Gespenster

Sie kommen nicht nur nachts. Und sie bevölkern längst nicht nur die Außenwelt. Sie können durch Wände gehen, und sie geistern auch durch uns selbst, durch unsere Körper und Gedanken und wer schreibt, so die These von Ulrike Draesner, stellt sich den Gespenstern. Weil jede/r Schreibende Grenzen überschreitet, also dort unterwegs ist, wo Gespenster sich gemeinhin tummeln.

Die Frankfurter Poetik-Vorlesung von Ulrike Draesner, die bei Reclam unter dem Titel „Grammatik der Gespenster“ Anfang des Jahres erschien, ist ein Ritt durch fünf verschiedene Literaturgattungen, Draesner zählt neben der Novelle, dem Essay, dem Roman und dem Gedicht auch die neu entdeckte Form des „Nature Writing“ hinzu.

Eine Vorlesung, die mich schon auf den ersten Seiten überfordert. Denn ich bin keine Literaturwissenschaftlerin. Vieles ist in so einem Tempo und aus verschiedensten Abteilungen des Literaturwissens erwähnt, dass mir der Atem ausgeht. Dennoch macht es mir bislang erstaunlich viel Spass, trotz vieler Fragezeichen im Kopf weiterzulesen. Das liegt zum einen der dem ersten Kapitel zu Grunde liegenden Novelle „Kanalschwimmer“, einem eigenen Text der Autorin, dessen Entstehungsgeschichte sie uns schildert. Denn die Story ist schon mal toll und interessiert mich als „Neu-Schwimmerin“ (alter Mann will Ärmelkanal durchqueren) – dazu kommen viele Dinge über die Sprache an sich und eben das Schreiben, die ich längst ahnte, aber so noch nie gehört hatte.

So schreibt Ulrike Draesner, dass Grenzen, also die Orte, an denen wir uns schreibend aufhalten, Stellen sind, an denen – wie sie schreibt – „verhandelt, definiert, erfunden wird“. Unsere Vorstellungskraft wird an diesen Grenzen selbst zu Gespenstern, wir „entwerfen uns, vervielfältigen uns“, weil, und hier zitiere ich: „wir Möglichkeits-, ja Täuschungsräume brauchen, um zu erleben und zu wachsen.“

Zwei Seiten weiter erklärt sie sehr anschaulich, warum wir heute authentische Texte so schätzen, und warum es dennoch ein Denkfehler ist, dass Authentizität reiche, um ein (gutes) Buch zu schreiben: Kunst nämlich ist nicht jedem zugänglich. Sie ist elitär, intellektuell und intelligent. Wir wünschen uns eine voraussetzungslos demokratische Kunst, doch das ist sie nicht und kann sie – laut Draesner (und ich schließe mich dieser Ansicht an) – auch nicht sein. Sie schreibt:

„(…) Schreiben kann jeder. Tippen doch wenigstens. Auch Erlebnisse hat jeder. Wäre da nicht das Ärgernis der Form. Literarische Form ist eine Erscheinungsweise von Intelligenz und Lust. Lust an ästhetischer Bewegung, an >unsichtbarer< Konstruktion.

Erleben hilft hierbei nicht. Form geschieht auf vielen Ebenen zugleich, ist der gesamte Aufbau, jedes Kapitel, jeder Absatz, jeder einzelne Satz, die Wortfolge in diesem Satz, betrifft die Klanglosen durch die Sätze hindurch, die Muster der Figurenbewegungen durch den gesamten Text, der Gedanken selbst.“ (S. 24/25)

Das ist sicher nicht als Abschottung gegen ein Publikum oder Autorenaspirant/innen aller Couleur zu verstehen, zeigt jedoch, dass Kunst nicht automatisch entsteht. Kunst ist längst nicht „nur“ Welterzählung, sondern immer auch ihre Alternative. Insofern kann Wahrheit nicht – hier zitiert Draesner den Philosophen Nelson Goodman – als „Korrespondenz mit einer fertigen Welt“ (S. 25) begriffen werden, literarische Wahrheit nicht als Konstrukt, das sich an der Wirklichkeit messen lässt. Ein sehr schöner Gedanke kommt zwischendurch kurz zur Sprache, hier wird die enorme Weite spürbar, die Texte vermitteln können:

„(Unsere Sprache) ist größer als jeder Einzelne, größer als das lebende Kollektiv ihrer Benutzer, größer in der Unendlichkeit ihrer Kombinierbarkeiten als wir begreifen. Sie ist ihrerseits ein >Jenseits< (gemeint ist hier die Tiefe in die Vergangenheit, die uns als Lebewesen sowohl genetisch als auch kulturell eingeschrieben ist. S.J.), das uns umgibt.“ (S. 14)

Ich bin überfordert und be-geistert (haha). Ich werde also weiterlesen und mich noch einmal aus dieser Lektüre melden. Bis dahin gilt mein Dank dem Reclam-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ulrike Draesner: Grammatik der Gespenster. Frankfurter Poetikvorlesung. Stuttgart 2018. Auch als E-Book erhältlich

 

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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