die Wirklichkeit plötzlich
dichter wird als ein Traum.
die Wirklichkeit plötzlich
dichter wird als ein Traum.
Bilder von Gerhard Richter begleiten mich, seit ich mich für Kunst interessiere. Es gefällt mir, wie er sich weigert, zu wissen, wie es geht. Dass er unsicher bleibt, Banalität vor Bedeutung setzt und Bilder vom Rheinland malt – letzteres natürlich auch nur, weil ich ebenfalls daher komme. Wie er sich Aufgaben stellt: Zum Beispiel ein Bild zu malen, das ganz für sich steht, woraus die großformatigen Farbfeldbilder entstanden und letztlich das großartige Fenster für den Kölner Dom. „Ich mag das produzierte Geheimnis nicht“, sagt er 1993 in einem Interview mit Hans Ulrich Obrist. Auch das gefällt mir. Oder sein Hinweis, dass alle Bilder am Ende Spiegel sind. Herzlichen Glückwunsch jedenfalls zum 90sten!
Für alle, die denken, das Jahr hätte gerade erst angefangen: Es ist schon Februar! Und der Januar längst wieder Geschichte. In meiner wird er als enorm grauer Monat in Erinnerung gehen, mit einigen Neuanfängen – ich denke ans barocke Tanzen und an meine Kärtchen, die mir einen abwechslungreichen Monat beschert haben. Lustigerweise unterstrichen die jeweils gezogenen Begriffe ganz gut den jeweiligen Moment: In der ersten Woche, in der noch nicht viel los war, zog ich die „Herumtreiberin“, in der zweiten, meiner Geburtstagswoche, die „Freundin“, in der dritten war ich Kunsthistorikerin und jetzt, auf der Kippe zum Februar bin ich „Tier“. Eine echte Herausforderung! Ich bin gespannt, welche Facetten ich in den nächsten Tagen aus mir heraus bringe. Vielleicht einfach nur den Drachen, darin habe ich schließlich noch nicht so viel Erfahrung…
Frage ich mich – und ob es irgendwann wirklich zu viel wird? Ansonsten ist heute wieder Kärtchenwechsel. Von der Kunsthistorikerin werde ich zum Tier. Mal sehen, was die Woche so bringt…
So stöhnte Anfang des 20. Jahrhunderts Museumsdirektor Max Sauerlandt über seinen Job, beziehungsweise die Absicht, „sein“ Museum, die Moritzburg in Halle, zu einer Schule des Sehens zu machen.
Ja. Bleibt schwierig. Zumal das Sehen heute abgekoppelt von der Realität stattfindet – zumindest zu einem Großteil der Zeit. Wir sehen alles Mögliche und mittlerweile auch Unmögliche auf dem Bildschirm und haben Schwierigkeiten, unsere Augen danach wieder an unsere Realitäten zu adaptieren.
Mit meiner Freundin Barbara habe ich zudem neulich – mal wieder – über die mangelnde Ausbildung eines Geschmacks gesprochen. Denn natürlich lebt es sich mit schlechtem (oder gar keinem) Geschmack auch, aber vielleicht unzureichender. Es ist wie bei anderen Dingen: Wer die Regeln kennt, kann sie brechen. Wer sie nicht kennt, kann sich möglicherweise nicht orientieren oder einen Standpunkt finden.
Wie ist es bei Euch? Findet Ihr Geschmack wichtig, vielleicht sogar im umfassenden Maß als Bildung des gesamten Menschen? Oder ist Geschmack einfach nur ein zusätzliches Können oder gar eine Art „Hobby“ bestimmter Leute? Wenn ich daran denke, wie glücklich mich schöne Dinge machen, möchte ich meinenen, dass Geschmack und/oder Sensibilität für Visuelles ein ganz wesentlicher Teil des Lebens ist. Und zwar, egal wie nutzlos das Ganze bleibt. Aber – echt jetzt?
Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, dass sich mein Leben – und nein, noch konkreter: dass ich mich – noch einmal verändere. Ich habe lange darüber nachgedacht. Es ist, als ob sich eine neue Person aus mir herausschält, fast wörtlich, ich hatte hier schon erwähnt, dass ich letztes Jahr ein paar Kilos losgeworden bin und sie, bislang zumindest, auch nicht wieder (unfreiwillig) drauf gepackt habe. Ich musste (und zwar mit größtem Vergnügen) viele neue Klamotten kaufen, habe Second Hand Kleidung für mich entdeckt, und bin bei einem neuen (wenn auch in gewisser Weise alten) Style gelandet.
Gestern kam mir dazu eine Idee. Sie ist vielleicht für Menschen, die sich in ihrem Leben „richtig“, das heißt mit allen möglichen und vor allem unmöglichen Folgen outen mussten beziehungsweise wollten, schräg, oder auf den ersten Blick unpassend und anmaßend. Das bitte ich zu entschuldigen. Meine Vorstellung eines Coming out habe ich von queeren Menschen, ich möchte ihre Vorstellungen nicht einfach auf mich übertragen, habe aber bislang keine eigene Blaupause für das, was ich erlebe.
Ich bin das, was man eine Cis-Frau nennt. In Deutschland großgeworden, war das zum einen eine ganz gute Startbedingung, wenn man jedoch näher hinschaut, Quell etlicher Demütigungen und Benachteiligungen. Ich möchte das ganze Dilemma hier nicht ausmalen. So viel nur: Ich habe mich als Frau meist geschämt und versucht, mein Geschlecht so gut es ging, zu verstecken. Dann kamen die Wechseljahre.
Interessanterweise erlebte ich sie, die ja traditionell in unserer Gesellschaft als mindestens „schwere Zeiten“ für Frauen (oder gar als Ende des „aktiven“ Frauseins) gewertet werden, als Befreiung. Auch hier ganz konkret als Befreiung von den über Jahrzehnte mit voller Härte zuschlagenden Regelschmerzen, der dazugehörigen Migräne, den Stimmungsschwankungen. Mit 52 war ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit weitgehend schmerzfrei. Das war ein neues Leben. Und es war nicht nur der Wegfall von etwas, sondern ein Zuwachs: ich hatte mit einem Mal einen Körper.
Zuerst habe ich ihn wohl im Wasser entdeckt. Ich fing nach Jahrzehnten wieder an, schwimmen zu gehen, und siehe da: Dieser Körper kann was. Und fühlt sich tatsächlich im Wasser pudelwohl. So als hätte ich mein zu Hause wieder gefunden. Das fühlte sich nicht nur gut an, das fühlte sich überhaupt erst an, nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, meinen Körper (wohl wegen der ganzen Schmerzen) lieber erst gar nicht mehr wahrzunehmen.
Auch hier will ich jetzt gar nicht den ganzen Weg nachzeichnen. Es geht so schon ein paar Jahre. Mit dem Abnehmen kam dann aber noch etwas Neues dazu: Meine Lust daran, mich als Frau zu fühlen. Dass es in einem Moment dazu kommt, wo ich – traditionell gesehen – zum alten Eisen gehöre, überrascht mich. Und ist vielleicht auch als Feigheit zu verstehen, weil ich jetzt weniger angreifbar bin, als noch vor, sagen wir, 10 Jahren. Aber es ist tatsächlich so, dass ich mich zum ersten Mal im Leben als ganze Frau erlebe. Ich entspreche nach wie vor keinen Idealen, ich bin nicht perfekt, aber ich gefalle mir, und ich möchte mich zeigen (nicht ausstellen oder in den Vordergrund spielen). Es ist ein Gefühl, wie in der Welt angekommen zu sein.
Interessant finde ich genau dieses Zeigen-Wollen. Zuerst war es wieder mit Scham besetzt und von Sticheleien begleitet: Meine Lust, Klamotten zu kaufen, wird in meinem Umfeld als Modefimmel (im besseren Fall) wahrgenommen, belächelt und manchmal auch hämisch kommentiert. Es ist ein überflüssiger Spleen, nicht nachhaltig, nicht besonders erwachsen. Klamotten kaufen ist tatsächlich so etwas wie das Letzte. In meinem Umfeld sammelt man, fährt in Urlaub oder kauft Bücher. Na gut, das ist jetzt auch gehässig, macht die Lage aber klarer. Aber ich begreife auch langsam etwas, was ich von Menschen der LSBTQIA+-Community lerne: ich bin mein Körper. Natürlich nicht nur. Aber ich habe ihn, mich als Person auf diesem Planeten auszudrücken und zu zeigen. Und ich habe verdammt noch mal auch ein Geschlecht. In diesem Fall mein biologisches. Endlich, endlich bin ich mal nicht mehr nur mein Kopf, oder die Person, die sich als Frau versteckt, um nicht gedemütigt zu werden, sondern die Frau-Person, die ich bin und tatsächlich auch sein möchte.
