Nach bestem Wissen

Ehrlich? Ich glaube kein Wort. Ich habe eine wissenschaftliche Abschlussarbeit geschrieben, wenn auch nur eine Magisterarbeit, also die „kleine Schwester“ der Dissertation. Wir sind schon im Grundstudium mit den universitären Verabredungen zum Zitieren fremder Ideen vertraut gemacht worden, denn anders, als in einem nicht-wissenschaftlichen Text sind hier Fußnoten und der Hinweis auf die verwendete Literatur zwingend. Wir haben über die Semester hinweg Hausarbeiten geschrieben, in denen wir das genaue Zitieren geübt haben. Und ja: Auch ich gehöre zum geburtenstärksten Jahrgang aller Zeiten und saß mit hunderten Kommilitonen/innen in den Vortragsräumen. Meine Professor/innen haben meine Schludrigkeiten bemerkt und angestrichen. Als ich damit begann, meine Magisterarbeit zu schreiben, wusste ich, was geht, und vor allem, was nicht geht.

Letzteres ist und war im Grunde extrem einfach: Ich darf nicht abschreiben. Oder, für die, die es so nicht verstehen: Ich darf Gedanken oder Ideen anderer Leute nicht als meine ausgeben. Da müssen ja viele ein extrem unempfindliches Gewissen gehabt haben. Zumal es im Grunde auch klar war, dass man Sachverhalte nicht nur von anderen abschreibt, sondern gefälligst paraphrasiert, um den eigenen Text nicht unnötig lang zu machen und um ganz nebenher zu zeigen, dass man das Gelesene verstanden und möglichst elegant in den eigenen Gedankenfluss einfügen kann. Mit bestem Wissen und Gewissen. Nein. Ich kann es wirklich nicht glauben. So ahnungslos konnte und kann niemand nach einem mehrjährigen Studium sein.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 8

    • Stephanie Jaeckel 12. Februar 2019

      Nein, kein bestimmter Fall. Es sind halt gerade wieder zwei Dissertationen von Politiker/innen in der Prüfung, und ich erinnere mich wieder an meine Studienzeit und an den großen Druck, den ich damals beim Schreiben der Arbeit empfunden habe. Bei einer Dissertation kommt ja noch dazu, dass man eigene Ergebnisse liefern muss. Eine Magisterarbeit ist im Grunde nur der Beweis, dass man wissenschaftliche Zusammenhänge referieren kann. Wenn eine These abfällt, um so besser. aber wie will man Ergebnisse liefern, wenn man nicht einmal sauber zitiert – ein Rätsel. Bei dem natürlich auch die Professor/innen eine Rolle spielen. Ich kann es nur wiederholen: mir hat nie jemand etwas durchgehen lassen. Die haben da stets sorgfältig draufgeschaut – !?

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    • Stephanie Jaeckel 12. Februar 2019

      Ich kann mir sogar vorstellen, dass es hier und da mal passiert, dass man – v.a. unter Zeitdruck – vergisst, dass noch eine Fußnote reinmuss. Oft beschäftigt man sich über Jahre mit einem Thema, da sind viele Sachen so selbstverständlich, dass – ja, dass die Quelle schon mal unter den Tisch fällt. Aber ganze Seiten abschreiben – da muss man schon ziemlich umnachtet gewesen sein…

      Gefällt 2 Personen

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