dass einer der beiden deutsch, der andere englisch sprach. Und obwohl es so eine Art Streitgespräch war, wo wahrscheinlich keiner den anderen wirklich verstand, brachten sich die beiden alleine mit ihrem Tonfall in eine fast meditative Ruhe.

Echt? Ich weiß es nicht. Denn natürlich war das mein Film. Und ja, jetzt geht es mir ganz gut. Ich sehe zwar aus wie eine Klingonin mit blauer Gesichtsfarbe (ich bin unglücklich gestürzt), ich habe noch Kopfschmerzen und muss das Bett hüten, aber eben, ich kann schon wieder lange Sätze schreiben. Insofern bin ich gut raus. Aber mit einer Erinnerung, die mich begleiten wird.

Imagewechsel

Wer bin ich? Diese Frage treibt Menschen wahrscheinlich einen großen Teil ihres Lebens um. Manche finden früh eine Antwort. Manche experimentieren. Es gibt Leute, die wollen sich nicht festlegen. Andere vertun sich, wieder andere sind lange auf der Suche.

Es ist ja auch schwierig. Auf der einen Seite wünschen sich viele ein konstantes Selbst, so wie einen inneren Kern. Auf der anderen Seite ist klar, dass wir uns beim Weiterleben unweigerlich ändern.

In den letzten Corona-Monaten hatte ich Zeit, mich selbst noch einmal – besser gesagt: immer mal wieder – genau zu betrachten. Es ergab sich ein Selbstbild, das leicht ins Resignative kippte. Viele Vorurteile (wie ich heute denke), die ich passend um ein von meiner Mutter geprägtes Bild arrangiert hatte. Durchaus nachvollziehbar: Ich ähnele meiner Mutter im Gesicht und in der Figur, ich habe von ihr die Ungeduld geerbt, ihre Stilsicherheit, ihr Sich-Nicht-Unterkriegen-Lassen.

Doch das Bild bekam Risse. Nach und nach zeigen sich Züge der Mutter meines Vaters in meinem Gesicht. Und auch, wenn meine Hände denen meiner Mutter gleichen, sind sie weicher, ganz so wie die meines Vaters. Meine Haare werden zwar grau, aber sehr langsam. Auch darin ähnele ich mittlerweile mehr meinem Vater. Das war eine Überraschung, und wenn ich ehrlich bin, zunächst eine unangenehme.

Aber dann gab es einen positiven Aspekt. Mein Vater ist sportlich, meine Mutter das glatte Gegenteil. Als Tochter meiner Mutter – naja, könnt Ihr Euch denken. Aber plötzlich drehte sich etwas. Ich fing an, regelmäßig schwimmen zu gehen. Etwas, was mein Vater sein Leben lang gemacht hat. Und ich lernte seine unglaubliche Selbstdisziplin kennen, als er nach über 70 Jahren das Rauchen von einem Tag auf den anderen aufgab. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dem Körper meiner Mutter entkommen zu können.

Mittlerweile habe ich verstanden. Meine Mutter hat mich im ewigen Ehestreit mit meinem Vater zu einer jüngeren Version ihrer selbst stilisiert. „Er liebt dich mehr als mich“ – diesen Satz verstehe ich erst heute, eben nicht als Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter, sondern zwischen ihrem alten und jungen Selbst. Ich fühle mich freier. Denn ich habe andere Optionen als sie, die, die mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat. Das fühlt sich wie eine Befreiung an (obwohl das ja weiß Gott nicht unbegrenzte Möglichkeiten bedeutet), allerdings auch wie eine Versöhnung.

Und ich? Habe die Resignation erst mal beiseite geschoben. Eine Veränderung ist allenthalben spannender als ein ewiger Status quo. Und ich fürchte mich nicht mehr so sehr von den väterlichen Spuren, die mein Gesicht mittlerweile durchziehen. Ich verstehe, dass ich etwas anderes bin als das Bild, das ich mir von mir gemacht habe. Und ahne, dass da noch so einiges kommen kann.

Vergessen ist der böse Bruder

oder die böse Schwester des Erinnerns. Erinnerungen sind die Bausteine unseres Selbst. Auf Hochglanz poliert, arrangiert umflirren sie uns, Duftstoffen gleich.

Wer vergisst, stürzt in ein schwarzes Loch. Das auch die Umstehenden zu erfassen droht.

Ich habe noch nie einen Liebesbrief geschrieben

Verliebte Briefe schon. Aber nie so einen, wo klipp und klar drinsteht: Du – und kein anderer. Ja, zugegeben, ich runzele gerade auch die Stirn. Erstens: Warum fällt mir das gerade heute Abend ein? Und zweitens: Was tun? Bedauern? Einen schreiben? Oder schon mal üben? Wäre doch mal was! Und vor allem die Überraschung bei dem, der ihn dann geschickt bekommt ∼°∼°∼°∼°∼°∼°∼°∼°∼°∼°∼° (Zeichen für beschwipstes Kichern). Und Ihr so?

Entweder/Oder?

Ich bewundere intelligente Menschen. Und, ja, von ferne, wenn man so will. Ich bin nicht völlig stulle, aber unter intelligent stelle ich mir was anderes vor, als das Chaos, das in meinem Kopf herrscht. Nein. Ich will nicht schmollen. Mit meiner Intelligenz komme ich schon durch. Alles im grünen Bereich. Aber so auf Intelligenz-Gipfel klimmen, ist nicht. Neulich las ich dazu etwas interessantes, dass nämlich die Bruchkante nicht intelligent – nicht-intelligent ist (sein könnte), sondern intelligent – selbstreflektiv. Das würde etwas über den Radius, bzw. Fokus sagen, in dem man sich (oder sein Denken) bewegt. Oder so als ob man durch verschiedene Brillen schaut. Hm. – Oder?

