Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Wildnis

Ich war noch nie in einer echten Wildnis. Diese Erkenntnis durchschoss mich neulich, als ich Robert Macfarlanes „Karte der Wildnis“ aufschlug. Die Sache war mir deshalb so unerhört, weil ich mich von klein an für die wilden Orte der Erde interessiere. Nichts gemütlicheres konnte ich mir als Kind vorstellen, als mir von meinem Vater erzählen zu lassen, […]

Ich als Mann?

Als Kind war es ein gewagter Gedanke, mir mich als erwachsene Frau vorzustellen. Heute geht mir manchmal die noch schneidendere Frage durch den Kopf: Wie wäre ich als Mann? Das fängt ja bei Kleinigkeiten an: Welche Klamotten würde ich tragen? Würde ich rauchen? Würde ich mich für meine kleine Wohnung schämen – oder hätte ich […]

Der menschliche Geist erwache zur Wahrheit,

heißt es im Japan der Samurai-Zeit. Als Wahrheiten gelten zum Beispiel: Behalte deine brennende Liebe für dich. Erkenne die verschiedenen Momente für ein und dasselbe (hier geht es darum, einen Notfall oder einen großen Moment nicht von „den gewöhnlichen Stunden“ zu unterscheiden). Stürme kopfüber in deinen Feind. Fürchte keine Fehler. Denke scharf nach und entscheide […]

Wie aus der Müdigkeit etwas Neues wächst.

Nein. Das ist keine Anleitung. Gerade nicht mehr als eine Beobachtung. Irgendwie auch kalter Kaffee. Aber ich muss mir dauernd kalten Kaffee aufwärmen, um etwas zu kapieren. Vielleicht auch ein gewisser Verdruss gegen die gerade wieder häufig artikulierte „Urlaubsreife“. Nichts gegen Urlaube und die Sehnsucht zu reisen. Aber eine ordentliche Müdigkeit kennt den Ortswechsel nicht. […]

Freundinnen

Wann ist es soweit, fragte ich mich heute, dass eine Frau, früher ein Mädchen, die/das ich gerne treffe oder traf, zur Freundin wird? Gibt es das, die „Freundschaft auf den ersten Blick“, oder entwickeln sich solche Bindungen eher langsam? Was zeichnet diese eine (und die anderen) aus, zu Freundinnen zu werden? Wie weit werde ich […]

Das Großraumbüro

hat Nachteile, geschenkt! Aber es hat auch Vorteile: wie dieser super-coole Clubsessel, der in Berlin so manche Nacht durchgemacht und seinen Altersruhesitz in unserer Etage genommen hat. Was der erzählen könnte! Und was ich erzählen könnte! Seit Beginn meiner freiberuflichen Arbeit sitze ich gemeinsam mit anderen an großen Tischen in noch größeren Räumen – und […]

Kurioser Gesangsunterricht

Es gibt in Berlin zahlreiche Läden, deren Auslagen mich zum Grübeln bringen. Fachgeschäfte, wenn ich es genauer überlege, auch wenn hier und da Trödler gut mithalten können. Diese Platte hing gestern noch im Schaufenster eines kleinen Ladens in Neukölln: Canary Training Record. Nanu!? Gibt es eine Sportart, bei der man mit dem Gezwitscher von Meister-Kanarienvögel […]

Alptraum

Seit ich denken kann, ist Fliegen meine Sehnsucht. Um zwei Zentimeter habe ich meinen Traum, Pilotin zu werden, verfehlt. Wann immer es sich ergibt und Sinn macht, wähle ich einen Flug vor anderen Möglichkeiten. Natürlich habe ich Angst. Aber das Staunen über das, was Menschen möglich ist, bleibt größer. Der Absturz heute in Frankreich hat […]

Was macht der-die-das denn da?

Als ich das kleine Holzköpfchen sah, dachte ich gleich ans Meer. Entweder würde da jemand glücklich im warmen Sand liegen oder sich durch schäumende Wellen treiben lassen. Treiben. Getrieben werden. Sich treiben lassen. Welche Welten liegen dazwischen! Andere anzutreiben, puh. Getrieben werden, am schlimmsten noch, durch sich selbst, ein unerträglicher und geradezu unwürdiger Zustand. Sich […]

Herzlichen Glückwunsch Herr Choris, Gott hab‘ Sie selig!

Am eigenen Geburtstag zu sterben, ist schon schlimm genug – ausgerechnet an diesem Tag umgebracht zu werden – dieses Los ist selten und erscheint als böser Einfall des Schicksals: Ludwig Choris, am 22. März im ukrainischen Dnipropetrowsk geboren, wurde an seinem 33. Geburtstag in Mexiko auf dem Weg nach Xalapa von – wie es in […]