In die Luft gucken

Es gibt so Tage, da halte ich inne und schaue und schaue und schaue. Keine Uhr tickt, keine Abgabe rückt näher, kein Termin sitzt mir im Nacken oder hat mich schon wieder auf die Piste geschickt. Ich sitze und gucke. Ich könnte jetzt, aber nein. Nein. Sitzenbleiben. Gucken. Nichts denken. Am Besten auch gleich nichts fühlen. Das ist vor allem keine Langeweile. Eher ein Innehalten. Vielleicht eine Art Meditation. Ohne jegliche Absicht. Keine Zeit vertreiben, vergeuden, füllen, nutzen oder vergessen. Auf Null pegeln. Nichts mehr wollen. Niemand mehr sein. Es fühlt sich wie Trägheit an. Ist aber gleichzeitig kein schweres, sondern ein durchlässiges Gefühl. Nicht euphorisch, aber sehr bei mir. Ganz so, als wäre ich heute die Amsel, die draußen auf dem Ast sitzt. Es gibt schlimmeres.

Da hat man den Salat

Wer den Sachen auf den Grund schaut, verliert den Überblick. Und umgekehrt. Da hilft nicht mal eine Gleitsichtbrille. Aber vielleicht genug Geduld, eins nach dem anderen anzusehen.

Sehnsuchtsort Bahndamm

Das ist tatsächlich ein Relikt aus meiner Kindheit. Die Fremdheit und das Fernweh, das mich erwischt, wenn ich neben Eisenbahngleisen hergehe. Als Kind waren Gleise geheimnisvoll. Sie führten weg, waren gesäumt von merkwürdigen Zeichen und Lichtsignalen, doch natürlich trog die Stille, denn früher oder später kam ein Zug, ein leises Simmern im Eisen kündigte ihn an. Hieß es nicht auch „die Weichen stellen“, wenn es um etwas wichtiges im Leben von Erwachsenen ging? Und klar war, einmal gestellt, gab es kein Vertun. Der Zug jedenfalls würde keine eigene Entscheidung treffen können.

Ich war jedesmal ängstlich und aufgeregt, wenn ich – vor allem abends – die Gleise kreuzte, die nicht weit von unserem Haus links nach Köln und rechts nach Bonn führen. Auf den Gleisen war damals gefährlich (es gibt längst eine Unterführung) und ich hatte jedesmal das Gefühl, weggezogen zu werden, als sei hier ein unsichtbarer Sog, der mich von zu Hause entfernte, eines Tages entfernen würde, wovor ich, damals noch sehr klein, Angst hatte. An Bahndämmen wohnen manchmal Elfen, habe ich viel später in Berlin gelernt, an der Möckernbrücke soll es welche gegeben haben, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie geblieben sind – zu viele Neubauten machen zu viel Licht nach der Dämmerung. Neulich in Herford war ich auch am Bahndamm unterwegs, abends, die Stimmung war wieder so blau, so still und verheißungsvoll wie früher. Jetzt könnte etwas anderes passieren. Dachte ich als Kind. Und denke ich noch heute.

Eine Stimme aus der Dunkelheit

Es gab Zeiten in und auch nach meinem Studium, in denen ich sehr verzweifelt war. Ich wusste keinen Platz für mich in der Welt. Eine Stimme, die mich auf meinen Weg brachte – und sogar direkt zu meiner späteren Arbeit – war die von Bruno Ganz. Ich weiß nicht, wie viele Nächte ich ihn als Vorleser von Hölderlin bei mir am Bett hatte, mich an den langen Satzkaskaden festhaltend, ohne etwas zu begreifen, außer dass es da Hoffnung gab, jenseits von Effizienz oder Faktizität, beim bloßen Atmen, Denken, Träumen. Auch eine der Geschichten, die mich mit einem Schlag aus größter Einsamkeit erlöste (denn es ging ja anderen genauso), las er mir wieder und wieder vor: „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke. Heute Morgen ist Bruno Ganz gestorben, bei einem – zumindest in Berlin – so strahlenden Wetter, dass es fast noch mehr weh tat. Natürlich werde ich ihn nicht vermissen. Unsere Wege haben sich nie gekreuzt. Aber seine Stimme wird mir auf eine Art noch wertvoller sein. Ein Glück, dass es ihn gab.

Nach bestem Wissen

Ehrlich? Ich glaube kein Wort. Ich habe eine wissenschaftliche Abschlussarbeit geschrieben, wenn auch nur eine Magisterarbeit, also die „kleine Schwester“ der Dissertation. Wir sind schon im Grundstudium mit den universitären Verabredungen zum Zitieren fremder Ideen vertraut gemacht worden, denn anders, als in einem nicht-wissenschaftlichen Text sind hier Fußnoten und der Hinweis auf die verwendete Literatur zwingend. Wir haben über die Semester hinweg Hausarbeiten geschrieben, in denen wir das genaue Zitieren geübt haben. Und ja: Auch ich gehöre zum geburtenstärksten Jahrgang aller Zeiten und saß mit hunderten Kommilitonen/innen in den Vortragsräumen. Meine Professor/innen haben meine Schludrigkeiten bemerkt und angestrichen. Als ich damit begann, meine Magisterarbeit zu schreiben, wusste ich, was geht, und vor allem, was nicht geht.

