(auch) schmusen lernen. Natürlich lässt sich längst nicht jeder Hund streicheln. Aber wenn, führen die Tiere uns vor, wie selbstverständlich es sein kann, Zuneigung zu zeigen. Und Nähe zu wünschen. Doch ja, wir könnten uns diesbezüglich von ihnen etwas abgucken. Man muss sich ja nicht gleich vor Begeisterung auf den Teppich schmeißen. Aber öfter mal ohne Angst, sich zu blamieren, den Liebsten etwas mehr Zärtlichkeit angedeihen zu lassen… – Übrigens sind auch hier Hunde extrem feinfühlig: Wer nicht will, wird auch nicht angeschmust. Da halten sie (zumindest nach meiner Erfahrung) Abstand.
Klassentreffen
Vorweg: Ich bin nicht besonders gern zur Schule gegangen. Ich war in der Klasse zwar nicht ruhig, aber doch eher am Rand: wer unsportlich ist, wenn jede Pause Völkerball gespielt wird, hatte es bei uns schwer. Da meine Eltern nie umgezogen sind, war ich immer in meiner Klasse, die dann in der Oberstufe kleiner durch die Abgänge wurde, und größer, wir waren ab da durch die Wahlfächer in einem Stufenverband. Ich habe eine Mädchenschule besucht. Das heißt, meine Klassenkameradinnen und ich teilen einen neunjährigen Arbeitsalltag.
Sich an die Zeit zu erinnern, ist mir kaum je eingefallen. Ich war froh, endlich aus der Schule zu sein. Ich habe zu meinen Freundinnen weiter Kontakt gehabt – wir studierten an derselben Uni – der Rest fiel irgendwie von mir ab und in Vergessenheit. Das erste Treffen nach 10 Jahren habe ich gemieden. Ich studierte da immer noch und schämte mich, weder beruflich noch privat etwas vorweisen zu können.
Nach 20 Jahren bin ich dann hingegangen. Es ergab sich gut, ich war bei meinen Eltern zu Besuch, musste also nicht extra anreisen. Und ich war positiv überrascht: Wie schön alle Frauen waren! Wie interessant ihre Lebenswege! Das hatte ich gar nicht erwartet. Wir haben damals viel über Familie und Beruf gesprochen, alle hatten soweit ihren Weg gefunden und konnten aus einer Fülle von Erfahrungen erzählen. Neugier war im Spiel. Sicher hier und da auch ein bisschen Angeberei. Und bei den meisten schon der Wunsch, gut dazustehen. Aber das empfand ich nicht als unangenehm. Letztlich habe ich die Schönheit der Frauen in Erinnerung behalten.
Das 30jährige „Jubiläum“ habe ich nicht ganz so fulminant in Erinnerung. Meine Mutter war an Alzheimer erkrankt, ich hatte Sorgen um sie. Andererseits konnte ich an dem Treffen darüber reden: alle zeigten sich interessiert. Und damit war es für mich eben auch keine reine Erinnerungsveranstaltung, sondern eine Begegnung im „laufenden“ Leben.
Überhaupt ist das eine Erfahrung, dass meine ehemaligen Mitschülerinnen alle in derselben Lebenssituation stehen und vergleichbare Probleme haben. Dieses Mal, es sind jetzt 35 Jahre her, seit wir Abi gemacht haben, haben alle mindestens ein Elternteil verloren oder eben pflegebedürftige Eltern. Alle schlagen sich mit dem Altwerden herum, alle sind „gestandene“ Frauen, und Scheitern oder Erfolg spielen nur noch eine nachgeordnete Rolle in den Gesprächen. Es geht eher um Lebenserfahrungen, der eigenen Sinnsuche (wenn auch eher am Rand), um grundsätzliche Einschätzungen, aber auch um die Frage, was einen glücklich macht oder was einem Sorgen macht.
