Die schwere Kunst des Sehens

So stöhnte Anfang des 20. Jahrhunderts Museumsdirektor Max Sauerlandt über seinen Job, beziehungsweise die Absicht, „sein“ Museum, die Moritzburg in Halle, zu einer Schule des Sehens zu machen.

Ja. Bleibt schwierig. Zumal das Sehen heute abgekoppelt von der Realität stattfindet – zumindest zu einem Großteil der Zeit. Wir sehen alles Mögliche und mittlerweile auch Unmögliche auf dem Bildschirm und haben Schwierigkeiten, unsere Augen danach wieder an unsere Realitäten zu adaptieren.

Mit meiner Freundin Barbara habe ich zudem neulich – mal wieder – über die mangelnde Ausbildung eines Geschmacks gesprochen. Denn natürlich lebt es sich mit schlechtem (oder gar keinem) Geschmack auch, aber vielleicht unzureichender. Es ist wie bei anderen Dingen: Wer die Regeln kennt, kann sie brechen. Wer sie nicht kennt, kann sich möglicherweise nicht orientieren oder einen Standpunkt finden.

Wie ist es bei Euch? Findet Ihr Geschmack wichtig, vielleicht sogar im umfassenden Maß als Bildung des gesamten Menschen? Oder ist Geschmack einfach nur ein zusätzliches Können oder gar eine Art „Hobby“ bestimmter Leute? Wenn ich daran denke, wie glücklich mich schöne Dinge machen, möchte ich meinenen, dass Geschmack und/oder Sensibilität für Visuelles ein ganz wesentlicher Teil des Lebens ist. Und zwar, egal wie nutzlos das Ganze bleibt. Aber – echt jetzt?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 12

    • Stephanie Jaeckel 28. Januar 2022

      Ach so, da war ich wohl missverständlich. Ich schreibe hier nicht über Mode. oder Kleidergeschmack. Mode ist tatsächlich nicht per se „guter Geschmack“, sondern ein Spiel mit Geschmack und – seit Mitte des 20. Jahrhunderts – zunehmend mit schlechtem Geschmack oder Minderheiten-Outfits. Geschmack per se ist für mich Ästhetik, die sich zu einem Teil tatsächlich an bestimmten Grundsätzen orientiert (Farbenlehre, Geometrie, etc.), aber auch mit Kultur und Sehgewohnheiten zu tun hat. Insofern geht es bei Geschmacksbildung eben auch und unbedingt um die Frage, wer diese Gewohnheiten prägt. Geschmack ist immer ein Zeichen für Distinktion und damit ein Merkmal von Elitenbildung. Das gehört getrennt, bzw. umgekehrt, mitgedacht.
      Ansonsten, doch: ich nehme von Menschen, die keinen Geschmack vorweisen können, keine Kritik in dieser Hinsicht an. Ich akzeptiere immer, wenn jemand sagt: Mir gefällt das nicht. Aber wer zu mir über meine Einrichtung, Kleidung, Musik oder kunsthistorische Einschätzung sagt, das sei geschmacklos, muss sich umgekehrt gefallen lassen, dass ich sein oder ihr Urteil ob mangelnder Geschmackssicherheit nicht annehme.

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      • Xeniana 28. Januar 2022

        Ich hatte mal so ein Erlebnis mit blauen Strümpfen zu schwarzer Hose. Mir wurde vorsichtig gesagt dass man so etwas nicht trägt. in eine Geschichte eingepackt. Ich hab dann gefragt warum denn pinke Socken, emoji Socken usw. alles geht aber blau zu schwarz nein. Schwarz zu blau ja. Ich sinniere heute noch darüber.

