Urlaub auf dem Weg zur Arbeit

In den letzten Jahren hat Corona fast vergessen lassen, wie beliebt Kreuzberg immer noch bei Reisenden ist. Dieses Jahr treibt der Sonnenschein nicht nur Grün und Bunt aus der Erde, plötzlich sind auch wieder Menschengruppen per Rad oder zu Fuß unterwegs, um sich in der Stadt umzutun. Ach ja. Und nein. Ich will gar nicht granteln, sondern mich daran erinnern, wie schön ich wohne…

Und wer ist auch schon da? Die Schwalben!

Klunker des Alltags – reloaded

Ich fasse es selbst kaum, aber die Klunker gibt es mittlerweile seit achteinhalb Jahren. Längst nicht mehr in der anfänglichen Form, denn gestartet bin ich mit dem Anspruch, täglich zu schreiben. Als Scheitern sehe ich das nicht, obwohl ich es an vielen Tagen schade finde, vom Tag nicht noch einen Text abgeschöpft zu haben. Aber so habe ich die letzten Jahre erlebt: Es gibt Ebbe und Flut, Zeiten für etwas oder etwas anderes. Für mich gilt nicht ganz oder gar nicht. Ich laufe Langstrecke und bleibe lieber dran, als Höchstleistungen anzustreben.

Auch scheint der Kompass neu ausgerichtet. Die Klunker waren von Anfang an die Suche nach etwas. Vielleicht nach etwas Besonderem, nach Schönheit. Bestimmt auch nach Sinn. Heute sehe ich mehr die Art des Schauens selbst im Focus, als das Gesehene. Denn es geht mir um „wahre“ Bilder. Um eine „Echtheit“, die seit Jahren und Jahren und Jahren verlorenzugehen scheint, weil wir in einem konfektionierten Mainstream schwimmen, und den Mut zur eigenen Wahrnehmung immer weniger für nötig erachten. Ich schließe mich da keinesfalls aus.

Klunker des Alltags sollten Mut machen. Für die eigene Wahrnehmung und für die Schönheit eines gewöhnlichen Lebens. Wobei Mut machen am allermeisten an mich selbst gerichtet war. Heute sehe ich mich noch mehr auf der Suche nach Perspektiven oder Fragen, die gerade nicht von den Medien aufgegriffen oder überhaupt erst gemacht werden. Nach Themen jenseits der Aktualität. Nach Kleinigkeiten. Die eben Schätze, oder eben Klunker sein können, weil sie uns vom reißenden Aktualitätsstrudel ablenken. Natürlich ist Aktualität eine Wirklichkeit, die nicht vernachlässigt werden darf. Es gibt Dinge, die müssen jetzt entschieden oder bedacht sein. Aber wenn ich mich ablenken lasse, oder wenn ich meinen eigenen Bildern nicht mehr traue, läuft etwas aus dem Ruder.

Klunker sind für mich übrigens auch Überforderungen. Denn auch diese sind im Mainstream nicht mehr vorgesehen. „Überfordert Euch!“ – „gelegentlich…“ möchte ich mir als neues Motto auf die Fahnen schreiben. Es lohnt sich! Weil wir überfordert wieder einen Blick für Schönheit bekommen, der, wenn wir immer obenauf schwimmen und alles können und durchschauen, schnell verloren geht. Also doch wieder alles beieinander: Schönheit, Mut, ein vielleicht gewöhnliches, aber dafür eigenes Leben. Allen einen schönen 1. Mai!

Noch einmal KI

Im Grunde, denke ich, haben wir eine Debatte, die wir vor 10 Jahren schon hätten führen können. Denn – spätestens – damals wurde klar, dass in den meisten Fälle keine Inhalte mehr vermittelt werden sollten, sondern Texte geschrieben. Das ist ein Unterschied. Denn schon damals ging es darum, viel Text in möglichst wenig Zeit zu generieren. Prima, wer da in Modulen arbeiten kann und auch sonst wenig Skrupel bei der Genauigkeit hat. Schnellstmöglich oberflächlich haltbaren Sinn zu produzieren, und seien noch so große Luftblasen darin, ist seitdem die Aufgabe von Texter:innen. In allen denkbaren Bereichen. Längst auch im Journalismus. Dass uns darin eines Tages die KI das Wasser würde reichen können, war absehbar.

Wir sind längst an dem Punkt, an dem schwierige Inhalte, sperrige Sätze oder Gedanken als Fehler markiert und einem Publikum als unzumutbar klassifiziert werden. Nicht die KI ersetzt uns. Wir schaffen uns seit Jahren bereits selber ab. Insofern ist mir die KI in vielerlei Hinsicht egal. Entweder kann ich mich mit ihr arrangieren oder sie ersetzt mich eines Tages und mir steht vielleicht sogar die Tür zu etwas Anspruchsvollerem offen. Oder ich mache was ganz anderes. Weitgehend inhaltsfreie, dafür woke Texte zu schreiben, ist eh nicht, was mir das Leben bereichert. Ach so, ja. Die Hasen sind auch künstlich generiert. Ich hoffe, ich habe genug Rechte daran, sie hier zeigen zu dürfen…

Reminder

So gesehen gestern Abend im Maxim-Gorki-Theater. Der Satz geht auf eine Performance des 15jährigen John Cage in New York zurück.