Gleichzeitig kam für mich noch einmal einiges zu Tage, was ich als Kind in der Klasse gar nicht mitbekommen habe: zum Beispiel, wie sehr sich die meisten bei Klassenarbeiten geholfen haben. Ich war immer zu ängstlich zum „pfuschen“. Mit meiner besten Freundin habe ich mich vorbereitet, aber dass da so viel ablief, pffff – da war ich echt platt. Natürlich ist es auch spannend, zu hören, was aus unseren Lehrer/innen geworden ist. Wie sehr sich da meine Einschätzungen bestätigt haben! Die, die ich nicht mochte jedenfalls, haben meist ihre „Quittung“ vom Leben bekommen – jaja, das ist Schadenfreude, das gebe ich zu.
Zwei Frauen sind wie ich gerade in Berlin tätig, wir werden uns bald treffen. Übrigens zwei, mit denen ich als Kind nicht viel anfangen konnte, die mir jetzt dafür um so sympathischer sind. Fazit: für mich war es ein schöner Abend. Einer, an dem ich mich selbst im Rückblick noch einmal ganz anders sehen konnte. Und einer, der mir Mut gibt für die Zukunft, denn auf eine Art habe ich zumindest jetzt das Gefühl: Ich bin nicht alleine.
Die Aquarelle zeigen Käfer aus der Ukraine: Cornelia Hesse Honegger, 1990. Zu sehen im MUDAM, Luxemburg.
Erinnerungen,
auch falsche, sind es, die in mir nach dem Abitreffen nachhallen. Ich fühle mich, wie ein laufender Echoraum.
Abschied nehmen
Mittlerweile verbringe ich viel Zeit auf Friedhöfen, wenn ich meinen Vater im Rheinland besuche. Es scheint so, als sei mit 50 eine Schwelle überschritten. Ab jetzt beginnt der Abschied. Von denen, die mich erzogen und geprägt haben. Aber auf eine Art auch schon vom eigenen Leben. Melancholie, wenn es gut geht. Trauer und auch Angst an schlechten Tagen. Auf jeden Fall merke ich nach den Besuchen an den Gräbern, wie schön die Welt ist. Wie gerne ich lebe. Und wie schnell ich vieles übersehe, wenn ich im Alltag schwimme. Doch. Gelegentlich Auszeiten sind wichtig. Nicht nur fürs Wohlbefinden. Sondern zur Orientierung. Denn wer zu lange im eigenen Trott läuft, wird blind. Mindestens auf einem Auge.
Nein, das kann nicht weg.
Meine kurze Reise nach Luxemburg und ins Rheinland ist zu Ende. Und es zeigt sich einmal mehr: Es reichen schon ein paar Tage Urlaub, um auf neue Gedanken zu kommen.
Besonders anregend fand ich diese Installation der US-amerikanischen Bildhauerin Sarah Sze. Ich war hingerissen und saß eine Weile auf einer nahen Bank. Das Besondere: meine Begleiterin, eine 70jährige Freundin, ließ sich von meinem Vergnügen anstecken. Sie war nur kurz befremdet, und fand, das sei zu komisch, um ernst genommen zu werden. Aber nach und nach konnte sie sich mit der Arbeit anfreunden. Und wir hatten eine lustige Zeit dort – und auch danach, denn wir waren ganz beschwingt von diesem filigranen Durcheinander, so dass uns viele andere Bilder und Aufbauten ansprachen und nach einer Zeit der Betrachtung auch gefielen.
Sarah Sze: Fixed Points Finding a Home, 2012, Collection MUDAM, Luxemburg.
Nach getaner Arbeit…
Auch Hundekinder können sehr fleißig sein…
Gleichstellung?
Das kann ja noch dauern…
Törtchenparadies
Ich komme gerade aus Luxemburg. Was soll ich sagen: Bestes Wetter, schönste Landschaft, netteste Leute, tolle Museen, super Burgen und hmmmmm – Törtchen noch und nöcher. Hatte ich gute Laune!
