Blogparade: „Was bedeutet das Meer für mich?“ #DHMMeer

Ich lebe in Berlin Kreuzberg. Den einzigen Zugang zu Meer habe ich dort in einem kleinen Lokal keine 200 Meter von meiner Wohnung entfernt. Es heißt „Café AM MEER“ und – doch, ja, das funktioniert – zumindest, wenn ich die Augen schließe und bei Sonne draußen auf der kleinen Straßenterrasse sitze. Ich habe sogar mal einen kleinen Text in einer noch kleineren Kiezzeitschrift veröffentlicht: „Kreuzberg am Meer“, da brandeten die Fluten oben am Tempelhofer Feld an, und der Leuchtturm, der ja damals noch jede Nacht unseren Himmel mit seinen Lichtsignalen durchschnitt (der Tempelhofer Flughafen wurde noch genutzt), war Orientierungspunkt für die täglich einbrechenden Nebelschwaden.

Meine Liebe zum Meer ist mir wahrscheinlich von vielen Vorfahren mitgegeben. Schon als Winzling entkam ich meinen Eltern am Nordseestrand Richtung Brandung. Obwohl ich ansonsten noch gar nicht fix im Laufen war. Es gibt einen kleinen Film davon, und ich lache jedes Mal darüber, wie ich den Erwachsenen davonrenne und mit feinen kleinen Lederschühchen – manchmal natürlich auch ganzkörpermäßig – ins Wasser stürze. Hahaha. Als mir der Kurator der Fischabteilung im Berliner Museum für Naturkunde erklärte, dass ja letztlich auch die Fische unsere Vorfahren sind, war mir das ehrlich gesagt fast einleuchtender als die Affen.

Das Meer ist seit Jahrtausenden der wichtigste Verkehrsweg auf unserem Planeten. Noch vor Eisenbahnen und lange vor dem Straßensystem war der Seeweg eine Möglichkeit, weit voneinander entfernte Orte miteinander zu verbinden. Für die Menschen war das Meer die Sehnsucht nach anderen Möglichkeiten, nach anderen Menschen und Lebensweisen – und gleichzeitig ein Versprechen. Wer nur einmal auf großer Fahrt war, kam verändert zurück. Wir lesen das bei James Cook ebenso wie bei Chamisso oder Alexander von Humboldt. Als Kind wusste ich natürlich nichts davon. Aber die Sehnsucht habe ich von Anfang an gespürt. Große Wasserflächen im Licht sind magisch. Um so mehr als sich unter der Oberfläche ein ganz eigenes Universum verbirgt. Erst letztes Jahr habe ich mir einen größten Lebenswunsch erfüllt. Ich bin nach Kalifornien gefahren, um den Pazifik zu sehen, den größten Ozean der Welt. Er hat mich nicht enttäuscht. Und er hat mir auch eine eindrückliche Lektion erteilt. Denn kein Meer der Welt ist nur schön. Es ist gefährlich für uns Menschen, wenn wir uns nicht mit genügend Respekt nähern. Kinder in Monterey, die dort am Strand mit einem Ball spielten, gaben ihn sofort verloren, als er noch ganz nah an der Brandung ins Wasser fiel. Kein einziges Kind hatte auch nur den Reflex, dem Ball hinterherzulaufen. Die Lektion war klar: Das Meer ist stärker. Der Ball ist weg.

Über das Meer haben unsere Vorfahren enorm viel über das Leben an Land gelernt. Denn im Meer hängt alles mit allem zusammen. In einer engeren Symbiose, als das auf dem Trockenen zu erkennen ist. Schon auf frühen niederländischen Stichen sehen wir von den Seeleuten an Land gebrachte Fische, denen andere Fische – einer in dem anderen, ganz wie die russischen Matroschka-Püppchen – aus dem Rachen hängen, kein schöner Anblick, aber Sinnbild dafür, dass der Größere den Kleineren frisst und der Eine ohne den Anderen nicht sein könnte. Das mit der Größe stimmt natürlich nicht uneingeschränkt. Der Berliner Fischkurator machte mich darauf aufmerksam, dass die ersten Zähne bei Lebewesen (und die kamen bei Fischen aus dem Gaumen gewachsen), auch den Kleinen eine Chance gaben und die Machtbalance im Urmeer neu aufmischte. Im 19. Jahrhundert war endlich das Meer selbst Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen im großen Stil. Erst jetzt gab es Geräte, um Wassertiefe, Fließgeschwindigkeit, Salzgehalt und was noch alles genau zu erforschen. Alexander von Humboldt war einer der großen Pioniere, er entdeckte Meeresströmungen, verstand den Zusammenhang zwischen Meereserdbeben und Vulkanausbrüchen an Land und überhaupt die Tatsache, dass sich am Meeresgrund einiges tat, was die Kontinente betraf. Er ahnte, dass sich unter Wasser ein genauso reiches Leben abspielt als an Land. Aber er konnte vieles noch nicht beweisen, weil entsprechende Messgeräte fehlten. Erst mit der Entwicklung robuster Tauchkapseln kamen die Forscher/innen den Vermutungen Humboldts und denen seiner Kollegen auf die Spur. Tatsächlich ist das Meer ein noch ein recht junger Forschungsbereich – entsprechend gibt es auch viel mehr Frauen, die sich hier hervorgetan haben, auch wenn bis in die 1960er Jahre Frauen noch nicht an Bord von Schiffen erlaubt waren: sie brachten angeblich Unglück!

