Klassentreffen

Vorweg: Ich bin nicht besonders gern zur Schule gegangen. Ich war in der Klasse zwar nicht ruhig, aber doch eher am Rand: wer unsportlich ist, wenn jede Pause Völkerball gespielt wird, hatte es bei uns schwer. Da meine Eltern nie umgezogen sind, war ich immer in meiner Klasse, die dann in der Oberstufe kleiner durch die Abgänge wurde, und größer, wir waren ab da durch die Wahlfächer in einem Stufenverband. Ich habe eine Mädchenschule besucht. Das heißt, meine Klassenkameradinnen und ich teilen einen neunjährigen Arbeitsalltag.

Sich an die Zeit zu erinnern, ist mir kaum je eingefallen. Ich war froh, endlich aus der Schule zu sein. Ich habe zu meinen Freundinnen weiter Kontakt gehabt – wir studierten an derselben Uni – der Rest fiel irgendwie von mir ab und in Vergessenheit. Das erste Treffen nach 10 Jahren habe ich gemieden. Ich studierte da immer noch und schämte mich, weder beruflich noch privat etwas vorweisen zu können.

Nach 20 Jahren bin ich dann hingegangen. Es ergab sich gut, ich war bei meinen Eltern zu Besuch, musste also nicht extra anreisen. Und ich war positiv überrascht: Wie schön alle Frauen waren! Wie interessant ihre Lebenswege! Das hatte ich gar nicht erwartet. Wir haben damals viel über Familie und Beruf gesprochen, alle hatten soweit ihren Weg gefunden und konnten aus einer Fülle von Erfahrungen erzählen. Neugier war im Spiel. Sicher hier und da auch ein bisschen Angeberei. Und bei den meisten schon der Wunsch, gut dazustehen. Aber das empfand ich nicht als unangenehm. Letztlich habe ich die Schönheit der Frauen in Erinnerung behalten.

Das 30jährige „Jubiläum“ habe ich nicht ganz so fulminant in Erinnerung. Meine Mutter war an Alzheimer erkrankt, ich hatte Sorgen um sie. Andererseits konnte ich an dem Treffen darüber reden: alle zeigten sich interessiert. Und damit war es für mich eben auch keine reine Erinnerungsveranstaltung, sondern eine Begegnung im „laufenden“ Leben.

Überhaupt ist das eine Erfahrung, dass meine ehemaligen Mitschülerinnen alle in derselben Lebenssituation stehen und vergleichbare Probleme haben. Dieses Mal, es sind jetzt 35 Jahre her, seit wir Abi gemacht haben, haben alle mindestens ein Elternteil verloren oder eben pflegebedürftige Eltern. Alle schlagen sich mit dem Altwerden herum, alle sind „gestandene“ Frauen, und Scheitern oder Erfolg spielen nur noch eine nachgeordnete Rolle in den Gesprächen. Es geht eher um Lebenserfahrungen, der eigenen Sinnsuche (wenn auch eher am Rand), um grundsätzliche Einschätzungen, aber auch um die Frage, was einen glücklich macht oder was einem Sorgen macht.

Gleichzeitig kam für mich noch einmal einiges zu Tage, was ich als Kind in der Klasse gar nicht mitbekommen habe: zum Beispiel, wie sehr sich die meisten bei Klassenarbeiten geholfen haben. Ich war immer zu ängstlich zum „pfuschen“. Mit meiner besten Freundin habe ich mich vorbereitet, aber dass da so viel ablief, pffff – da war ich echt platt. Natürlich ist es auch spannend, zu hören, was aus unseren Lehrer/innen geworden ist. Wie sehr sich da meine Einschätzungen bestätigt haben! Die, die ich nicht mochte jedenfalls, haben meist ihre „Quittung“ vom Leben bekommen – jaja, das ist Schadenfreude, das gebe ich zu.

Zwei Frauen sind wie ich gerade in Berlin tätig, wir werden uns bald treffen. Übrigens zwei, mit denen ich als Kind nicht viel anfangen konnte, die mir jetzt dafür um so sympathischer sind. Fazit: für mich war es ein schöner Abend. Einer, an dem ich mich selbst im Rückblick noch einmal ganz anders sehen konnte. Und einer, der mir Mut gibt für die Zukunft, denn auf eine Art habe ich zumindest jetzt das Gefühl: Ich bin nicht alleine.

 

Die Aquarelle zeigen Käfer aus der Ukraine: Cornelia Hesse Honegger, 1990. Zu sehen im MUDAM, Luxemburg.

 

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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