Von wegen…

Wer sich von diesem Buch das Rezept für ein bequemes Leben erwartet, wird schnell enttäuscht werden. Denn, auch wenn die Autorin ein Leben jenseits des Geldverdienens preist, heißt das noch lange nicht, dass nichts getan werden muss. Weil: Wer nicht kauft, muss sehen, wie er oder sie die Sachen anders bekommt. Selbermachen gehört dazu, gute Netzwerke organisieren, um zu teilen oder zu tauschen, unkonventionelle Lösungen finden und immer, d.h. immer aufmerksam für Gelegenheiten sein.

Die Geschichte kam mir bekannt vor. Seit ich denken kann, muss ich sparsam leben. Ich war eine gute Weile davon sehr abgefressen, fand die Welt ungerecht und mich im Schlamassel. Ein Bürokollege, der die meiste Zeit seines Lebens mit sehr wenig Arbeitslosengeld ausgekommen war, wurde zu meiner Offenbarung, denn er führte ein sensationell aufregendes Leben fast ohne Geld. An ihm begriff ich, dass wenig Geld nicht nur ein (mieses) Schicksal, sondern auch eine (gute) Wahl sein konnte. Ich fing an, mich umzuschauen und Lebensstile von reichen, oder zumindest wohlhabenden Freund/innen oder Bekannten mit denen weniger betuchter Menschen zu vergleichen. Ich überlegte, was ich eigentlich haben wollte, womit ich schon zufrieden war, ob ich gewisse Dinge bekomme, ohne sie zu kaufen, ob es „Ersatz“ geben könnte, und so weiter.

Das hat eine gute Weile gedauert. Die großartigsten Momente stellten sich ein, wenn ich das, was ich habe, mal aus einer gewissen Entfernung betrachtete: Stets nämlich zeigte sich, dass ich viel Glück hatte bislang und – obwohl ich auf kleinem Raum lebe, sparsam und was nicht alles – im Grunde einen großen Radius für mein Leben habe. Was auch daran liegt, dass ich mich gut alleine und draußen beschäftigen kann, dass ich eine sensationelle Bibliothek vor der Nase habe, überhaupt, dass ich in Kreuzberg lebe und in Schöneberg arbeite, zwei Stadtteile, die mir gut gefallen, dass ich gerne Rad fahre und damit fast überall hin komme, dass das Berliner Umland schön ist und Second Hand Läden sowie Outlets in den letzten Jahren quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Dolly Freed, die Autorin der „Faultiermethode“ war 18, als sie das Buch schrieb. Sie schildert den Alltag mit ihrem Vater, der seinerseits beschlossen hatte, auf einen nine-to-five-Job zu verzichten. Das war in den 1970er Jahren, die beiden hatten ein heruntergekommenes Haus gekauft, renoviert und kamen mit 700 Dollar im Jahr über die Runden. Vieles lässt sich nicht 1:1 übertragen. Ich kann in Kreuzberg weder Pflanzen sammeln, um mir Salate daraus zu machen noch Fische fangen (doch, Eichhörnchen gingen, aber: Ich bitte Sie!). Es geht mir tatsächlich auch gar nicht darum, nicht mehr zu arbeiten. Aber ich habe ein großes Bedürfnis danach, aus dem Konsumalltag auszusteigen, beziehungsweise ihn weiterhin so zu meiden, wie ich das schon seit langem tue. Und das Buch gibt mir dafür gute Gründe (für Tage, an denen ich den Mut verliere oder wirklich keine Lust mehr habe), und ist zudem eine augenzwinkernde, aber dennoch ernste Auseinandersetzung mit dem, was ein „gutes Leben“ im 21. Jahrhundert sein kann. Das Buch ist – soweit ich weiß – nur noch antiquarisch zu bekommen. Aber wahrscheinlich gibt es im Internet – oder in Bibliotheken – noch genug Exemplare.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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