„Halte meine Augen davon ab,

nach Nichtigem zu schauen.“ Psalm 119,37

Aber was ist nichtig?

Alle paar Jahre besorge ich mir die „Losungen“ der Herrenhuter Brüdergemeinde. Es sind kurze Zitate aus der Bibel, kombiniert mit aktuellen Aussagen, für jeden Tag des Jahres ein oder zwei, die einem Anlass geben können, einen Augenblick innezuhalten, und über sich und die Welt nachzudenken, bevor der einen Alltag weitertreibt.

Zu viele Bilder. Diese Diagnose ist ein alter Zopf und aktueller denn je zuvor. Wie kann ich die Balance halten, zwischen den beiden Polen das Weltgeschehen beobachten zu wollen (und, als Zeitgenossin auch zu müssen) und meinen Blick auf das Notwendige meines Lebens zu richten, um mich nicht von eigenen Verantwortlichkeiten davonzustehlen?

Oder: Wie viel Weltgeschehen passt in einen einzigen Kopf?

Die Bilderflut abzustellen, nur weil es mir zu viel wird, geht gar nicht. Wohl eher, immer wieder ein Gleichgewicht zu suchen, zwischen dem, was an Ungeheuerlichkeiten reinkommt, und was ich – möglichst zum Besseren hin – ändern kann. Goliath und David fallen mir ein. Nicht, dass mir die beiden gerade viel Mut machen würden…

Einer hat immer Geburtstag,

heute sogar zwei: Elvis Presley und David Bowie.

Das Foto stammt aus Memphis. Ob Elvis auf einem dieser Stühle saß, ist nicht überliefert. David Bowie – da kann man nie ganz sicher sein…

Kaum ist das Sofa weg

wirkt die Wohnung wie eine fremde Landschaft. Eigentlich ganz schön. Ich saß heute eine Stunde auf einem Lesesessel, den ich mindestens ein Jahr nicht mehr – zumindest nicht zum Lesen – genutzt habe. Auch scheint mit mehr Platz auch mehr Ruhe eingekehrt zu sein (aber das bilde ich mir jetzt sicher nur ein). Tatsächlich fühle ich mich gerade fast wie zu Besuch in der eigenen Wohnung. Es ist, als müsse ich mir längst Gewohntes noch einmal neu auffalten. Ein witziges Gefühl. Wenn nur nicht diese entsetzlichen Nachrichten aus Washington kämen.

Erstens, zweitens, Fuxi!

Am Ende war es dann dort ein gelungener Wochenstart. Meine Nächte sind nach wie vor kurz, auch wenn es meinem Rücken besser geht, habe ich noch Schmerzen, vor allem wenn ich im Bett liege. Der heraufdämmernde Montag war dann auch ein Prachtexemplar seiner Art: Graues Wetter, kalter Kaffee, endloses To-Do. Aber dann packte mich doch die Neugier: Die Neue Nationalgalerie ist (erstens) fertig renoviert und steht wieder da ohne Gerüst und andere Verhüllung. Außerdem (zweitens) sind die Nachmittage schon wieder heller als letztes Jahr noch. Also raus und ja, dann siehst Du ein Kind, das wie angewurzelt da steht und auf das Feld hinter dem Zaun starrt. Genau! Da lohnt es sich fast immer, auch mal stehen zu bleiben. Und siehe, ein Fuxi. Verwackelt in der Dämmerung, aber doch so flauschig und rot, dass die Tristesse das nasskalte Weite sucht. Willkommen 2021!

Repeat

Ein Leben hat, zumindest wenn man älter wird, sehr viel mit Wiederholungen zu tun. Die letzten Dezember- und die ersten Januartage bringen diese Erkenntnis – zumindest in den letzten Jahren – immer wieder auf den Schirm. Hm.

Wiederholungen haben Vorteile. Was ich das letzte Mal vermasselt habe, kann ich dieses Mal vielleicht auf einen besseren Weg bringen.

Sie erschlagen mich regelmäßig, wenn ich schon wieder den unerfreulichen Ausgang gewählt habe.

Manchmal drohen sie, mich zu langweilen (Achtung! nix ist zweimal wirklich dasselbe, da kann das Murmeltier noch so winken)

Heikel auch, wenn ich in der Wiederholung wieder den guten Ausgang wähle – ich halte mich für clever…

Besonders schön sind mir die Fast-Wiederholungen, die Variationen. Die machen mein Leben reich. Wie ein gut gelungenes Neujahrs-Brot zum Beispiel…

Der erste Tag im Neuen Jahr

war für mich so ein bisschen wie auf Zehenspitzen laufen. Hatte ich wirklich in den letzten Wochen vergessen, dass ich ja in Berlin lebe? In Berlin! Oder denke ich daran, dass das, was ich heute mache, … aber das ist doch nur Gerede… – Besser ein Brot backen.

Wissen, was man hat

Ich gehe pro Jahr meist nur ein bis zweimal ins Kino. Keine Ahnung – ich mache es gerne, und jedes Mal denke ich, „ab jetzt gehe ich öfter hin!“ Deshalb mag es komisch klingen, wenn ich sage: Ich vermisse die Kinos. Aber doch! Ich vermisse sie!!! Allein die Möglichkeit, abends nach dem Einkauf einfach aus dem eigenen Alltag abzuhauen, und sich in eine andere (größere) Welt zu träumen, statt zu kochen oder die Wäsche zu bügeln… und also ja: Hier fehlt mir was. Und großes Indianerehrenwort: Wenn sie wieder geöffnet haben, werde ich meine Besuche verdoppeln (mindestens!) – denn vor dem eigenen Bildschirm die großen (und wenn auch nur ausgedachten) Dramen zu schauen, ist viel zu öde!

Das neue Jahr

fest im Blick (mit immer noch steifen Rücken…).

Wie immer in den letzten Dezember-Tagen lasse ich auch dieses Mal das Jahr Revue passieren. Mir fällt ein und auf: Wahrscheinlich bin ich schon von klein an auf Zukunft geeicht. Egal, wie mies der Tag war, stets setzte ich auf eine neue Chance, eine neue Gelegenheit. Immer wieder denke ich: selbst festgesetzt am Schreibtisch bin ich wohl eher eine Abenteurerin: alles, was noch kommt, erscheint mir verheißungsvoll, egal, wie dunkel der Tunnel ist, in dem ich gerade stecke. Vielleicht mag ich deshalb die Jahreswende: Neujahr ist ein definierter Schritt in die Zukunft, und auch wenn das neue Jahr nur als knapp geänderter Zahlencode daherkommt, ist es eine – zumindest auf dem Papier – sichtbare Änderung.

Dennoch schaue ich vor dem Sprung in den Januar noch einmal zurück, und staune, wie gut es das Jahr 2020 es mit mir gemeint hat. Auch hier greift offensichtlich eine meiner inneren Vorstellungen, die besagt, dass selbst böse Überraschungen nicht die schlechtesten sein müssen. Oder anders formuliert: Jeder Neustart bringt zumindest das: etwas Neues. Und manchmal entpuppt sich dieses Neue sogar als Gewinn.

Schwerer – aber für Abenteurerinnen unabdingbar – fällt mir das Setzen neuer Ziele. Ich neige zur Tagträumerei, und ja, – …aber eben auch nein. Ohne Perspektive wird es irgendwann ein Getrödel (oder es fühlt sich zumindest so an). Also überlege ich, auf welchen Stern ich Kurs halten soll für die Nummer 2021. Dreieinhalb Tage bleiben mir noch. Auf das Ergebnis bin ich gespannt…