Die Frage kommt aus zwei Richtungen. Zum einen, weil ich immer wieder an die denke, die hier in der Stadt ohne Wohnung leben. Sei es draußen, sei es in Notunterkünften oder in Turnhallen. Könnte ich das? Würde ich es unter bestimmten Umständen sogar etwas anderem (aber was?) vorziehen? Zum anderen, weil ich gerade immer wieder mit Malern befasst sind, die Innenräume „porträtiert“ haben. Oder zumindest immer wieder gemalt, wie Pierre Bonnard zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wollte, und das finde ich sehr spannend, einen Raum so zeigen, wie er ihn das erste Mal sieht. Denn das ist eigentlich – oder mir scheint es oft so – gar kein räumliches Sehen, sondern eins, wo nur bestimmte Dinge die Aufmerksamkeit erregen. Gleich beim nächsten Besuch sieht es dann wieder anders aus, ich jedenfalls bin sehr nachlässig im Räume-Gedächtnis und brauche lange, bis ich mir die Wohnung neuer Freund/innen eingeprägt habe.
Räume sind zudem Resonanzräume für ihre Bewohner/innen – und es scheint alles, was wir dort sehen, auf sie zurückzuweisen. Ob das immer so ist? Und ob jedes Detail etwas über die dort Wohnenden verrät? Vielleicht ja nur so viel, dass ihnen Wohnen nicht so wichtig ist. Wie sehen Wohnungen von wirklich Sesshaften aus? Wie die von Wanderern? Gibt es offene Wohnungen auch da, wo jemand seit über 20 Jahren seine Bettstatt hat? Oder zementieren wir uns im Laufe der Jahre unwillkürlich zu? Was bedeutet Euch wohnen? Wenn Ihr Lust habt, schreibt was.

mannigfaltiges 2. Februar 2016
Ich habe nicht gerne Besucher in meiner Wohnung. Wohnen ist die Abwesenheit von Besuchern. Ein Rückzug von der Welt „da draussen“. Es kommt nicht darauf an was in der Wohnung rumsteht oder hängt oder was auch immer. Oder wie sieh aussieht Wichtig ist eine Tür die man zumachen kann. Wo diese Wohnung ist, ist unwesentlich. Ob Hotelzimmer, Bootskabine etc. ist egal. Nach ein paar Stunden geschlossener Tür ist das dann meine „Wohnung“.
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Stephanie Jaeckel 2. Februar 2016
Ich habe mal bei Víllem Flusser gelesen, wie er Wohnung oder zu Hause als Ausgangspunkt des Menschen für die Entdeckung der übrigen Welt beschreibt. Leider weiß ich nicht mehr, wie seine Argumentation genau ging. Aber ich fand die Idee von einem eigenen, geschlossenen Ort ins Offene zu gehen, sehr plausibel. Wie geschlossen dieser Ort ist, bleibt wahrscheinlich jedem oder jeder Einzelnen überlassen. Ist wahrscheinlich auch eine Art Definitionsfrage: Gehören zum Beispiel meine Freund noch zu mir und damit in meine Wohnung, oder nicht? Etc.
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mannigfaltiges 2. Februar 2016
Ein Ausgangspunkt für die Entdeckung der Welt – ein schöner Gedanke.
Und ja, entscheiden und definieren soll es jeder für sich selber, wobei das soziale Umfeld natürlich eine große Rolle dabei spielt.
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Peggi Liebisch 17. Februar 2016
Víllem Flusser sagt, die künftige Raumgestaltung werde nicht eine Spezialisation, sondern eine Generalisation sein. Das finde ich nachvollziehbar, weil das Spezielle sich in leeren Räumen am besten entfalten kann. LG
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Jaelle Katz 2. Februar 2016
Es gab eine Zeit, in der bin ich umgezogen, bevor das letzte Bild überhaupt an der Wand hing.. Ich würde die Wohnung eher als das Behältnis sehen, in das ich meine Dinge räumen kann. Mal sehen, ob und was mir dazu einfällt. 🙂
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Stephanie Jaeckel 2. Februar 2016
Dazu kommt mir auch etwas in den Sinn: Schuhschachteln, in die wir als Kinder Zimmer – oder gleich ganze Puppenhäuser – hinein bastelten. Für mich jedenfalls gehört das Ausstatten eine Wohnung – auch wenn es nur sehr sparsam ist – dazu. Wenn ich mal ein oder zwei Wochen ein Zimmer miete, bringe ich sofort Steine, Blumen oder Äste von draußen mit, oder ich kaufe ein paar Postkarten, um sie aufzustellen. Dann fühle ich mich gleich wohler.