Ohne Meer kein Leben auf der Welt. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte gelernt haben. Das Meer ist für das Klima verantwortlich, für den Warentransport, es ist eine Pufferzone zwischen Nationen und könnte helfen, den Dialog zu fördern, statt Grenzen höher und höher zu ziehen. Die Ozeane sind ein System, in dem das Recycling eine erste Rolle spielt: Auch hier können wir nicht nur, wir müssen auch lernen, wenn wir die Überlebenschancen unserer Kinder und Enkel nicht weiter gefährden wollen.

Für mich ist das Meer ein größtes Glück. So viel Schönheit, Kraft und Lebendigkeit auf einmal gibt mir das Gefühl, in einer wundervollen, wenn eben auch gefährlichen und bedrohten Welt zu leben. Das Meer macht mich groß und klein zugleich. Es zeigt mir Grenzen auf und bietet Horizonte. Gerade für Europa war das Meer schon immer das Tor zur Welt. Menschen werden sicher auch in Zukunft weiterhin auf den Kontinenten leben. Aber der Blick aufs Meer ist nicht nur lohnend. Er ist wesentlich für ein friedliches Leben, damit meine ich nicht nur den Frieden unter den Menschen, sondern auch den zwischen Menschen und anderen Lebewesen. Vielleicht wäre es eine beste Idee, europäischen Landratten eine Reise ans Meer zu spendieren. Um Schwimmen zu lernen: eine der überlebenswichtigsten Fähigkeiten überhaupt.

P.S. Die Blogparade ist für alle Blogger/innen und Nicht-Blogger/innen geöffnet: zu finden auf der Webseite des Deutschen Historischen Museums: http://www.dhm.de/blog/2018/06/20/blogparade-europa-und-das-meer-was-bedeutet-mir-das-meer-dhmmeer/

P.P.S. Den Hinweis auf die Blogparade habe ich von http://www.geschichtenundmeer.wordpress.com – herzlichen Dank!!!

 

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 18

  1. Tanja Praske 23. Juni 2018

    Liebe Stephanie,

    merci für dein herrliches #DHMMeer – wunderbare Gedanken – bin richtig froh, dass du über Geschichten und Meer auf unsere Blogparade aufmerksam geworden bist.

    Finde deine Schleife zu Humbold absolut klasse. Mit dir gibt es 5 Beiträge bislang, werden noch alle am Montag in der Einladung zur Blogparade nachgetragen, und ihr zeigt ganz verschiedene Sichtweisen!

    Herzlichen Dank – wünsche dir ein schönes Wochenende!

    Sonnige Grüße
    Tanja von KULTUR-MUSEUM-TALK

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  2. Pingback: Märchenhaftes! Wie das Salz ins Meer kam - #dhmmeer

  3. pix4pix 26. Juni 2018

    Hallo Stephanie,
    vielen Dank für Deine Gedanken zur Blogparade.
    Den letzten davon finde ich aber schrecklich!
    Noch mehr Landratten ans Meer karren?
    Ist es nicht schon überall auf der Welt am Meer zu voll?
    Denk ich an die Strände und die Bausünden überall, wird mir ganz elend.

    In meinem eigenen Beitrag habe ich es erwähnt: in meiner Familie war nur mein Großvater jemals am Meer…!
    Schwimmen kann man auch an Flüssen, Seen und im Schwimmbad lernen…

    Mit gut gemeintem Gruß
    Peter

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    • Stephanie Jaeckel 26. Juni 2018

      Lieber Peter, keine Sorge, wird schon keiner in die Wege leiten. Außerdem war das mit dem Schwimmen metaphorisch gemeint (wie die Ratten). Es geht darum, Weite zu erfahren, Unsicherheit und Schönheit. An einem See, im Schwimmbad oder an Flüssen kann man sicher Wasser an sich kennenlernen und auch viel Schönheit sehen (na, im Schwimmbad vielleicht eher nicht so), aber das – sagen wir mal „System“ – Erde nicht verstehen. Die Welt besteht aus 70% Meer. Wir am Land haben das einfach noch kapiert. Darum geht es mir.

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  4. Pingback: Blogparade #DHMMeer – Das Meer, mein blaues Band – watt & meer

  5. Pingback: Verfahren – wie sie mit dem Meer leben ~ Cabinetto

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