Coming out

Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, dass sich mein Leben – und nein, noch konkreter: dass ich mich – noch einmal verändere. Ich habe lange darüber nachgedacht. Es ist, als ob sich eine neue Person aus mir herausschält, fast wörtlich, ich hatte hier schon erwähnt, dass ich letztes Jahr ein paar Kilos losgeworden bin und sie, bislang zumindest, auch nicht wieder (unfreiwillig) drauf gepackt habe. Ich musste (und zwar mit größtem Vergnügen) viele neue Klamotten kaufen, habe Second Hand Kleidung für mich entdeckt, und bin bei einem neuen (wenn auch in gewisser Weise alten) Style gelandet.

Gestern kam mir dazu eine Idee. Sie ist vielleicht für Menschen, die sich in ihrem Leben „richtig“, das heißt mit allen möglichen und vor allem unmöglichen Folgen outen mussten beziehungsweise wollten, schräg, oder auf den ersten Blick unpassend und anmaßend. Das bitte ich zu entschuldigen. Meine Vorstellung eines Coming out habe ich von queeren Menschen, ich möchte ihre Vorstellungen nicht einfach auf mich übertragen, habe aber bislang keine eigene Blaupause für das, was ich erlebe.

Ich bin das, was man eine Cis-Frau nennt. In Deutschland großgeworden, war das zum einen eine ganz gute Startbedingung, wenn man jedoch näher hinschaut, Quell etlicher Demütigungen und Benachteiligungen. Ich möchte das ganze Dilemma hier nicht ausmalen. So viel nur: Ich habe mich als Frau meist geschämt und versucht, mein Geschlecht so gut es ging, zu verstecken. Dann kamen die Wechseljahre.

Interessanterweise erlebte ich sie, die ja traditionell in unserer Gesellschaft als mindestens „schwere Zeiten“ für Frauen (oder gar als Ende des „aktiven“ Frauseins) gewertet werden, als Befreiung. Auch hier ganz konkret als Befreiung von den über Jahrzehnte mit voller Härte zuschlagenden Regelschmerzen, der dazugehörigen Migräne, den Stimmungsschwankungen. Mit 52 war ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit weitgehend schmerzfrei. Das war ein neues Leben. Und es war nicht nur der Wegfall von etwas, sondern ein Zuwachs: ich hatte mit einem Mal einen Körper.

Zuerst habe ich ihn wohl im Wasser entdeckt. Ich fing nach Jahrzehnten wieder an, schwimmen zu gehen, und siehe da: Dieser Körper kann was. Und fühlt sich tatsächlich im Wasser pudelwohl. So als hätte ich mein zu Hause wieder gefunden. Das fühlte sich nicht nur gut an, das fühlte sich überhaupt erst an, nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, meinen Körper (wohl wegen der ganzen Schmerzen) lieber erst gar nicht mehr wahrzunehmen.

Auch hier will ich jetzt gar nicht den ganzen Weg nachzeichnen. Es geht so schon ein paar Jahre. Mit dem Abnehmen kam dann aber noch etwas Neues dazu: Meine Lust daran, mich als Frau zu fühlen. Dass es in einem Moment dazu kommt, wo ich – traditionell gesehen – zum alten Eisen gehöre, überrascht mich. Und ist vielleicht auch als Feigheit zu verstehen, weil ich jetzt weniger angreifbar bin, als noch vor, sagen wir, 10 Jahren. Aber es ist tatsächlich so, dass ich mich zum ersten Mal im Leben als ganze Frau erlebe. Ich entspreche nach wie vor keinen Idealen, ich bin nicht perfekt, aber ich gefalle mir, und ich möchte mich zeigen (nicht ausstellen oder in den Vordergrund spielen). Es ist ein Gefühl, wie in der Welt angekommen zu sein.

Interessant finde ich genau dieses Zeigen-Wollen. Zuerst war es wieder mit Scham besetzt und von Sticheleien begleitet: Meine Lust, Klamotten zu kaufen, wird in meinem Umfeld als Modefimmel (im besseren Fall) wahrgenommen, belächelt und manchmal auch hämisch kommentiert. Es ist ein überflüssiger Spleen, nicht nachhaltig, nicht besonders erwachsen. Klamotten kaufen ist tatsächlich so etwas wie das Letzte. In meinem Umfeld sammelt man, fährt in Urlaub oder kauft Bücher. Na gut, das ist jetzt auch gehässig, macht die Lage aber klarer. Aber ich begreife auch langsam etwas, was ich von Menschen der LSBTQIA+-Community lerne: ich bin mein Körper. Natürlich nicht nur. Aber ich habe ihn, mich als Person auf diesem Planeten auszudrücken und zu zeigen. Und ich habe verdammt noch mal auch ein Geschlecht. In diesem Fall mein biologisches. Endlich, endlich bin ich mal nicht mehr nur mein Kopf, oder die Person, die sich als Frau versteckt, um nicht gedemütigt zu werden, sondern die Frau-Person, die ich bin und tatsächlich auch sein möchte.

Was daraus erwächst, wie – und wie anders – ich so leben werde, kann ich noch nicht einschätzen. Das Foto habe ich ausgewählt, weil es ein ganz normales Kleid zeigt, dass ich mich bis vor ein oder zwei Jahren nicht zu tragen getraut hätte.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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