Was daraus erwächst, wie – und wie anders – ich so leben werde, kann ich noch nicht einschätzen. Das Foto habe ich ausgewählt, weil es ein ganz normales Kleid zeigt, dass ich mich bis vor ein oder zwei Jahren nicht zu tragen getraut hätte.
Die nächste Woche des nicht mehr ganz so jungen Jahres fängt an, und ich kann über meine „Vorsatz-Maschine“ von Silvester schon etwas berichten. Kärtchen müssen dazu am Anfang jeder neuen Woche gezogen werden, darauf ein Aspekt von mir, den ich die nächsten 7 Tage besonders berücksichtigen möchte.
Meine Idee ist dabei vielleicht viel weniger „vorsätzlich“ als Silvester-Vorsätze gemeinhin erwarten lassen. Denn der Schwerpunkt liegt bei mir stärker auf dem „berücksichtigen“ denn auf dem „erledigen“ oder „machen“. Wobei es natürlich auch nicht um Nicht-Machen geht. Was ich meine:
Letzte Woche war ich Leserin. Pfff, der Arbeitsstress geht los, lesen ist da nicht gerade „first choice“. Aber eben. Ich bin also mal zur Apotheke gegangen, um mir Augentropfen zu besorgen. Damit kann ich jetzt zumindest wieder lesen, auch abends, wenn es dunkel ist. Fetter Pluspunkt. Ohne dass auch nur ein Buch in meiner Hand lag.
Nächster Move: Freund*innen fragen, was sie so lesen. In die Bücherei gehen, in den Buchladen. Nicht zuletzt eigene Bücher aus dem Regal fischen. Das ergaben 6 Bücher neben meinem Bett: Maximilian Wied-Neuwied, Reise nach Brasilien, Gianna Molinari, Hier ist alles noch möglich, Shakespeare, Richard III., Kleist, Die Marquise von O, Esther Kinsky, Hain, Joseph Conrad, Jugend.
Nein! ich habe keins der Bücher ausgelesen. An der Front ist also komplette Flaute. Aber. Was ein Gewinn. Die ganze Breitseite von Literatur wieder zu spüren. Ich habe letzte Woche schlicht und ergreifend gemerkt, was ich mir vorenthalte, wenn ich nicht lese. Insofern. Ich bin zufrieden. Die Karte für diese Woche ist pfffffffffff – auch nicht so chic. Ich werde berichten…
Es war die ewige Enttäuschung. Januarkinder hinken im Chinesischen Kalender hinterher. Sie sind die Schlusslaterne des vorigen Jahres, der und die Letzte, der oder die die Tür leise, oder mit einem festen Wumms! zumacht.
Aber es gibt ja nicht nur China. In Japan, traditionell westlicher orientiert, beginnt das neue Jahr im Januar. Und also: Aus dem Hasen wird ein Drache! Oder zumindest ein Halbzeitdrache, weil es China am Ende natürlich doch noch gibt.
Natürlich bleibt es ein Gewinn, Hase zu sein: Er ist das glücklichste Tierzeichen und flauschig, klug und ein Meister im rennen und Haken schlagen. Aber es bleibt dabei, Drachen sind einfach der Hauptgewinn. Was soll ich sagen? Ich fühle mich auch gleich viel stärker… Jetzt muss ich nur noch lernen, wie man Feuer spuckt…
Es gibt Freundschaften, Lieben, die mit einem lauten, völlig unerwarteten Knall enden. Spektakulär, bodenlos.
Sie reißen Löcher tiefer Enttäuschung. Manchmal ziehen sie auch Gräben durch die sozialen Landschaften.
Und dann verblassen sie. Schnell und restlos.
Nicht schön. Aber tröstlich.