Letzteres ist und war im Grunde extrem einfach: Ich darf nicht abschreiben. Oder, für die, die es so nicht verstehen: Ich darf Gedanken oder Ideen anderer Leute nicht als meine ausgeben. Da müssen ja viele ein extrem unempfindliches Gewissen gehabt haben. Zumal es im Grunde auch klar war, dass man Sachverhalte nicht nur von anderen abschreibt, sondern gefälligst paraphrasiert, um den eigenen Text nicht unnötig lang zu machen und um ganz nebenher zu zeigen, dass man das Gelesene verstanden und möglichst elegant in den eigenen Gedankenfluss einfügen kann. Mit bestem Wissen und Gewissen. Nein. Ich kann es wirklich nicht glauben. So ahnungslos konnte und kann niemand nach einem mehrjährigen Studium sein.

Zeit, umzudenken

Die Generation meiner Eltern hat sich noch mit Fug und Recht der Hetze eines Achtstundentages verwehren können. Wir denken höchstens, dass wir unter unseren Fähigkeiten bleiben.

Von wegen…

Wer sich von diesem Buch das Rezept für ein bequemes Leben erwartet, wird schnell enttäuscht werden. Denn, auch wenn die Autorin ein Leben jenseits des Geldverdienens preist, heißt das noch lange nicht, dass nichts getan werden muss. Weil: Wer nicht kauft, muss sehen, wie er oder sie die Sachen anders bekommt. Selbermachen gehört dazu, gute Netzwerke organisieren, um zu teilen oder zu tauschen, unkonventionelle Lösungen finden und immer, d.h. immer aufmerksam für Gelegenheiten sein.

Die Geschichte kam mir bekannt vor. Seit ich denken kann, muss ich sparsam leben. Ich war eine gute Weile davon sehr abgefressen, fand die Welt ungerecht und mich im Schlamassel. Ein Bürokollege, der die meiste Zeit seines Lebens mit sehr wenig Arbeitslosengeld ausgekommen war, wurde zu meiner Offenbarung, denn er führte ein sensationell aufregendes Leben fast ohne Geld. An ihm begriff ich, dass wenig Geld nicht nur ein (mieses) Schicksal, sondern auch eine (gute) Wahl sein konnte. Ich fing an, mich umzuschauen und Lebensstile von reichen, oder zumindest wohlhabenden Freund/innen oder Bekannten mit denen weniger betuchter Menschen zu vergleichen. Ich überlegte, was ich eigentlich haben wollte, womit ich schon zufrieden war, ob ich gewisse Dinge bekomme, ohne sie zu kaufen, ob es „Ersatz“ geben könnte, und so weiter.

Das hat eine gute Weile gedauert. Die großartigsten Momente stellten sich ein, wenn ich das, was ich habe, mal aus einer gewissen Entfernung betrachtete: Stets nämlich zeigte sich, dass ich viel Glück hatte bislang und – obwohl ich auf kleinem Raum lebe, sparsam und was nicht alles – im Grunde einen großen Radius für mein Leben habe. Was auch daran liegt, dass ich mich gut alleine und draußen beschäftigen kann, dass ich eine sensationelle Bibliothek vor der Nase habe, überhaupt, dass ich in Kreuzberg lebe und in Schöneberg arbeite, zwei Stadtteile, die mir gut gefallen, dass ich gerne Rad fahre und damit fast überall hin komme, dass das Berliner Umland schön ist und Second Hand Läden sowie Outlets in den letzten Jahren quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Dolly Freed, die Autorin der „Faultiermethode“ war 18, als sie das Buch schrieb. Sie schildert den Alltag mit ihrem Vater, der seinerseits beschlossen hatte, auf einen nine-to-five-Job zu verzichten. Das war in den 1970er Jahren, die beiden hatten ein heruntergekommenes Haus gekauft, renoviert und kamen mit 700 Dollar im Jahr über die Runden. Vieles lässt sich nicht 1:1 übertragen. Ich kann in Kreuzberg weder Pflanzen sammeln, um mir Salate daraus zu machen noch Fische fangen (doch, Eichhörnchen gingen, aber: Ich bitte Sie!). Es geht mir tatsächlich auch gar nicht darum, nicht mehr zu arbeiten. Aber ich habe ein großes Bedürfnis danach, aus dem Konsumalltag auszusteigen, beziehungsweise ihn weiterhin so zu meiden, wie ich das schon seit langem tue. Und das Buch gibt mir dafür gute Gründe (für Tage, an denen ich den Mut verliere oder wirklich keine Lust mehr habe), und ist zudem eine augenzwinkernde, aber dennoch ernste Auseinandersetzung mit dem, was ein „gutes Leben“ im 21. Jahrhundert sein kann. Das Buch ist – soweit ich weiß – nur noch antiquarisch zu bekommen. Aber wahrscheinlich gibt es im Internet – oder in Bibliotheken – noch genug Exemplare.