Ich war als Kind schon einmal dort und konnte mich an die Napoleon-Schnitten erinnern (auch Millefeuilles genannt). Aber es gibt natürlich viel mehr. Luxemburgisches Schweiz wird die Gegend um Echternach genannt, und genau so ist es dort auch (inklusive Preise…). Aber es lohnt sich. Wer also noch ein Ausflugsziel für Pfingsten sucht, oder vielleicht für die Herbstferien: Luxemburg ist unbedingt eine Reise wert.
Lieblings-
Doch, klar, gibt es: Lieblingshunde, Lieblingsmenschen, Lieblingsorte. Ist gar nix gegen. Mütter berichten neuerdings unter viel Unmutsbekundungen über Lieblingskinder. Kann ich mir vorstellen – auch wenn ich keine eigenen Kinder habe. Dennoch. Ich denke, manchmal hilft es, seine Lieblinge über Bord zu werfen. Keine Angst: ich meine das nicht wörtlich. Und beim Lieblingsmenschen würde ich sogar entschieden davon abraten. Aber ist uns eigentlich klar, was uns entgeht, wenn wir immer nur unsere Lieblinge um uns versammeln? Morgens Lieblingskaffee und Lieblingsmarmelade, mittags Lieblingseis, dann Lieblingsschokolade und Lieblingsäpfel, dann – pffff (u.s.f.). „Warum soll ich ein anders Stück Kuchen essen, wenn ich doch weiß, dass ich dieses hier besonders mag? Ich habe doch keine zwei Mägen. Zumal keine zwei Portemonnaies.“ Aber ahnen wir eigentlich, was uns alles entgeht? Lieblingsmusik ist ja auch so ein Kandidat. Ich habe das Gefühl, wir kommen schnell dazu, Vielfalt einzudampfen in Bevorzugtes. Vielleicht denke ich da zu weit. Aber ich fürchte tatsächlich ein wenig, dass die „Lieblinge“ auch ein Zeichen dafür sind, dass wir Eindeutigkeiten mehr lieben als Vieldeutigkeit. Augen auf: wer mehr als einen Liebling hat, ist auf jeden Fall auch schon willkommen 😜
Neuanfang
Früher war ich von Neuanfängen besessen. Zeugen dieser – übrigens stets vergeblichen – Versuche sind angefangene Hefte, auch Tagebücher, mit denen und in denen ich mich als neue Person definieren und ausmalen wollte. Haha. Meist hat meine schreckliche Handschrift die steilen Entwürfe schnell zum Einsturz gebracht: sah doch alles nur mies aus. Wollte ich weder lesen noch weiterschreiben. Zum Glück kam irgendwann der Computer auf den Schreibtisch und ja – irgendwann habe ich im laufenden Betrieb etwas Neues gemacht. Und nicht immer versucht, „erst mal“ (und was für eine Zeitverschwendung!) Tabula rasa zu machen. Heute kann ich aus jeder Bewegung heraus neu anfangen. Ich muss nicht erst zurück auf Los. Auch nicht ins Gefängnis.
Früher habe ich mich möglicherweise zu sehr mit Fehlern aufgehalten. Ich dachte, die müssen weg, um einen geraden Weg einzuschlagen. Heute arbeite ich die Fehler ein. Ein Neuanfang kann mit jedem Atemzug beginnen. Hier etwas neu anfangen, dort etwas ändern. Ich denke sogar, man (oder zumindest ich) sollte schnell mit Veränderungen sein. Sonst rollt die Routine drüber. Um ehrlich zu sein: Wahrscheinlich bin ich zu alt für einen Neuanfang. Aber ich sehe etwas, was mich noch viel mehr reizt: Das Ausprobieren neuer Facetten. Vielleicht wäre ja ein kurzer Jogging-Spurt durch den Park ein vielversprechender Anfang?







