Dem Gegenüber einen schlechten Geschmack zu attestieren, gehört zu dem stärksten Tobak, den man im Streit verteilt. Jedenfalls sind – so mein Freund Tomas – die meisten von uns schwer getroffen, wenn sie als Geschmacksbanausen beschimpft werden.
Warum das so ist? Geschmack berührt. Wenn ich etwas schön finde, durchfährt es mich bis ins Herz und in die Knochen. Dinge können hübsch sein, funktional, schlicht oder eben üppig, aber Schönheit trifft uns ins Mark. Dem eigenen Herz oder den eigenen Knochen Fehlurteile anzumaßen (von außen), geht uns an den Kragen. Und macht uns sauer, weil wir uns missachtet fühlen. „Ich finde das nun mal schön“, ist oft die beleidigte Reaktion. Verständlich, aber nicht genug.
Dass Geschmack, was das Kulinarische angeht, und Geschmack in ästhetischer Hinsicht, nah beieinander liegen, erklärt Voltaire in der Encyclopédie (1751) damit, dass beide reflexhaft sind, also die Urteile schneller gefällt werden, als dass sie durchdacht werden könnten. Dennoch, darauf macht Voltaire auch gleich im folgenden Absatz aufmerksam, beruhen beide auf Erfahrung. Geschmack wird erlernt.
Interessant ist dabei, dass es für ihn mit Schönheit so ist wie mit dem Ruf und seinem Echo. Die Schönheit zieht den Guten Geschmack (und erzieht ihn gleichermaßen), während allerdings nicht das Hässliche den Schlechten Geschmack im Schlepptau hat, sondern im Gegenteil: der Schlechte Geschmack ist ein fehlgeleiteter Guter Geschmack. Es ist ein „geistiger Mangel“, wie Voltaire es formuliert, „der zu einem verkehrten Geschmack führt“ (und man ahnt schon hier, warum die meisten von uns beleidigt sind, wenn ihr Geschmack abgelehnt wird). Schlechter Geschmack ist dabei für Voltaire der Gefallen an zu scharfen und gesuchten Gewürzen beim Essen, an zu ausgeklügelten Zierden in der Kunst. Das Natürliche sei die Basis jeglicher Schönheit, so sein Credo, aber es brauche natürlich viel Zeit, den Geschmack auszubilden.
Von der Laune hebt sich der Geschmack durch seine unwillkürliche Feststellung ab. Mir kann heute etwas gefallen, das ich morgen nicht mehr haben möchte. Sie hängt an Moden, aber nicht am Schönen an sich. Ein interessanter Gedanke ist übrigens, dass Voltaire sich vorstellt, Künstler kämen nach einer gewissen Zeit auf Abwegen, weil das Schöne, über Jahrzehnte produziert, neues fordert und eben jene Künstler dazu verleitet, Neues auszuprobieren:
„Es liegt zwar ein gewisses Verdienst in ihren Bemühungen; dieses Verdienst bemäntelt ihre Fehler, das Publikum, das auf Neuartiges erpicht ist, läuft ihnen nach; doch wird es ihrer bald überdrüssig & es treten andere auf, die sich ihrerseits bemühen, zu gefallen; sie entfernen sich noch weiter von der Natur als die ersten. So geht der Geschmack verloren, man sieht sich von neuartigen Dingen umgeben, die einander schnell ablösen; (…)“
Ein Zitat, das zeigt, dass die Vorstellung von der Avantgarde älter ist, als wir gemeinhin denken, aber dass sie eben erst im 20. Jahrhundert ihre Chance bekam – was mit den Augen Voltaires einen Drift in die Geschmacklosigkeit bedeutete.
Was mir daran wichtig erscheint: Geschmack ist nicht nur intellektuell, sondern auch gefühlt. Das Schöne berührt uns, wir schätzen es aus einem Reflex heraus, der sich allerdings im Laufe des Lebens verfeinern lässt. Guter Geschmack orientiert sich an den „ewigen Werten“, schlechter Geschmack läuft Moden nach. Voltaire geht übrigens noch weiter und öffnet die Kategorie des „Verdorbenen Geschmacks“, der darin bestehe „Gefallen an Sujets zu finden, über die rechtschaffene Geister empört sind“. Nicht zuletzt, für den Guten Geschmack braucht es ein gewisses Maß an Empfindsamkeit. Die Kenntnisse kommen dann hinzu. Und, wie Voltaire ebenfalls – und rigoros – schreibt:
„Es gibt allerdings auch kalte Seelen & unreine Geister, die man weder begeistern noch berichtigen kann; mit ihnen soll man aber nicht über den Geschmack streiten, weil sie keinen haben.“










