Improvisieren

Ich war noch nicht geboren, da gab es schon einen Begriff für die Art, wie ich mein Erwachsenenleben führen würde. In seinem Buch „Das Wilde Denken“ führt Claude Lévi-Strauss 1962 den Begriff der „Bricolage“ ein, um das Gegenteil eines planenden, „professionellen“, aber auch konformen Problemlösens zu beschreiben. Ursprünglich war es wohl als Begriff für den Weltzugriff der Naturvölker gedacht, wo es um die konkrete Lösung von Aufgaben geht. In der westlichen Tradition geht eine Konstruktionsphase der Ausführung voraus, erst das Werkzeug, dann die Arbeit. Während Ausführung und Konstruktion im wilden herum Improvisieren ineinander übergehen. Der Ingenieur benutzt die „richtigen“ Werkzeuge, für den Bastler gibt es keinen unangemessenen Gebrauch von Objekten (und wer jetzt an Heimwerker denkt, liegt wahrscheinlich gar  nicht so falsch). Dass Bricolage nicht ganz dasselbe ist wie Improvisation möchte ich nur anmerken, nicht weiter ausführen (Ihr wisst schon, der Spül…).

Was mich überrascht, wie gut der Begriff für eine Lebensweise zu gebrauchen ist, die sich von dem gängigen Konsumrausch abzuwenden sucht. Elemente umdeuten, mit dem zu leben, was da ist, neue Bedeutungen/Kontexte finden, aus festgeschriebenen Mustern ausbrechen, nichts Neues, sondern zufällig Entdecktes verwenden, den Dialog mit den Elementen suchen, Spezifikationen aufweichen, Dinge schaffen, die mit nichts zu vergleichen sind, und damit aus einem gängigen Normsystem fallen. Dilettieren auf allen möglichen Ebenen. Ein harmloser Rückzug in die private Bastelidylle? Im schlimmsten Fall. Ansonsten vielleicht eine Möglichkeit, einem völlig durchgestylten Leben zu entkommen. Dinge am Laufen zu halten, ohne es besser oder noch besser zu machen. Sich selbst im eigenen Tun wieder zu finden. Ach, was weiß ich?

Zum Foto: Aber auch Bricoleur und Bricoleuse finden passgenaue Lösungen…

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 9

    • Stephanie Jaeckel 18. November 2016

      Ja, das kommt ganz gut mit dem Gefühl zusammen, das ich beim Schreiben oft habe. Denn es sind ja keine „festen“ Texte, die ich poste, sondern Improvisationen, von denen ich im Schreiben sehe, wohin sie führen. Das geht schon mal nach hinten los oder nicht besonders weit, aber es sind trotzdem immer Exkurse ins Unbekannte, bzw. auf bekanntem Terrain, aber in ungewohnter Bewegungsform oder Richtung.

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