Ich war noch nicht geboren, da gab es schon einen Begriff für die Art, wie ich mein Erwachsenenleben führen würde. In seinem Buch „Das Wilde Denken“ führt Claude Lévi-Strauss 1962 den Begriff der „Bricolage“ ein, um das Gegenteil eines planenden, „professionellen“, aber auch konformen Problemlösens zu beschreiben. Ursprünglich war es wohl als Begriff für den Weltzugriff der Naturvölker gedacht, wo es um die konkrete Lösung von Aufgaben geht. In der westlichen Tradition geht eine Konstruktionsphase der Ausführung voraus, erst das Werkzeug, dann die Arbeit. Während Ausführung und Konstruktion im wilden herum Improvisieren ineinander übergehen. Der Ingenieur benutzt die „richtigen“ Werkzeuge, für den Bastler gibt es keinen unangemessenen Gebrauch von Objekten (und wer jetzt an Heimwerker denkt, liegt wahrscheinlich gar nicht so falsch). Dass Bricolage nicht ganz dasselbe ist wie Improvisation möchte ich nur anmerken, nicht weiter ausführen (Ihr wisst schon, der Spül…).
Was mich überrascht, wie gut der Begriff für eine Lebensweise zu gebrauchen ist, die sich von dem gängigen Konsumrausch abzuwenden sucht. Elemente umdeuten, mit dem zu leben, was da ist, neue Bedeutungen/Kontexte finden, aus festgeschriebenen Mustern ausbrechen, nichts Neues, sondern zufällig Entdecktes verwenden, den Dialog mit den Elementen suchen, Spezifikationen aufweichen, Dinge schaffen, die mit nichts zu vergleichen sind, und damit aus einem gängigen Normsystem fallen. Dilettieren auf allen möglichen Ebenen. Ein harmloser Rückzug in die private Bastelidylle? Im schlimmsten Fall. Ansonsten vielleicht eine Möglichkeit, einem völlig durchgestylten Leben zu entkommen. Dinge am Laufen zu halten, ohne es besser oder noch besser zu machen. Sich selbst im eigenen Tun wieder zu finden. Ach, was weiß ich?
Zum Foto: Aber auch Bricoleur und Bricoleuse finden passgenaue Lösungen…

Myriade 17. November 2016
Das Foto ist genial zu dem Text gefunden !! Oder vielleicht war´s umgekehrt. Die beste Text-Bild Kombination. die ich in letzter Zeit gesehen habe .
LikeGefällt 2 Personen
Stephanie Jaeckel 17. November 2016
😉 Danke. Ja, ich hätte es fast übersehen, d.h. es war schon ein anderes Foto ausgesucht. Im letzten Moment habe ich mich dran erinnert…
LikeLike
Myriade 17. November 2016
Gut war´s 🙂
LikeLike
jahreszeitenbriefe 18. November 2016
Wow, dass es diesen Begriff gibt, der wird jetzt eingeführt bei mir 😉 Lieben Gruß aus (m)einem vergnüglichen Jenseits-von-Lifestyle-Leben Ghislana
LikeGefällt 1 Person
Stephanie Jaeckel 18. November 2016
Ja, es ist auch so ein schönes Wort. Man sieht regelrecht, wenn man es hört, wie da eine oder einer rum probiert…
LikeLike
Maren Wulf 18. November 2016
Mir scheint, das Wort, die „Technik“ (des Denkens und freien Assoziierens) passen auch gut auf viele deiner Miniaturen hier im Blog.
LikeGefällt 1 Person
Stephanie Jaeckel 18. November 2016
Ja, das kommt ganz gut mit dem Gefühl zusammen, das ich beim Schreiben oft habe. Denn es sind ja keine „festen“ Texte, die ich poste, sondern Improvisationen, von denen ich im Schreiben sehe, wohin sie führen. Das geht schon mal nach hinten los oder nicht besonders weit, aber es sind trotzdem immer Exkurse ins Unbekannte, bzw. auf bekanntem Terrain, aber in ungewohnter Bewegungsform oder Richtung.
LikeLike
papiertänzerin 18. November 2016
… hab gleich geguckt, ob die Domain noch zu haben ist 😉
LikeGefällt 1 Person
Stephanie Jaeckel 18. November 2016
Oh, beste Idee!!!
LikeLike