Ihr Artikel ist in der Zustellung

So war es gestern Abend online zu lesen gewesen. Ich habe den Wecker gestellt, und die Augen zugemacht. Im Traum war ich mit David Bowie im Bett. ECHT! Und dann klingelte der Wecker (07:24), und als ich mich noch an Details erinnern wollte, ich meine, David Bowie! – klingelte es an der Tür. Autsch. 07:25! Der Artikel ist nämlich etwas größer: Ein neuer Kühlschrank. Zum Glück hatte ich gestern schon so eine Eingebung, und den Weg durch den Flur freigeräumt. Schnell Wasser ins Gesicht, Schuhe an, mein Schlafzeug ist zum Glück – wie hieß es in den 90ern so schön in Kontaktanzeigen – „tageslichttauglich“, und schnell alle Hindernisse auf dem Weg zur Wohnung beseitigt. Jetzt ist der Kühlschrank da, aber David Bowie weg. Immerhin ist die Zustellung schon gelaufen. Der Tag ist viel zu schön, um auf einen Kühlschrank zu warten…

Gesund?

Als Argument gegen eine Corona-Impfung habe ich jetzt häufiger den Satz gehört: „Ich bin doch gesund. Wozu also impfen?“ hm. – ? – !

Ich bin nicht gesund. Mir wurde vor 12 Jahren die Schilddrüse entfernt. Ohne Tabletten würde ich nicht mehr leben.

Außerdem halte ich Gesundheit nicht für einen stabilen Zustand. Da kann jeden Tag Schluss mit sein.

Oder: Auch Gesunde sterben („fit in die Kiste“)

Morgendlicher Besuch

Stelle mir vor, dass das eine winzige Raumkapsel ist, in der jemand sitzt, todesmutig. – Denke weiter, wie wenig ich die Natur kenne. Selbst große Hitze oder Kälte ist in der Großstadt fast nur eine Kulisse (wenn man ein Dach über dem Kopf hat).

Meine Gretchenfrage:

Sag, wie hältst Du’s mit dem Hund?

Soll ich oder soll ich nicht? Meine Wohnung ist klein, andererseits habe ich ein hundefreundliches Büro (in Laufnähe), viele Parks rundherum (mit ausgewiesenen Hundespielplätzen) und ja, ich mag die Tiere nun mal seit ich Kind bin. Meine Mutter hatte eine Allergie, aber wahrscheinlich vor allem keine Lust – dafür hatte und habe ich bis heute Freundinnen, Nachbarn und Kollegen mit Hunden, so dass ich zumindest in der Freizeit mal einen oder zwei um mich rum habe.

Mein alter Vater ist im Moment noch davor. Ich weiß nie, wann und wie lange ich zu ihm ins Rheinland muss, ein Hund wäre da ganz klar ein Handicap. Eine Idee war schon, mir den Hund mit eine/r Nachbar/in zu teilen. Aber so richtige Begeisterungsstürme habe ich bei noch niemandem ausgelöst, und Begeisterung muss schon, zumindest am Anfang. Ein Hund wäre für mich tatsächlich ein Abenteuer. Mich auch noch einmal neu aufzustellen, denn bislang hatte ich keine Mitbewohner/innen (doch, im Büro, aber da war und bin ich jeden Abend wieder raus), und doch, ich denke, dass brächte nicht nur Ärger, sondern mehr – hm, ja mehr Radius vielleicht. Andererseits soll ein Hund kein Versuchskaninchen werden, das ich abgebe, wenn es leider doch nicht passt. Tja. Vielleicht passt es eines Tages, und ich muss nicht mehr grübeln. Das wäre natürlich am schönsten. Wie geht es Euch? Hund? Oder gar kein Interesse?

Der Hund auf dem Foto ist aus einer Malwerkstatt in Chicago. Dort sind Autodidakt/innen, die über die Werkstatt ihre Arbeiten weltweit vertreiben. Ich werde sie später noch vorstellen. Hier erst mal eine Kostprobe von Franklin Armstrong.

Ich durch andere

An der eigenen Person – Persönlichkeit zu basteln, ist ein Lebensthema. Früh fangen wir damit an, so zu sein, wie Mama uns mag, und doch anders als die Geschwister oder Papa oder wer noch alles. Im Kindergarten schauen wir uns schon Gesten ab, Sprüche, später Klamotten, Styles, Frisuren, Lektüren, Filme und, und, und. Langsam wächst ein eigener Lebenslauf mit. Aber auch hier sind oft andere involviert. Oft, ohne dass wir das groß bemerken. Wenn wir erfolgreich sind, klopfen wir gern auf die eigene Schulter, wer scheitert, nun ja.

Während der letzten Monate hatte ich viel Zeit, über mich und meine Persönlichkeit nachzudenken. Welche Versatzstücke ich verwende, wo ich so etwas wie „authentisch“ bin, wo eher abgeschaut oder imitierend. Erst jetzt aber, wo ich endlich wieder Freund/innen und Kolleg/innen und wen sonst noch wieder auf der Straße oder sonstwo begegnen kann, spüre ich, wie sehr ich durch den direkten Kontakt geformt werde. Wie sehr mich Gespräche, Witzeleien, eine gewisse Nähe, Sympathie, aber natürlich auch Konflikte und Streitereien prägen. Ich hoffe, das bleibt jetzt wieder eine Weile so. Dass ich wieder zwischen anderen weiterlebe. Denn nur das fühlt sich richtig lebendig an.