Den Löffel abgeben

ist für mich noch eine Vorstufe zu dem, was als „ins Gras beißen“ dann wirklich die letzte Station ist. Weil, wer den Löffel abgibt, meist ja noch gefüttert werden will. Insofern scheint mir der Löffel-Verzicht ein stimmiges Bild für die Euphorie einiger, die in KI-Texten die Zukunft heraufbeschwören. Keine Frage, ich werde KI demnächst auch nutzen. Ich sehe in künstlich generierten Texten eine Möglichkeit, schneller zu schreiben. Da ich als Texterin schlecht bezahlt werde, ist mir das eine willkommene und legitime Art, zu einem besseren Stundensatz zu kommen. Wobei meine Kund*innen wahrscheinlich noch schneller sein werden, und mich gleich durch eine KI ersetzen.

Bleibt die Frage, wie ich es mit eigenen Texten halten werde. Natürlich sind die aktuell künstlich generierten Sätze oft noch als solche zu erkennen. Sie bleiben flach und, sobald ein Absatz länger wird, wiederholt sich so einiges. Von Fehlern mal ganz abgesehen. Aber Dinge ändern sich. In wenigen Jahren werden wir den Unterschied zwischen einem menschlich oder künstlich verfassten Text nicht mehr erkennen können. Oder vielleicht auch gar nicht mehr wollen.

Was aber passiert, wenn wir uns auf Maschinenfähigkeiten verlassen, wissen wir im Grunde: wir verlieren unsere eigenen Fertigkeiten. Wer kann denn heute noch – und hier folgt eine meterlange Liste von Hand- oder Kopfarbeiten, die wir verlernt haben, weil Maschinen schneller sind. Und wir – ich denke tatsächlich fälschlicherweise – diese Arbeiten als langweilig, stupide und überflüssig eingeschätzt haben. Und wer hat nicht gelegentlich schmerzlich diese Fähigkeiten vermisst. Youtube sei Dank, kann man vieles zumindest wieder lernen. Aber was, wenn kein Strom oder kein WLAN zur Verfügung steht?

Genau das ist mein Gefühl. Wenn ich mich auf die KI verlasse, habe ich es leichter: gefüttert zu werden verlangt nur noch den Mund zu öffnen und zu schlucken. Doch was passiert, wenn der Löffel plötzlich nicht mehr will. Oder ich eben keinen Spinat mehr mag, dafür aber Pfirsiche. Ein Verlust von Fähigkeiten macht mich abhängig. Abhängig von etwas, das ich nicht überblicken kann. Ob mir ein kluger Umgang mit diesem neuen Tool gelingen wird, weiß ich nicht. Möglicherweise übersteigen solche Neuerungen ein verantwortungsbewussten Umgang Einzelner. Ich werde mich zumindest darum bemühen.

Na sowas!

Neulich habe ich mir vom Schöffling&Co Verlag das Jahrbuch der Lyrik kommen lassen. Ich lese mühsam nur Gedichte. Aber seit ich mich mit Hölderlin befasst habe, ist mein Interesse geweckt. Ausserdem schreibe ich mittlerweile auch hier und da Gedichte. Für die Schublade. Und mit Vergnügen. Beraten werde ich von meinem Freund Dirk Held. Der auch Gedichte schreibt, aber nicht nur, um sie danach wieder weg zu legen. Und prompt: Im neuen Jahrbuch von 2023 wurden erstmals alle Gedichte anonym eingesendet. Damit nicht nur die großen Namen eine Chance haben. Und wen habe ich da gefunden? Meinen Freund Dirk mit einem Text, der mir sehr gut gefällt. Und der geht so:

freundschaft

ich konnte unsere zukunft sehen wir hatten alles

einen erbeuteten jägerstand als mobiles heim
beeren und wildbret die menge

wirklich
man sieht ganz anders
von einem gestohlenen jägerstand

ich konnte unsere zukunft bis weit über den tod hinaus über wiesen laufen sehen

aber du wolltest ja nicht

dir ging es nur
um das verbrechen

Dein schönster Tag

Diese Frage gibt es ja gelegentlich: Was oder wie wäre dein/ein schönster Tag? Spontan fallen mir alle besten Dinge ein, die sich dann wie in einer Nummernrevue hintereinander weg zu ereignen hätten. Aber in der Realität sind schönste Tage eigentlich die, in denen man etwas wagt, oder solche, die mit einen Haufen Überraschungen aufwarten. Insofern hatte ich heute einen schönsten Tag, als ich einen besten Start in meinen neuen Nebenjob hatte: Nur nette Leute, angenehmes Arbeiten und am frühen Abend dieses tolle Gefühl, wirklich was geschafft zu haben. Der schönste Tag des Jahres war es sicher noch nicht, aber einer, der mir in bester Erinnerung bleiben wird.

Was ist ein Tag?

Wiederholung?

Trott?

Ein Kontinuum? Oder eine Abfolge kleinerer Episoden, die durch Licht, Schatten, Gewohnheiten zu einem Ganzen zusammengefügt werden?

Ein Plus oder ein Minus?

Etwas Neues?

Fünf Dinge, die ich heute anders gemacht habe – ?

Eine neue Erkenntnis – ?

Wie viele Begegnungen, Gespräche?

Verloren, weil ich Dich nicht gesehen habe?

Kraftgewinn oder -verlust?

Eine Erinnerung wert?

Und Ihr so?