Schönheit und guter Geschmack

gehen zusammen – oder? Nicht. Hässlichkeit ist ohne guten Geschmack nicht zu erkennen? Als ich Romanistik studiert habe, verfolgte mich der „bon goût “ durch das gesamte 18. Jahrhundert. Da nämlich fragten sich die französischen Leserinnen und Leser, was der gute Geschack denn sei, woran man ihn erkenne, ob er zu erlernen oder auch wieder zu verlieren sei. Die Frage ist, soweit ich weiß, nie eindeutig geklärt worden. Vielleicht auch, weil sich die Umstände, die Schönheiten und die Geschmäcker verändern, denn festzumachen sind weder die bewunderten Dinge selbst noch die Kriterien, nach denen sich Geschmack und Wohlgefallen richten.

Dass die Geschmacksfrage gerade wieder hochgespült wird – ist wirklich Trumps erstaunliche Frisur schuld? Oder kommen wir in die Klemme, je weiter der Konsumrausch uns umspült. Wo schöne Dinge nicht mehr unbedingt exquisit sein müssen, weil sie reproduzierbar geworden sind? Wo Geschmacksfragen nicht mehr Konsens bilden, sondern Meinungen? Guter Geschmack ist vom Kontext abhängig. Es gibt ebenso oft guten Geschmack im schlechten, wie schlechten im guten. Was auch bedeutet, dass guter Geschmack nicht vorhersehbar ist (und wer ein feines Ohr hat, kann möglicherweise völlig farbenblind sein, etc.). Wo guter Geschmack vom Wunsch zu repräsentieren übertönt wird, kippt er. Und wer in Geschmacksfragen konkurriert, hat wahrscheinlich oft bei besonders schönen Dingen schlechte Laune. Es gibt einen individuellen guten Geschmack, denn Distinktion wirkt hier vor allem anderen. Aber es gibt auch kollektive Massstäbe, aber wer setzt sie? Ich weiß, die Fragen sind alt. Aber. Habt Ihr Antworten? Oder überhaupt einen festen oder einheitlichen Geschmack?

 

Filed under: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

    • Stephanie Jaeckel 26. November 2016

      Ja, wo kommt er her? Immer nur von oben, wie Bourdieu vermutete? Es gibt ja auch Gegenkulturen von unten, Punk war so eine. Guter Geschmack wurde absichtlich unterlaufen und ist mittlerweile um eben jene Punk-Ästhetik erweitert (gewaschen und gebügelt natürlich). Keine Ahnung. Normativ ist der „offizielle“ Gute Geschmack auf jeden Fall. Aber vielleicht gibt es ja auch noch einen anderen. Ich bleibe auf der Suche.

      Gefällt 1 Person

    • Stephanie Jaeckel 26. November 2016

      Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Stil hat man aktiv und zeigt ihn selbst, guten Geschmack hat man auch, aber eher im Urteil, d.h. passiv. Der französische Gute Geschmack bezieht sich von Anfang an (bzw. bei Montesquieu) auf beides: Essen und Literatur, dazu auch noch auf die Philosophie. Ich hoffe, in den nächsten Tagen darüber noch ausführlicher schreiben zu können. Danke für die Anregung!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s