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Jaelle Katz 2. Februar 2016
Da isses: http://www.jaellekatz.de/fragen/was-bedeutet-mir-wohnen
Viel Vergnügen.
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sgeisel 2. Februar 2016
Wohnen hat für mich zu tun mit Wohlbefinden. Die Wohnung als Energie-Zentrum, wo man alle Batterien aufladen kann. Ist ein anspruchsvolles Konzept, zumal wenn man nicht allein wohnt und also nicht Herrin der eigenen vier Wände ist. Heimkommen, aufatmen, „endlich bin ich da, wo alles in Ordnung ist und ich einfach SEIN kann“ – was für eine Utopie! Stattdessen stolpert man über Schuhe und Taschen, muss in der Küche aufräumen, bevor man sich einen Tee kochen kann, etc.
Die Kunst des Wohnens will, wie alle Künste, gelernt und geübt sein. Aber dann!
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Stephanie Jaeckel 2. Februar 2016
Wow! Die Wohnung als Batterie. Das gefällt mir. Eine funktionierende Heizung und ein gut gefüllter Kühlschrank mögen da schon eine Menge bieten – Schuhe und Taschen fliegen leider immer rum. Auch wenn es nur die eigenen sind (zum Trost). Aber eben – und zum Glück: da ist noch viel Platz nach oben!
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papiertänzerin 2. Februar 2016
… gerade bin ich allein in unserer Familienwohnung und fühle mich ein wenig verloren, so viele Dinge erzählen von Abwesenheit, aber ich geniesse es auch: ist ein bisschen wie es früher war, als ich noch allein lebte und die Dinge blieben, wo sie waren. Wohnung ist für mich Rückzug, Höhle, Auftanken, Familienzelt, auch Gestaltungsraum (aber weniger als früher). Was ich mir wieder mehr wünsche sind unkomplizierte Freundschaftstreffen: klingeln, zusammen kochen, in der Küche hocken, reden, schweigen, zusammen sein.
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Stephanie Jaeckel 2. Februar 2016
Eine Wohnung als Nomadenzelt für Vorbeikommende vielleicht auch, in dem man Essen und Gespräche teilt, gemeinsame Zeit verbringt. Auf jeden Fall ist eine Wohnung auch für mich eine Art Transitraum für Gedanken, Ideen.
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Maren Wulf 2. Februar 2016
Vor allem anderen: ein Raum, in den ich mich zurückziehen kann, eine Tür, die ich schließen kann, wenn die Welt draußen zu laut, zu viel wird. In diesem Raum habe ich durchaus gern Besuch. Das ist kein Widerspruch, ich mache die Tür ja freiwillig auf.
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Stephanie Jaeckel 2. Februar 2016
Ja, sieht so aus, dass wir uns nach beidem sehnen, einem eigenen Rückzugsort, einem Platz, wo mit Sicherheit nichts über uns hinein bricht (weder Wetter, Lärm, noch ungebetener Besuch), und nach einem Treffpunkt. Und sei er nur mit uns selbst. Ein Ort, an dem sich Staub ansammelt, ist letztlich auch einer, in dem sich nichts so rasch bewegt (außer man hat genug Fenster, um Durchzug zu machen). Es bleibt in gewisser Weise auch ein bestimmter Überblick. Und ein Kraftzentrum allemal.
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Peggi Liebisch 17. Februar 2016
Resonanzräume – ja. Aber nur für die Verortung der Bewegung, die darin stattfindet – mit anderen. Was wir in der Wohnung sehen, kann – finde ich – nicht wirklich Aufschluss darüber geben, wer darin lebt. Wohnungen sind eigentlich mehr Kulissen für Szenen, die sich darin abspielen. Morgen ist vielleicht alles anders.
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Stephanie Jaeckel 17. Februar 2016
Theoretisch stimme ich Dir sofort zu, praktisch kenne ich keine Wohnung, die morgen anders aussieht (vom Grad des Chaos vielleicht abgesehen)…
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Peggi Liebisch 18. Februar 2016
Ja stimmt, die Gegenstände ändern sich darin nicht wesentlich… vielleicht jedoch die Art wie die Personen sie wahrnehmen… wenn die Kaffeemaschine zum Kunstobjekt wird…
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