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        • Stephanie Jaeckel 29. Januar 2022

          Das war Karl Lagerfeld in einer Talkshow. Ich schätze ihn als Modedesigner, wenn auch nur in der Haute Couture. Ansonsten war er ein Dampfplauderer, wenn auch ein kluger, der seine Oma für eine Pointe gegeben hätte. Die Strümpfe bezogen sich übrigens auch nur auf Herren: Für ihn war es ein kardinaler Fehler, zu schwarzen Anzug-Hosen blaue Strümpfe zu tragen. Das hatte dann auch mehr mit dem Anzug zu tun, als mit der Farbe, weil umgekehrt, schwarze Socken zu Jeans: Kein Problem. Hat er später aber auch widerrufen. Wie seinen Hass auf Jogginganzüge. Für die gab es dann, und das war wirklich witzig, eine ganze Kollektion. Also immer dran denken: Mode ist saisonal wie nix. Da gelten Regeln allerhöchstens ein paar Jahre… 😉

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    • Stephanie Jaeckel 28. Januar 2022

      Wie alles beim Geschmack, ist auch das eine schwierige Frage. Ja. Essen ist ein gutes Beispiel. Wir lieben von Kind an Süßes, verabscheuen Bitterkeit und schreien, wenn es zu salzig ist oder zu scharf (im Großen und Ganzen, da gibt es immer Ausnahmen). Wer aber ein Gourmet wird, muss über Jahre seinen Geschmack trainieren, und die verschiedendsten Gerichte, Kombinationen etc. ausprobieren und sich dran gewöhnen. Das einfachste Beispiel ist sicher Käse. Fast alle Kinder fangen (bei uns) mit Gouda an. Schimmelkäse kommen dann erst später dran oder diejenigen, die bis zum Himmel stinken. Mainstream umgekehrt ist überhaupt kein Geschmack. sondern nur der kleinste gemeinsame Nenner. Geschmack hat eben was mit Kennerschaft zu tun, mit Wissen also und mit einer dicken Portion Erfahrung. Und auch hier bleibt einem immer auch der ganz persönliche Geschmack, die subjektive Wahrnehmung, die sagen darf: Das schmeckt oder das gefällt mir nicht, auch wenn ich verstehe, wie gut die Sache arrangiert ist.

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  1. Carlie 29. Januar 2022

    Für mich war Geschmack, also ästhetisches Empfinden, immer ganz selbstverständlich Teil des Lebens und eine immer zunehmende Bereicherung, ein Gesprächsthema, etwas, wozu man Meinung und Urteil haben – muss? Jetzt lebe ich mit jemandem zusammen, der dafür keinen Sinn hat. Es ist interessant, mich aus der bisherigen Selbstverständlichkeit herauszubewegen, aber ich begreife auch immer noch nicht, wie einem dieser Sinn komplett abgehen kann. Eigentlich möchte ich sagen, dass ein geschulter Geschmack zum Menschsein dazugehört, frage mich aber gleichzeitig, ob das nicht ganz schön anmaßend ist (aber verpasst man ohne nicht einen Haufen wundervoller Dinge, Erlebnisse, Gefühle?). Schwierig.

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    • Stephanie Jaeckel 29. Januar 2022

      Ja, ich glaube, das geht mir genauso. Ich hatte schon als Kind einen ausgeprägten Geschmack. Wenn da was nicht passte, konnte ich krawallig werden. Das war einfach wichtig, dass – was auch immer – zueinander passte. Und auch ich lernte erst später Menschen kennen, die sich um Geschmack nicht kümmern, oder ihn gar nicht erst bemerken. Menschen, denen es völlig schnuppe ist, was sie essen zum Beispiel. Oder die ihre Wohnungen einrichten als wären es Warenlager und eben kein zu Hause. Oder die überhaupt keinen Sinn für ihre Kleidung haben. Du beschreibst ganz schön, wie verwirrend das für jemanden ist, der Geschmack, hm, sagen wir, irgendwie zum Leben braucht. Ich weiß zum Beispiel noch, wie ich als junge Frau in manchen Museen heulend vor Bildern stand, weil mich ihre Schönheit so erschütterte. Und wie mich diese – und natürlich auch andere Bilder – in schweren Zeiten davor retteten, den Mut zu verlieren. Damit bin ich natürlich kein besserer Mensch. Ich kenne auch Leute, die auf einem Gebiet einen wirklich komplexen Geschmack haben, auf anderen dagegen gar nicht. Offensichtlich gibt es alle möglichen Mischungen. Ohne Schönheit wäre es in meinem Leben ganz schön kalt. Aber vermutlich gibt es ganz andere Schönheiten, die mir als Ästhetin verborgen bleiben.

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